Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. So jedenfalls befindet der Volksmund. Für Arthur Schopenhauer dagegen war Neid die höchste Form der Anerkennung. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Wahr ist aber: Neid ist unbeliebt. Es gilt als niederträchtig, hinterhältig, giftig, destruktiv. Er verführt den Menschen zur Verleumdung, zur Intrige, zur Sabotage, zum Raub oder gar Mord. Er macht den Neider rasent und blind – und verführt ihn dazu, sich selbst zu schaden, nur um dem anderen noch mehr zu schaden. Bereits 700 vor Christi beklagte der griechische Dichter Hesiod, dass die Menschen auf ewig unglücklich seien, “weil sie ständig von schadenfroher, misslautiger Scheelsucht verfolgt werden, die ihnen mit ihrem neidischen Anlitz entgegengrinst.” Kurz: Er ist die Wurzel alles Bösen. Schon Kain beneidete seinen Bruder Abel um dessen Gunst bei Gott, was ihn kurz darauf zum Brudermord verleitete. In der Genesis heißt es dazu nur kurz: “Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.” Zuerst ist da dieser Stich in der Brust, der Hals schnürt sich zu, die Magensäfte brodeln bis die Galle auf der Zunge brennt und schließlich durchfährt den Neider die blanke Wut über eine tief empfundene Ungerechtigkeit: Warum? Warum der – und nicht ich?

Und umgekehrt? Warum nicht gönnen können? Warum schmeckt das Glück der anderen so bitter? Tatsächlich neiden wir nicht Milliardären wie Bill Gates oder Steve Jobs ihren unvorstellbaren Reichtum und Wohlstand; wir neiden keinem Schauspieler seinen Applaus; keinem Helden den Ruhm; keinem König die Krone; keinem Scheich sein Öl. Wir missgönnen aber dem Kollegen die Beförderung auf die wir selbst schon seit Jahren warten, dem Nachbarn sein neues Auto, dem Blogger seine höheren Klickzahlen und den besseren Blogchart-Rang, dem Freund die attraktivere Frau, die bessere Ehe, das größere Haus, die intelligenteren Kinder. Denn all diese Erfolge der Nächsten sind latente Anklagen an unser Ego, unseren Stolz und unser schlechtes Gewissen. Nicht, weil es das Schicksal besser mit denen meinte, sondern weil sie womöglich eine Chance ergriffen, die unsere hätte sein können. Das Objekt der Begierde muss oft nur ein erreichbares sein, damit wir den anderen darum beneiden – aber so richtig.

Immerhin: Das ist zugleich die Chance des Neides. Neid ist schließlich nicht nur schlecht. “Wer Neid fördert, schafft Wohlstand”, sagt der Wirtschaftsjournalist und Autor (“Neidökonomie“) Gerhard Schwarz. Neid – in gesundem Maß – spornt an, beflügelt, fördert Innovation und Karrieren. Er ist nicht zuletzt auch die Wurzel des Wettbewerbs. So erkannte auch schon Aristoteles: “Die Ehrgeizigen haben mehr Neigung zum Neid als die, welche vom Ehrgeiz frei sind.” Etwas spitzer könnte man sagen: Wer den Neid spürt, leidet zumindest nicht am Phlegma.

Damit der Neid seine zerstörerische Kraft verliert, muss man ihn sich jedoch eingestehen. Tabuisierung verschlimmert die Missgunst nur: Sie wird zum Schwehlbrand, wenn nicht gar zum Backdraft. Gleichzeitig sollte man die Mühen sehen, die hinter den meisten Erfolgen stecken. Wir beneiden die Freundin vielleicht um ihre Modelmaße und sehen ihre Traumfigur. Gleichzeitig übersehen wir aber, dass sie dafür jeden Abend hungert und ihr Wochenende im Fitnessstudio verbringt.

Hand aufs Herz: Wären Sie bereit, denselben Preis zu zahlen, um auch zu besitzen, was der andere hat? Neid ist immer relativ. Erfolg dagegen absolut. Er hängt von Ihren eigenen Zielen ab – nicht vom Wohlstand anderer. Der falsche Gedanke dahinter ist eine fatale Nullsummenlogik: Mir kann es nur besser gehen, wenn es anderen schlechter geht. Oder wie Schopenhauer konsultierte: “Wir denken selten an das, was wir haben, sondern immer nur an das, was uns fehlt.” Wie dumm! Ein inzwischen legendäres Experiment an der Harvard-Universität macht das nur allzu deutlich: Die Studenten wurden gefragt, ob sie lieber (a) ein Jahreseinkommen von 100.000 Dollar haben wollen, während alle anderen 200.000 Dollar verdienen oder (b) 50.000 bekommen wollen, wenn alle anderen nur 25.000 Dollar erhalten. Die Mehrheit entschied sich für Variante (b). So viel zu geistiger Elite!