Courage-Wagemut-Mut-Sprung
Wer traut sich? Wer besitzt so viel Courage? Ein altes Wort, das für mehr steht als Mut. Solche Menschen sind nicht nur bereit, Risiken einzugehen, Opfer zu bringen - sie sind dazu entschlossen. Die vielbeschworene und bewunderte Charaktereigenschaft, die uns befähigt, Widerstände und Gefahren zu überwinden oder uns für eine Sache oder Mitmenschen einzusetzen, ist allerdings selten. Zwar klingt der Appell für mehr Entschlossenheit gut, nach hochgekrempelten Ärmeln, nach Visionen und nach Aufbruch. Doch erfordert die Umsetzung auch Eigenständigkeit im Denken, Bewusstsein für Werte und emotionale Reife und Stärke...

Mut ist ein Luxusgut

Sprüche-MutWer etwas bewegen, über sich hinauswachsen und aufsteigen will, muss vor allem mutig handeln. Ursprünglich stammt der Begriff "Mut" aus dem indogermanischen "mo" (germanisch moda), was so viel bedeutet, wie sich mühen, starken Willens sein, heftig nach etwas streben. Im Hochmittelalter wurde der Mut in epischen Dichtungen und im Minnesang als Edelmut und Tugend gefeiert, die vor allem Ritter kennzeichnete. Sie waren "ohne Furcht und Tadel".

Allerdings muss man dabei mit einem Irrglauben aufräumen: Auch wenn es so scheint, dass der Mutige angstfrei ist - er kennt die Furcht und akute Angstgefühle durchaus. Mut und Angst schließen sich keinesfalls aus. Courage aber hilft, die Angst und das Zaudern zu überwinden, Furchtlosigkeit zu zeigen und so Handlungsfreiheit (wieder) zu gewinnen.

Der Psychologe und Pädagoge Siegbert A. Warwitz fand dazu einen schönen Vergleich, indem er dem Bremsfaktor Angst den Antriebsfaktor Mut gegenüberstellte.

Heute wird Mut mitunter in guten Portionen gemessen - und es gibt es gleich mehrere Arten von Wagemut oder Beherztheit, wie er auch genannt wird:

  • Den Mut zur Wahrheit
  • Den Mut der Verzweiflung
  • Den Mut zur Transparenz
  • Den Mut zur Toleranz
  • Den Mut zum Nein
  • Den Mut gegen Macht

Und natürlich gibt es noch den Großmut, Sanftmut, Langmut, Hochmut, Schwermut, Freimut, Wankelmut, Übermut oder Kampfesmut - und natürlich die Zivilcourage...

"Am Mute hängt der Erfolg", erkannte schon Theodor Fontane. Erst Courage ermöglicht Integrität, Aufrichtigkeit, Kreativität und Vertrauen. Ohne Mut gäbe es keine eigene Meinung, keine unkonventionellen Entscheidungen, kein Ausbrechen aus der Routine, keinen Pioniergeist, kein Wachstum.

Mut ist der Motor allen Wirtschaftens. Und im Joballtag nicht wegzudenken:

  • Mutig zu führen kann heißen, aufzustehen und die Wahrheit zu sagen, wenn es nötig ist.
  • Es heißt aber auch, die Wahrheit zu ertragen, wenn es unangenehm wird und , eigene Fehler einzugestehen.
  • Es kann bedeuten, seinen Mitarbeitern Verantwortung anzuvertrauen.
  • Oder aber einen Schlussstrich zu ziehen, wenn es an der Zeit ist und dabei vielleicht sogar für seine eigene Überzeugung einzutreten – ohne Rücksicht auf die Karriere.

Wie kann man bloß so mutig sein?, fragen sich manche. Zugleich ist es eine Binsenweisheit, dass zum Beispiel managen nichts anderes bedeutet, als Entscheidungen zu treffen, deren Ausgang ungewiss ist, weil in unserer komplexen Welt zu viele Variablen nahezu jedes Kalkül auf eine Wette reduzieren. Der Mutige entscheidet trotzdem. Jedoch keinesfalls blind, vielmehr ist sein entscheidender Wesenszug, diese Risiken "sehend zu überwinden", schrieb Jean Paul.

Courage ist die Kombination aus Verstand, Wissen und Optimismus:

Mutig ist, wer sich des Risikos bewusst wird, reflektiert und kalkuliert – danach aber auch konsequent handelt. Dummerweise ist Mut aber oft wie ein Luxusgut: Jeder bewundert ihn, aber kaum einer mag ihn sich leisten...

Jeder Vierte würde gründen, hat aber nicht den Mut dazu

Extra-Tipp-IconDer eigene Boss sein? 60 Prozent der Deutschen träumen davon, so das Ergebnis einer Umfrage, wie es hunderte dazu gibt. Die Hauptanreize sind meist: das höhere Einkommen (52 Prozent), Unabhängigkeit (49 Prozent) sowie Selbstverwirklichung (42 Prozent). Die Zahlen mögen hier und da variieren, eines allerdings nie: Den Befragten mangelt es für diesen Schritt praktisch nie an Ideen, sondern vor allem am rechten Mut: 58 Prozent nennen als größte Hürde für eine selbständige Tätigkeit die Angst vor dem Scheitern. Das Fehlen einer zündenden Geschäftsidee nennen hingegen nur 37 Prozent.

Mutige sind emotional und geistig unabhängig

Wagemut-Courage-MutprobeKeine Frage, bei uns allen sinkt der Mut hin und wieder, manche verlässt er sogar ganz - bis hin zum fehlenden Lebensmut. Das ist aber zunächst nur ein Gefühl, eine Momentaufnahme, aber kein Schicksal.

Der Grund für den Mangel an Mumm und Schneid ist meist das Risiko, das mit ihm einhergeht, die Ungewissheit und letztlich auch die Entscheidungsarmut.

Ob jemand mutig voran prescht oder ängstlich abwartet, ist zum Teil genetisch festgelegt. Bestimmte Charaktereigenschaften, das haben Psychologen erforscht, begünstigen Mut. Dazu gehören:

  • Offenheit,
  • Gewissenhaftigkeit,
  • Kontaktfreude und
  • emotionale Stabilität.

Die Verträglichkeit, eine der sogenannten Big Five, der fünf wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale, ist bei mutigen Menschen dagegen kaum ausgeprägt.

Man könnte auch sagen: Was andere über sie denken, ist ihnen schnuppe. Deshalb sind sie emotional und geistig unabhängig und frei für Neues.

Der Ostrich Effekt

Extra-Tipp-IconDer renommierte Verhaltensökonom George Loewenstein von der Carnegie Mellon Universität beschrieb als erster das Verhalten von Investoren, die ihren Kopf lieber in den Sand stecken, wenn die Börse bärig wird: Abwarten, aussitzen und hoffen obwohl die Börse in rasantem Tiefflug ist - in der Fachsprache ist diese Strategie auch bekannt als Ostrich-Effekt oder Vogel-Strauß-Politik (Ostrich ist das englische Wort für Strauß).

Das Fatale an diesem Effekt jedoch ist: Sobald wir uns einmal in dieser Schockstarre befinden, werden wir resistent gegenüber allen neuen Informationen, Warnungen oder Ratschlägen. Vor allem aber: Wir werden passiv wie das Kaninchen vor der Schlange.

Die Lösung dazu ist allerdings so banal wie sie unglaublich schwer in der Umsetzung ist: nicht Augen zu und durch, sondern Augen auf und direkt darauf zu; aussprechen statt totschweigen; handeln statt abwarten; den Stier bei den Hörnern packen statt mit roten Handtüchern zu werfen. Realistisch betrachtet gibt es nur zwei Dinge, die uns daran hindern: unser Stolz und fehlender Mut.

Mutprobe: Lässt sich Mut lernen?

Zu einem gewissen Grad: ja. Mut lässt sich das lernen, wenn man es denn will. Psychologen vergleichen die Courage gerne mit einem Muskel: Je mehr man daran trainiert, desto stärker wird er. Tapferkeit wird ja auch nicht dadurch schlechter, dass sie weniger schwerfällt.

Es gibt dazu eine schöne historische Anekdote:

Ramses II. oder auch Ramses der Große genannt (1298 bis 1213 v. Chr.) herrschte 66 Jahre über Ägypten und war einer seiner bedeutendsten Herrscher. Sein größter Widersacher zu der Zeit war der hethitische König Muwatalli, der ein Komplott gegen ihn schmiedete.

Im Frühling seines 5. Regierungsjahrs zog Ramses deshalb mit seiner Armee in Richtung Asien zur Festung Kadesch am Fluss Orontes. Das liegt heute nahe der syrisch-libanesischen Grenze. Es war die größte Armee, die Ägypten zu der Zeit gesehen hatte: Über 20.000 Mann, bestehend aus Fußsoldaten und Streitwagen. Doch die Hethiter waren ihnen zahlenmäßig überlegen. König Muwatallis Heer bot rund 37.000 Soldaten auf und noch einmal 2500 Streitwagen. Der noch unerfahrene Ramses machte zudem einen taktischen Fehler: Weil er das hethitische Heer in einer Art Zangenbewegung vernichten wollte, ließ er seine Divisionen zu weit von einander entfernt aufmarschieren. Ihr Abstand betrug teils einen ganzen Tagesmarsch.

Zunächst schien das Glück mit ihm. Die Ägypter griffen zwei Beduinen auf, die ihnen erzählten, dass die Hethiter noch weit von Kadesch entfernt seien. Da wartete Ramses nicht mehr auf sein restliches Heer und schlug mit der ersten Division vor Kadesch sein Lager auf, wo er sich völlig sicher wähnte. Kurz darauf ergriffen die Ägypter zwei hethitische Spione, die sie ebenfalls zum Reden brachten. Und siehe da: Die beiden Beduinen entpuppten sich als Spione. Muwatalli hatte Ramses mit einer List in die Falle gelockt. Seine Streitkräfte lagerten bereits östlich von Kadesch in unmittelbarer Nähe der Ägypter und starteten nun einen Blitzangriff gegen Ramses’ zweite Division, die sie binnen kurzer Zeit vollständig vernichteten.

Unter den Ägyptern entstand Panik als die Hethiter Ramses angriffen. Seine Truppen wurden immer stärker aufgerieben, bis für den Pharao nur noch zwei Alternativen blieben: Flucht - oder Flucht nach vorn.

Er entschied sich für Letzteres: Ramses ließ seinen Streitwagen anspannen und stürzte sich mit rasendem Tempo in die Schlacht, gefolgt von seiner Leibgarde. Obwohl seine Lage aussichtslos schien, kämpfte er sich wild entschlossen durch die gegnerischen Reihen, schoss Pfeil um Pfeil und streckte einen Hethiter nach dem anderen nieder. Der Legende nach ritt er so sechs Attacken hintereinander. Erst dann tauchten seine restlichen Divisionen am Horizont auf, walzten sich den Weg zum eingekesselten Ramses frei und ihre Gegner nieder.

Muwatalli von dieser Wende völlig überrascht floh in Richtung Orontes, die Ägypter immer im Nacken. Viele Hethiter ertranken bei der Flucht. Und Ramses wurde als siegreicher Feldherr gefeiert. So jedenfalls berichtet es die antike ägyptische Propaganda. Tatsächlich hatten beide Seiten schwere Verluste erlitten, weshalb später ein Friedenspakt geschlossen wurde.

So oder so zeigt die Schlacht bei Kadesch eine Grundregel des Erfolgs: Kühnheit siegt. Denn sie löst gleich mehrere Reaktionen aus:

  • Eine beherzte Aktion, egal wie aussichtslos die Lage erscheint, verleiht dem Tapferen große Aufmerksamkeit und Autorität. Die meisten Menschen sind ängstlich, scheuen die Gefahr und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Deshalb zögern sie, denken lieber weiter nach, statt zu handeln und vergrößern so nur die Kluft zwischen Hoffnung und Erfüllung. Entschlossenheit dagegen baut Brücken, räumt Hindernisse aus dem Weg.
  • Mut verschafft sogar mehr Überblick, weil er die Optionen reduziert. Wo vorher viele Probleme lauerten, gibt es jetzt nur noch ein Ziel.

Insgeheim bewundert jeder derart mutige Menschen. Denn sie heben sich von der zaudernden Masse ab. Wagemutigen, wenn sie nicht gerade tollkühn sind, folgt man gern. Ihre Courage macht Freunden Mut – und schüchtert Feinde ein, indem sie die eigene Angst auf die Gegner überträgt, weil diese kaum mit Tapferkeit rechnen.

Im Endeffekt aber ist Courage vor allem eine Frage des Willens: Man muss mutig sein wollen.

Wer dagegen ständig Konflikte scheut, keine mutigen Forderungen stellt, der verkauft sich nicht nur unter Wert. Wer jedes Risiko scheut, zerstört auch alle seine Chancen. Von dem Ex-Minister Heinz Riesenhuber stammt der schöne Satz:

Wer sein Leben so einrichtet, dass er niemals auf die Schnauze fallen kann, der kann nur auf dem Bauch kriechen.

Stehen Sie lieber aufrecht und haben Sie ruhig Mut. Risikolos zu gewinnen, heißt ruhmlos siegen.

Nur gilt natürlich auch hier: Die Dosis macht das Gift. Selbstüberschätzung kann schaden, und übermütig zu sein tut selten gut. Auch das übrigens eine Erkenntnis aus der (echten) Bibel: Hochmut kommt vor dem Fall.

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