Wenn’s mit dem Einstiegsjob nicht gleich klappt, bewerben sich Hochschulabsolventen oft auch auf Praktikastellen – Hauptsache, der Einstieg ins Arbeitsleben gelingt irgendwie. Doch das ist nicht nur unnötig, sondern kann sogar der Karriere schaden, sagt der Arbeitsmarktforscher Kolja Briedis vom Hoschschulinformationssystem (HIS).

Und die Zahlen geben ihm recht: Mehr als die Hälfte der Absolventen sind nach einem Jahr in einem regulären Arbeitsverhältnis. Fünf Jahre nach dem Abschluss sind es dann nahezu hundert Prozent. Selbst in den 1990er Jahren, als das böse Wort von der “Generation Praktikum” die Runde machte, gelang der Mehrheit der Absolventen der Direkteinstieg im ersten Jahr – und die Quoten haben sich seither deutlich verbessert.

Natürlich gab – und gibt – es Unterschiede zwischen den Fachrichtungen: Nur 3 Prozent der Informatiker und Ingenieure, aber 28 Prozent der Sozial- und Politikwissenschaftler machten im letzten evaluierten Absolventen-Jahrgang von 2009 Praktika im Anschluss an den Bachelor. Das ist bemerkenswert, weil es dem Medienecho diametral entgegensteht. Was aber fast noch wichtiger ist: Kaum einer blieb läger als sechs Monate Praktikant – die berüchtigeten “Kettenpraktika” bilden die absolute Ausnahme.

Wenn der Vertrag auf sich warten lässt

Warum glauben Absolventen trotzdem so hartnäckig, sich auf Praktika stürzen zu müssen, wenn der Arbeitsvertrag auf sich warten lässt? Oft ist es sicher die Furcht vor der berüchtigten Lücke im Lebenslauf, die sich auftut, wenn die Karriere nicht so stromlinienförmig weitergeht wie das Studium. Manchmal aber steckt mehr dahinter: Die Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen, zu versagen und abgehängt zu werden. Diese Angst lässt sich aber nicht mit einem Arbeitsvertrag lösen.

Immer steckt hinter der Ungeduld aber die Unkenntnis der Mechanismen des Arbeitsmarkts: Es ist vollkommen normal, dass Zeit verstreicht, bis der passende Bewerber zum richtigen Unternehmen gefunden hat. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften kann dieser Prozess auch locker ein paar Jahre dauern. Das ist nicht tröstlich, aber die Realität. Wer nahtlos von der Uni ins Berufsleben wechseln will, muss diese Zeit für den Findungsprozess vor dem Abschluss investieren. Indem er sich bewirbt, Praktika absolviert oder die Abschlussarbeit im Unternehmen macht und so die Lebensphase Studium nutzt, in der Status und Fianzierung noch gesichert ist.

In vielen Branchen ist der direkte Berufseinstieg obendrein unüblich: Gerade im Kunst- und Medienbereich führt der Weg zum festen Job nur über Volontariate, Werkverträge oder freie Mitarbeit – wenn es überhaupt jemals zur Festanstellung kommt. Und diese Branche steht längst nicht mehr allein: Die Selbständigkeit wird in immer mehr Sektoren des Arbeitsmarkts zur Regelarbeitsform. Wo es (noch) Verträge gibt, sind diese gerade am Anfang in der Regel befristet – wer hier noch vom Versorgungsposten auf Lebenszeit träumt, lebt offenkundig auf einem anderen Stern.

Wie der Einstieg gelingt

Wenn der feste Vertrag auf sich warten lässt und die Fortsetzung des Studiums nicht in Frage kommt, gibt es vier Aternativen zum Praktikum, die deutlich zielführender sind. Denn aus dem Lückenfüller Praktikum wird leicht ein Stolperstein: Wer Praktika macht, zeigt schließlich, dass er noch nicht fit für den Arbeitsmarkt ist. Wer will das schon?

  • Werk- und Honorarverträge: Beide Vertragsverhältnisse sind Formen der freien Mitarbeit: Während ein Werksvertrag für ein klar umrissenes Projekt geschlossen wird und mit dessen Umsetzung endet, bieten Honorarverträge die Basis für regelmäßige Einsätze, ohne dass ein Anstellungsverhältnis zustande kommt. Diese Beschäftigungsverhältnisse dienen nicht nur zur Überbrückung von Arbeitslosigkeit, sondern sind oft genug der Einstieg in die Selbständigkeit.
  • Übergangsjobs: Übergangsjobs haben in der Regel nichts mit dem Studienfach zu tun, sondern dienen allein der Vermeidung von Arbeitslsigkeit und dem Geldverdienen. Das hält zumindest den Rücken frei und kann gut auch mit einer Tätigkeit verbunden werden, die mehr mit dem angestebten Beruf zu tun hat. Zum Beispiel der eben genannten freien Mitarbeit, aber auch einer Promotion.
  • Trainee-Stellen: In Trainee-Stellen durchlaufen Berufseinsteiger vorbestimmte Stationen innerhalb eines Unternehmens, erfahren dabei, wie es dort zugeht und bekommen gleichzeitig das Handwekszeug für die erfolgreiche Berufsausübung gereicht. Dieses Anstellungsverhältnis ist vielleicht fast noch besser als der Einstiegsjob, denn hier ist das Training der nötigen Qualifikationen fest eingebaut.
  • Zeitarbeit: Weil Zeitarbeit die Gelegenheit bietet, in verschiedene Bereiche zu schnuppern, können hier gerade angehende Allrounder die eigenen Fähigkeiten trainieren. Wer noch nicht weiß, welchen Weg er einschlagen soll, kann so in verschiedene Bereiche hineinschnuppern und wertvolle Orientierungshilfen gewinnen. Im Unterschied zu verschiedenen Praktika bleibt hier aber der Arbeitgeber gleich.
  • Praktika: In gut begründeten Ausnahmefällen ist ein Praktikum durchaus hilfreich: Etwa, wenn während des Studiums grundlegende Fähigkeiten tatsächlich nicht erworben wurden und daran der Berufseinstieg scheitert. Oder wenn ein Absolvent noch absolut keine Ahnung hat, was er denn eigentlich werden will und nach Orientierung sucht. Für Menschen, die ein Studium zwar beenden, weil sie es angefangen haben, aber nicht in diesem Bereich arbeiten wollen, bietet ein Praktikum die Chance einer Neuausrichtung.

Wer sich für eine der Möglichkeiten oder eine Kombination daraus entscheidet, sollte vorher genau das Für und Wider abwägen, statt in Aktionismus zu verfallen. Schließlich lässt ein wildes Sammelsurium von Praktika, Nebenjobs und Projektstellen Personaler eher an der Eignung des Kandiaten zweifeln, statt sie von seiner Einsatzfreude zu überzeugen. Das aber ist bei der Bewerberauswahl absolut kontraproduktiv.

Allein der Einsatz zählt

Wenn der erste Job auf sich warten lässt, muss man außerdem die Schlagzahl erhöhen, bevor sich eine Lücke im Lebenslauf auftut. Das soll jetzt bitteschön keine Aufforderung sein, blindlings Bewerbungen nach dem Gießkannenprinzip zu streuen, bewahre. Sinnvoll sind definitiv nur Bewerbungem die begründete Aussicht auf Erfolg haben. Aber auch beim Bewerben steht der Ertrag in direkter Relation zum Aufwand, den man betreibt. Wer sich genügend reinhängt, kann auch in kürzester Zeit eine passende Stelle finden – das hat sich aber leider noch nicht herumgesprochen,

Die meisten Absolventen machen zum Beispiel den Fehler, ausschließlich auf Stellenanzeigen zu reagieren. Dabei werden zwei Drittel aller Vakanzen mittlerweile unter der Hand besetzt. An die kommt man aber nur, wenn man auf Unternehmen zugeht und Personaler auf sich aufmerksam macht. Initiativbewerbungen sind da ein probates Mittel, aber längst nicht das einzige. Wer Messen oder Vorträge besucht, dort eine gute Figur macht, bei Xing, LinkeDin und Co. nicht nur präsent ist, sondern aktiv netzwerkt und auch im richtigen Leben alle seine Kontakte spielen lässt, ist auf dem richtigen Weg. Denn er zeigt die Fähigkeiten, die Unternehmen schätzen: Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Beharrlichkeit.