Ein Gastbeitrag von Karin Intveen

An was denken Sie als erstes, wenn Sie das Wort Neugier hören? An ein Kind? An einen Welpen? An erkunden und ausprobieren? Wahrscheinlich etwas in dieser Richtung. Sicher denken Sie nicht als Erstes an Ihren Job, ans Büro, ans nächte Meeting. Und das ist schade. Ich möchte heute für die Neugier eine Lanze brechen und Sie – wieder? – neugierig machen.

Leider ist es so: Wenn Sie nicht gerade in der Forschung oder in einer Werbeagentur arbeiten, hat Neugier im beruflichen Kontext keinen guten Ruf. Neugier hat für viele Menschen etwas zu tun mit naiv, kindisch, unbedarft. Das sind keine Skills für die man im Job Lob kassiert. Solides Fachwissen und Ratio stehen da eindeutig höher im Kurs. Dabei ist Neugier eine der ursprünglichsten, natürlichsten und grundlegensten Fähigkeiten des Menschen! Und eine, die wir recht früh lernen, zu unterdrücken. Je nachdem wie unsere Umgebung mit unserer Neugier und dem damit einhergehenden Forscher- und Expansionsdrang umgegangen ist.

Überlegen Sie einmal kurz und fühlen Sie nach, wie denn so Ihr Verhältnis zur Neugier ist: Wie empfinden Sie neugierige Menschen? Anmaßend, übereifrig, naiv oder gar dumm? Oder lustig, inspirierend, locker?

Und was denken Sie von sich: Wie neugierig sind Sie?

Meine Hypothese: So wie unserer Neugier in der Kindheit begegnet wurde, so begegnen wir der Neugier heute.

Haben wir als Kind erlebt, dass unsere Neugier unangenehme Folgen haben kann, werden wir vorsichtig. Wir hören dann zwar zu, wir schauen uns um, wir fragen. Aber die bereits gemachte Erfahrung funktioniert wie ein Filter: Die aufkommende Neugier wird erst einmal überprüft, bewertet und gegebenenfalls unterdrückt. Sicher ist sicher.

Dabei hat Neugier viel mit Spontanität zu tun. Nur bleibt die als erstes im Filter hängen.

Was ist Neugier?

Neugier ist die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, zu staunen, sich auf Neues einzulassen und nicht zu wissen. Gerade das Nicht-Wissen aber verunsichert viele Menschen. Und Unsicherheit und Angst blockieren dann die Neugier. Ein Teufelskreis beginnt.

Gehe ich unsicher in ein Gespräch sind alle meine Sinne wach, denn ich muss ja rechtzeitig mitbekommen von wo wann möglicherweise ein Angriff kommt. Das nennt man defensive Orientierungsreaktion und hat uns zu Zeiten von Säbelzahntiger, Mammut & Co. gute Dienste geleistet. Nur geht es in einem Vorstellungsgespräch, einem Meeting oder im Jahresgespräch selten ums nackte Überleben. Vielmehr ist Präsenz, Offenheit, Humor und Authentizität gefragt. Alles Qualitäten von Neugier.

Erkennen Sie Ihr Anti-Neugier-Muster?

Neugier findet ausschließlich im Hier und Jetzt statt. Erfahrungen (= Vergangenheit) und Erwartungen (= Zukunft), die ins Hier und Jetzt reinfunken, blockieren Neugier. Daher ist ein erster Schritt in Richtung Neugier ein Erkunden und Sortieren dessen was da gerade so alles im Kopf rumspukt:

  • Was ist gerade die Erfahrung?
  • Welche Gedanken, Wertungen, Bilder, Emotionen und Empfindungen habe ich in Bezug auf diese Erfahrung?

Deutlicher wird es an folgendem Beispiel: Sie werden zum Chef gerufen und haben keine Ahnung worum es gehen könnte. Die ideale Ausgangssituation, um sich neugierig und offen in Richtung Chefbüro aufzumachen. Aber:

  • Als Sie in der Schule zum Lehrer gerufen wurden, hatte Sie jemand verpetzt und Sie haben mächtig Ärger bekommen (Erfahrung).
  • In Ihrer Firma kursieren gerade Gerüchte, dass es der Firma finanziell nicht gut geht und dass bald eine Kündigungswelle losgeht (Erwartung).

Taucht so ein Gedanke auf dem Weg zum Chef in Ihrem Kopf auf, ist es vorbei mit Offenheit und Neugier. Sie klopfen angespannt, gestresst und unsicher an die Tür… und rechnen mit dem Schlimmsten.

Wie funktioniert Neugier?

Neugier findet weniger im Kopf statt, als viele Menschen denken. Daher kann man Neugier auch nicht willentlich machen. Genauso wenig wie man seinem Körper willentlich sagen kann: „Entspann Dich!“

Was man im Kopf machen kann, ist den Dingen auf die Schliche kommen, die der Neugier im Weg stehen. Dann beobachten, wie der Körper auf diese Erkenntnisse reagiert. Somatic Mindfulness heißt das in der Fachsprache: Durch das Erkunden des Zusammenspiels von Gedanken, Emotionen und Empfindungen finden Sie heraus, welche Erfahrungen und welche Erwartungen da sind. Und die können Sie dann im Hier und Jetzt überprüfen.

Am Beispiel mit dem Chef heißt das: Das blöde Gefühl im Bauch ist eine Erinnerung oder eine Annahme oder beides. Also alt. Fakt im Hier und Jetzt ist: Sie wissen nicht, was Sie erwartet. Also seinen Sie ruhig neugierig!

Das nennt man dann übrigens explorative Orientungsreaktion.

Klingt doch gleich viel netter, oder?

Über die Autorin

Karin Intveen lebt und arbeitet im Fünf-Seen-Land bei München. Als Somatic-Coach verbindet sie die eher kognitiven Elemente des NLP und die systemische Arbeit mit den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie. Ihre Herzblutthemen sind Selbstregulierung, Entschleunigung und Burnout-Prophylaxe.