YouWinNennen wir ihn Erik. Erik ist nicht unerfolgreich. Gar nicht. Er verdient ein gutes sechsstelliges Gehalt, hat ein paar Dutzend Mitarbeiter, hat es weit gebracht in der Firma, genießt Respekt und Ansehen. Er strotzt vor Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, so scheint es. So sehr, dass der Übergang zur Arroganz manchmal ein wenig verschwimmt. Man könnte auch sagen: Erik neigt zur Überheblichkeit.

Selbstvertrauen, in gesundem Maß, ist eine feine Sache. Es verleiht einem Menschen Souveränität. Es gibt ihm die Unabhängigkeit, sich neuen Situationen anzupassen, sich zu verändern oder gar weiterzuentwickeln ohne sich dabei verbiegen zu müssen. Oder wie es einmal der Liedermacher Wolf Biermann formuliert hat: Man kann sich nur dann selber treu bleiben, wenn man bereit ist, sich ständig zu verändern.

Problematisch wird es immer dann, wenn das Selbstvertrauen das Ego aufzublähen scheint. Ich sage bewusst scheint. Ich persönlich glaube nicht, dass es sich dabei noch um Selbstbewusstsein handelt, allenfalls um dessen Kulisse.


Wie ich darauf komme? In der Psychologie geht man heute davon aus, dass nur Menschen, die sich selbst akzeptieren, also selbstsicher sind, auch andere akzeptieren können so wie sie sind. Selbstakzeptanz heißt das im Fachjargon. Menschen, denen diese fehlt, entwickeln meist automatisch das Bedürfnis, den Mangel an Selbstakzeptanz durch externen Zuspruch auszugleichen. Sie gieren nach Aufmerksamkeit und Anerkennung und setzen vermehrt auf Status, Macht und Image.

Allerdings verhält es sich damit wie bei einem Junkie. Die Wirkung der Droge lässt mit dem regelmäßigen Konsum nach, die Dosis muss immer weiter gesteigert werden. Es ist der Auftakt zu einer veritablen Neurose.

Dieser heimliche Mangel an Selbstbewusstsein kann im Job allerdings ein enormer Ansporn sein. Eben weil diese Menschen so sehr nach Anerkennung streben, streben sie auch nach Erfolg und entwickeln dabei großen Ehrgeiz. Für die Arbeitgeber ist das nicht das Schlechteste, haben sie so doch einen Mitarbeiter, über einen starken inneren Antrieb verfügt und der über entsprechende Belohnungssysteme leicht zu steuern – wenn nicht gar zu manipulieren – ist.

Trotzdem sind Menschen wie Erik tickende Zeitbomben. Je weniger ihnen ihr Defizit bewusst ist, desto anstrengender sind sie für ihre Mitarbeiter, sobald sie es erst einmal in eine Führungsposition geschafft haben. Letztlich nutzen sie den Zuspruch ihrer Subordinierten, deren Aufmerksamkeit und Anerkennung zur Selbsttherapie. Eine unheilige Allianz. Denn wehe, die Anerkennung bleibt mal aus. Wehe, es wagt einer Kritik – oder schlimmer: derjenige hat bessere Ideen. Das ist dann so, als würde man in den Ego-Ballon eine Nadel stechen: Peng!

Forscher der Universität von Georgia haben das einmal genauer untersucht. Sie prüften zunächst das Selbstvertrauen sowie dessen Stabilität ihrer rund 100 Probanden. Dann wurden die Teilnehmer scharf kritisiert. Das Ergebnis dürfte Sie wenig überraschen: Wer über ein ausgeprägtes aber instabiles Selbstwertgefühl verfügte, reagierte auffallend wortreich bis wütend auf die Schelte – wie die Wissenschaftler vermuten, in erster Linie um seine plötzlichen Selbstzweifel zu kompensieren.

Wie man mit einem solchen Narzisten umgeht? Schwerlich. Zunächst einmal: Geben Sie ihm die Sicherheit, die er braucht. Beweisen Sie Ihre Loyalität und Respekt. Nehmen Sie seine Launen aber nicht allzu ernst und schon gar nicht persönlich. Gespräche auf der Sachebene haben bei ihm keinen Sinn, das gibt ihm nichts. Wenn Sie hingegen über die Beziehungsebene einsteigen, ihn loben und bewundern, fühlt er sich sicherer, entspannt und wird merklich zugänglicher.

Auf das richtige Timing kommt es allerdings auch an. Hat er gerade eine schlechte Phase, überbringen Sie besser nur gute Nachrichten. Nur wenn gar nichts hilft, warten Sie seine Explosion ab und verschaffen sich anschließend Respekt: „Bitte in einem anderen Ton.“

Und falls Sie sich angesprochen fühlen, weil Sie vermuten, auch Sie könnten ein Erik sein. Dann lesen Sie doch bitte noch diesen älteren, aber immer noch aktuellen Gastbeitrag, den der Psychotherapeut Roland Kopp-Wichmann verfasst hat.