Stress ist wie eine Droge: Wer länger damit in Kontakt bleibt, kommt nur schwer wieder runter. Und das betrifft heute leider erstaunlich viele.Dass Stress im Grunde eine gute Sache ist, die unsere Kräfte mobilisiert, wissen inzwischen wohl die meisten. Was bei Stress aber genau im Körper abläuft, wissen deutlich weniger. Dabei ist das Verständnis der erste Schritt, um mit Stress künftig besser umzugehen. Deshalb an dieser Stelle eine kleine Ablaufübersicht, wie Stress biologisch wirkt:

  • Alarm! Es droht Gefahr, der Stresspegel steigt. Dieser bringt den Körper binnen Sekunden auf Hochtouren. Zuerst aktiviert das Gehirn das autonome Nervensystem und damit die beiden Nervenstränge des Sympathikus (Kampf/Flucht) und des Parasympathikus (Erholung/Verdauung), die alle Organe im Körper steuern.
  • Der Sympathikus benachrichtigt die Nebennieren – ein kleines Organ, das wie eine Kappe über den Nieren sitzt. Im Nebennierenmark wird daraufhin der Botenstoff (auch „Neurotransmitter“ genannt) Adrenalin freigesetz; gleichzeitig wird der Botenstoff Noradrenalin aus den Nervenendigungen des sympatischen Nervensystems binnen Millisekunden ins Blut ausgeschüttet. Beide Neurotransmitter verteilen sich blitzartig im Körper. Sie lenken die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen, so beschleunigen sich sämtliche Abläufe: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Muskeln werden optimal mit Sauerstoff versorgt und spannen sich an – bis hin zum sprichwörtlichen Zittern vor Angst. Zugleich wird über das Adrenalin der Speichelfluss vermindert. Deshalb bleibt einem auch unter Stress sprichwörtlich die Spucke weg. Ebenso werden Zucker- und Fettreserven im Körper mobilisiert. Das Gehirn ist hellwach: Denkleistung und Entscheidungsgeschwindigkeit erhöhen sich enorm.
  • Die Pupillen weiten sich, um mehr Licht durchzulassen. Anfangs und im Extremfall kann es dadurch auch zu verschwommenem Sehen und Störbildern kommen.
  • Parallel wird das Blut in die Skelettmuskulatur und die inneren Organe umgelenkt. So droht man bei leichten Verletzungen auch nicht zu verbluten. Nebeneffekt: Hände und Füße werden kalt, das Gesicht blass, aber der Körper wird optimal auf Kampf oder Fluchtreaktionen vorbereitet.
  • Die Körpertemperatur steigt bei einigen von durchschnittlich 36,5 Grad auf 37 Grad. Damit wir nicht überhitzen, werden gleichzeitig die Schweißdrüsen angeregt.
  • Die Atmung beschleunigt sich, die Bronchien weiten sich. Kurzfristig kann Brustdrücken und das Gefühl von Atemlosigkeit auftreten. Das Ziel ist aber letztlich eine optimale Sauerstoffversorgung.
  • Ebenso wird eine weitere sogenannte Stresshormon-Achse aktiviert, die allerdings im Vergleich zum sympatischen Nervensystem etwas zeitverzögert auf Streß reagiert. Im Hypothalamus, einer Region im Zwischenhirn, wird der Botenstoff CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) ausgeschüttet. Das CRH stimuliert die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) – das Hormonzentrum des Körpers. Diese gibt nun das Hormon ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) ins Blut.
  • Über das Blut gelangt das ACTH zur Nebenniere und veranlasst dort die Ausschüttung des Hormons Kortisol (Auch das Kortisol mobilisiert die Glucose- und Fettreserven. Gleichzeitig senkt es die Schmerzempfindlichkeit, kann das Immunsystem unterdrücken, beschleunigt aber die Blutgerinnung – falls es Wunden gibt. Wird die Nebenniere über längere Zeit durch ACTH stimuliert, kann sie sich sogar vergrößern, wodurch die Kortisol-Produktion zwar immens gesteigert wird, der Prozess sich allerdings auch verselbständigen kann. Der Körper schaltet dann auf Daueralarm. Spätestens dann macht Stress krank.
  • Das Hormon Vasopressin wiederum sorgt in der Niere dafür, dass weniger Flüssigkeit ausgeschieden wird. Eine volle Blase würde bei Angriff oder Flucht auch nur behindern.
  • Der Parasympathikus drosselt nun, für die Stressreaktion unwichtige Körperfunktionen, wie Verdauung, Sexualtrieb und Wachstum. Bei einigen Menschen kann es in akuten, intensiven Stressituationen durch das Anspannen der Muskeln allerdings auch zum gegenteiligen Effekt kommen: Harndrang und Durchfall – der Körper erleichtert sich.
  • Sobald die Gefahr gebannt ist, ergreift der Körper Gegenmaßnahmen, um zur Ruhe zurückzufinden: Die Neurotransmitter Adrenalin und Noradrenalin werden so schnell wie möglich wieder abgebaut.
  • Auch das Kortisol selbst hemmt seine eigene Ausschüttung. Über eine negative Rückkopplung dämmt es die weitere Produktion von CRH und ACTH ein. Der Stresslevel fährt runter. Wir reagieren wieder normal.

Falls diese Funktionen natürlich ablaufen, entstehen überhaupt keine körperlichen Schäden. Stress ist ein natürlicher Vorgang, den wir sogar erleben, wenn wir uns freuen oder küssen. Problematisch wird es erst dann, wenn sie die Stress-Hormon-Funktionen verselbständigen. Dann hilft oft nur eins: Bewegung. Stress stellte den Mensch ursprünglich auf Flucht oder Angriff ein. Beides sind körperlich sehr aktive Phasen. Bewegung hilft dann ebenso natürlich, den aufgestauten Druck wieder abzubauen. Das muss gar nicht viel sein. Eine Runde strammes Spazieren um den Block reicht schon.