„Würden Sie in einem Jobinterview lügen?“
„Natürlich nicht. Ich lüge nie.“
„Nie?“
„Ja, nie.“
„Sie würden auch nicht Menschen anlügen, die Sie lieben?“
„Die sowieso nicht.“
„Konfuzius hat einmal gesagt: Es ist besser zu lügen und den Frieden zu bewahren als die Wahrheit zu sagen und Zwietracht zu sähen. Stimmen Sie dem zu?“
„Überhaupt nicht. Ich würde niemals lügen. Nie! Die Wahrheit ist immer besser.“
„Diese Antwort gefällt mir. Haben Sie eigentlich Kinder?“
„Ja, zwei sogar. Einen Jungen und ein Mädchen – sie sind 3 und 5 Jahre alt.“
„Ein schönes Alter. Können Sie sich noch an die schlimmste Frage erinnern, die Ihnen eines Ihrer Kinder gestellt hat?“
„Oh ja! Vor kurzem wollte die Jüngste wissen, wie Kinder entstehen… “
„…und da haben Sie ihr die ganze Wahrheit gesagt…“
„Nun, äh, tja, also… nicht direkt. Ich habe sie an meine Frau verwiesen.“
„Ein schlauer Schachzug. Und was ist mit Weihnachten? Dem Christkind?“
„Ich verstehe nicht ganz…“
„Gibt es die wirklich, Papa?“
„Ich kann meinen Kindern doch nicht dieses romantische Erlebnis rauben!“
„Halten wir also fest: Sie belügen der Romantik wegen Menschen, die Sie besonders lieben. Mich lieben Sie sicher nicht. Was hindert Sie also daran, in diesem Vorstellungsgespräch zu schummeln?“

Zugegeben, dies ist ein fiktiver Dialog. Tatsächlich wäre das natürlich eine äußerst fiese rhetorische Falle des Interviewers gewesen. Dafür zeigt das Beispiel umso plastischer, dass der Kandidat bereits mit seiner ersten Aussage gelogen hat…

Die Wahrheit ist: Wir lügen alle! Bei einer Untersuchung der Universität von Massachusetts Amherst kam heraus, dass 84 Prozent der Bewerber an einer Stelle im Vorstellungsgespräch mindestens die Realität aufmotzen. Vor allem Extrovertierte Menschen nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau.

Auch wenn das Flunkern seit Menschengedenken verpönt ist (die Philosophen Aristoteles, Augustinus oder Immanuel Kant fanden die bewusste Täuschung unmoralisch und verwerflich, die Bibel nennt sie schlicht Sünde), kommt es täglich vor: Schon mit vier Jahren beginnen Kinder bewusst zu mogeln, Kindermund tut eben nicht durchweg Wahrheit kund. Der amerikanische Psychologe John Frazer behauptet gar, dass jeder erwachsene Mensch täglich im Schnitt rund 200 Mal lügt. Das Spektrum der Unwahrheiten reicht dabei von Ausreden, Notlügen, Meineiden, Prahlerei, Heuchelei, Intrigen bis hin zur faustdicken Lüge. Laut wissenschaftlichen Untersuchungen geschieht das aus vier Kernmotiven: 41 Prozent lügen, um sich Ärger zu ersparen, 14 Prozent schummeln, um sich das Leben bequemer zu machen, 8,5 Prozent manipulieren, um geliebt zu werden und 6 Prozent schwindeln aus Faulheit.

Unwahrheiten und Übertreibungen sind evolutionärer Alltag, bei dem die Tiere uns Menschen in Sachen Hochstapelei kaum nachstehen. Die Schwebfliege Syrphidae zum Beispiel sieht der Wespe zum Verwechseln ähnlich und versucht so ihre Fressfeinde abzuschrecken. Signalfälschung oder Mimikry heißt das in der Fachsprache. Die Glühwürmchenweibchen der Art photuris versicolor wiederum verführen mit gefälschten Blinksignalen die Männchen einer anderen Würmchenart: Die so angelockten liebestollen Glühwurmmännchen werden schlicht aufgefressen. Und die im tropischen Regenwald lebenden Brüllaffen machen zwar Lärm wie eine Horde Hunnen, sind aber kaum schwerer als neun Kilogramm.

Im Berufsalltag, noch mehr aber bei Verhandlungen, ist es jedoch essenziell eine Täuschung als solche zu erkennen und den Lügner zu entlarven. Dazu gibt es verschiedene Methoden, die zum Beispiel der Managertrainer Günther Beyer in seinem aktuellen Buch „Der Lüge auf der Spur“ dezidiert beschreibt. Exemplarisch seien hier vier genannt:

  • Smalltalk Der erfüllt am Anfang einer Kennenlernphase nicht nur den Zweck, eine gute Atmosphäre herzustellen. Wenn Sie sich über Trivialthemen wie Reisen, Sport, Hobbys oder das Wetter unterhalten, lernen Sie zugleich das konstante Normalverhalten ihres Gegenübers kennen – vorausgesetzt die Atmosphäre ist entspannt und angstfrei. Nehmen Sie sich dazu mindestens 15 Minuten Zeit. Die ist gut investiert: Sobald ihr Gesprächspartner später versucht Sie zu täuschen, wird er von diesem Verhaltensmuster stressbedingt abweichen. Und so können Sie seine Täuschung schneller entlarven.
  • Körpersprache Lügen verursacht Stress. Um nicht aufzufallen, versucht der Lügner Inhalt, Stimme und Körpersprache zu synchronisieren. Ohne Stress funktioniert das automatisch. Jetzt aber verlangt das seine volle, kräftezehrende Konzentration. Meist bleibt es nicht bei einer Lüge, sondern führt zu einem kompletten Lügengebäude – einer intellektuell anspruchsvollen Konstruktion, die wie ein Kartenhaus bei einem kleinen Fehler schon zusammenstürzen kann. Das Bewusstsein, ständig entlarvt werden zu können, hat immer körperliche Auswirkungen und ist ein guter Lügendetektor: Das Gesicht versteinert zum Pokerface, nervöse Mikrogesten, wie Jucken an Ohr oder Nase, das Spielen mit dem Fingerring treten verstärkt auf, der Augenkontakt reißt entweder abrupt ab oder ist besonders intensiv (stechender Blick).
  • Grenzverletzung Apropos Stress: Ein guter Trick, Lügner zu entlarven, ist deren Stresslevel zu erhöhen – und zwar an einer Stelle wo sie es nicht vermuten: Jeder Mensch hat körperliche Tabuzonen. Jemandem sprichwörtlich auf die Pelle zu rücken, ist nur intimen Freunden vorbehalten. Wer in diesen Bereich unerlaubt eindringt, verursacht also Stress und unwillkürliche Abwehrmechanismen, wie Zurückweichen oder Entrüstung. Diese Gegenmaßnahmen rauben dann allerdings die Konzentration zum Erhalt des Lügengebäudes. Bieten Sie dem Verdächtigen dazu etwa an, sich gegenüber hinzusetzen. Lenken Sie das Gespräch nun zu dem Punkt, wo Sie die Lüge vermuten. Dann dringen Sie in sein Revier ein: Schieben wie zufällig Ihren Block über die unsichtbare Tischgrenze, breiten Ihre Unterlagen in sein Territorium aus. Im klassischen Polizeiverhör, würde der Beamte sogar mit dem Stuhl um die Ecke rücken und dem Verdächtigen sehr nah kommen. So oder so: Es irritiert Ihr Gegenüber und bringt ihn aus dem Lügen-Konzept. Die Strategie muss jedoch unbedingt subtil eingesetzt werden, sonst macht sie aggressiv und generiert einen Nebenkriegsschauplatz.
  • Sprache Lügner versuchen so gut wie immer die Begriffe zu vermeiden, die mit der Tat in Zusammenhang stehen. Der Klassiker: Sie haben Ihren Sohn in Verdacht, sich 10 Euro aus Ihrem Portemonnaie gemopst zu haben und fragen: „Hast Du Dir 10 Euro aus meinem Portemonnaie genommen?“ Falls er es war, wird er möglichst viel Abstand zwischen sich und die Tat bringen wollen und antworten: „Nein, ich habe DAS nicht gestohlen!“ Oder: Ihr zwei Kinder prügeln sich, am Ende fließen Tränen und Sie fragen den Aggressor: „Hast Du Deinen Bruder geschlagen?“ Die meisten Schuldigen sagen darauf: „Nein, ich habe DEN nicht gehauen.“ Häufig kommt noch die Strategie des Relativierens hinzu: „Ich habe den nicht gehauen – höchstens angerempelt.“ Beides sind starke Signale einer versuchten Täuschung.

Darüber hinaus gibt es laut dem Kriminalpsychologen Rüdiger Wilmer insgesamt sieben sogenannte Realitätsmerkmale, die darauf hinweisen, dass jemand tatsächlich die Wahrheit sagt:

  1. Der Verdächtige schildert die Situation/Abläufe widerspruchsfrei und logisch.
  2. Die Erzählung ist unstrukturiert. Es werden viel Details berichtet, darunter ebenso ungewöhnliche wie überflüssige. Teilweise werden sogar körpersprachliche Merkmale des Gegenübers beschrieben.
  3. Die Geschichte wird räumlich und zeitlich verknüpft und ist dadurch nachprüfbar.
  4. Zudem wird viel Interaktion geschildert: Gespräche werden wiedergegeben, aber auch Gefühle und eigene Gedanken dabei. Womöglich auch Komplikationen und unverstandene Handlungen.
  5. Der Betroffene zieht Querverbindungen zu ähnlichen Vorgängen.
  6. Im Gespräch werden spontan eigene Aussagen korrigiert – man hat ja nichts zu verbergen.
  7. Es kommt manchmal sogar zur Selbstbelastung, bzw. der Verdächtige äußert Bedenken gegen die eigene Glaubwürdigkeit seiner Aussagen.

Wer solche Indizien kennt und richtig interpretiert, fällt künftig sicher seltener auf Trickser herein – und lässt sich weniger über den Tisch ziehen.