lassedesignen/shutterstock.comSeinen Vater verlor er schon, da war er gerade einmal ein halbes Jahr alt. Fritz Schröder fiel 1944 im Krieg. Seine Mutter musste ihn, seine ältere Schwester und drei jüngere Halbgeschwister alleine durchbringen. Der 13-jährige Gerhard, seine Geschwister, seine Mutter, Großmutter und der kranke Stiefvater lebten auf 30 Quadratmetern im westfälischen Osterhagen. Seine Mutter Erika Vosseler brachte die Familie als Putzfrau über die Runden. Vom Wirtschaftswunder merkte die Familie nichts. Statt Wurst gab es Zucker aufs Butterbrot und die Kleider kamen aus der Kleiderstube. “Wir waren die Asozialen”, sagte Schröder später selbst. Trotz einer denkbar schlechten Ausgangslage büffelte er abends für die Mittlere Reife, machte Abitur, studierte, wurde Anwalt und schließlich Bundeskanzler. Doch wie kommt es, dass sich einige Menschen von schwierigen Situationen nicht unterkriegen lassen, während andere daran zerbrechen?

Resilienz: Die innere Widerstandskraft

Der Grund dafür ist eine innere Widerstandsfähigkeit, praktisch ein Immunsystem der Seele. Es ist die Fähigkeit nach Schicksalsschlägen, Krisen, finanziellen Einschnitten und traumatischen Erlebnissen wieder aufzustehen und weiter zu machen. Wie ein Flummi, der sich beim Aufprall auf die Erde zwar verformt, aber danach wieder seine ursprüngliche Form annimmt. Resilienz heißt diese erstrebenswerte Eigenschaft in der Fachsprache. „Das Leben ist eine Gratwanderung zwischen allen Formen der Verletzlichkeit“, sagte einmal der französische Neuropsychiater Boris Cyrulnik, der seit vielen Jahren auf diesem Gebiet forscht und mehrere Bücher über Resilienz verfasst hat. Sein Kollege, der an der Universität Jena lehrende Soziologe Bruno Hildenbrand befand sogar: “Die Krise ist im menschlichen Leben nicht die Ausnahme, sondern eher der Normalfall.”

Der Umgang mit Leid und Krisen

Zu allen Zeiten versuchte die Philosophie zum souveränen Umgang mit Leid und Krisen zu erziehen. So betrachtet war zum Beispiel die antike Schule der Stoa eine einzige Suche nach Resilienzfaktoren. Inwiefern das, was die römischen Stoiker lehrten, wirklich mit Resilienz zu tun hatte, bleibt aber dahingestellt. Gewiss ging es den großen Gelassenheits-Lehrern von Epiktet über Seneca bis Marc Aurel immer um den rechten Umgang mit dem Leiden und die Suche nach dem Seelenfrieden. Doch wurde die stoische Ethik auch dafür kritisiert, dass sie – ähnlich wie der Buddhismus – das Gefühlsleben im Menschen um den Preis der Selbstverleugnung abtötet, dass sie nur die reine Verstandeshaltung trainiert und letztlich in Gleichgültigkeit, also Indolenz, münden kann – ein Weg, den die heutige Psychiatrie für pathologisch bedenklich hält.

Wahre Lebenskunst kann eben nicht darin liegen, das Leid zu verleugnen, die Schmerzgefühle zu unterdrücken. Leiden gehört einfach dazu.

Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner trug viel zum Verständnis der Widerstandsfähigkeit bei. Sie begleitete 698 Kinder, die 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai geboren wurden, bis diese 40 Jahre alt waren. Unter den Kindern waren manche, die in Armut lebten, kaum Zugang zu Bildung hatten oder bei denen ein Elternteil psychisch erkrankt war. Ihre Beobachtungen zeigten: Zwei Drittel der Kinder führten auch als Erwachsene kein geregeltes Leben. Jedoch einem Drittel gelang es die schwierige Kindheit hinter sich zu lassen. Dieses Drittel zeigte eine besondere Widerstandsfähigkeit.

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Was resiliente Menschen auszeichnet

Widerstandsfähige, resiliente Menschen haben eine bestimmte Einstellung zum Leben:

  • Sie glauben, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben. Sie sehen Misserfolge als Zufälle und Erfolge als Ergebnis Ihrer Bemühungen.
  • Sie haben ein starkes Selbstwertgefühl. Unabhängig von Erfolgen halten sie sich für einen wertvollen Menschen.
  • Sie haben ein klares Ziel vor Augen und verfolgen dieses.
  • Sie sehen Schwierigkeiten, Krisen und Probleme als Herausforderung.
  • Sie bleiben auch in schwierigen Zeiten optimistisch
  • Sie haben einen unerschütterlichen Glauben an die eigenen Fähigkeiten.
  • Sie sind in der Lage auch das Negative in ihrem Leben zu akzeptieren.

All diese Eigenschaften helfen resilienten Menschen dabei, sich schneller von einem Schicksalsschlag zu erholen.

Die Sieben Säulen der Resilienz

Laut Psychologen sind es vor allem sieben Indizien, die dafür sprechen, dass jemand eine starke Fähigkeit zur Stress- und Krisenbewältigung besitzt. Wenn Sie mit der Maus über die einzelnen Felder der Grafik fahren, erscheinen die Informationen.

Gehören Sie dazu?

Jetzt nachdem Sie die sieben Säulen kennen, würden Sie sagen, dass Sie resilient sind? Hier einige Aussagen, die Ihnen als Orientierung dienen können:

  • Ich habe gute Freunde, auf die ich mich auch in schwierigen Situationen verlassen kann.
  • Wenn mal etwas nicht klappt, versuche ich es einfach noch einmal.
  • Jeder ist seines Glückes Schmied – das könnte mein Lebensmotto sein.
  • Ich weiß um meine Stärken und bin stolz darauf.
  • Ich bin selbst unter Stress noch leistungsfähig und kann gut mit Druck umgehen.
  • Ich glaube selbst in der Krise daran, dass sich alles zum Guten wenden wird.
  • Bei Problemen suche ich aktiv nach einer Lösung.

Resilienz fördern: Wie können Sie sich schützen?

alphaspirit/shutterstock.comResilienz lässt sich bis zu einem bestimmten Grad erlernen. Was Sie tun können:

  • Bauen Sie stabile Beziehungen auf. Wer eine Bezugsperson hat, ist resilienter. Für Gerhard Schröder war es die Mutter. Als Sie mit 99 Jahren verstarb, stand in der Todesanzeige: “Wir nannten sie Löwe, weil sie ihr Leben lang für uns gekämpft hat.” Doch auch andere Personen kommen in Frage, beispielsweise ein guter Freund, ein Lehrer oder ein Mentor.
  • Werden Sie Mitglied in Vereinen. Auch die Mitgliedschaft in Vereinen, Gruppen und Clubs stärkt den Rückhalt. Schröder war in seiner Jugend begeisterter Fußballspieler. Über den Sport fand er erste Bestätigung und erkämpfe sich seinen Platz.
  • Schreiben Sie sich alles von der Seele. Viele Menschen empfinden das Schreiben als heilsamen Prozess, um mit einer Krise oder einem Schicksalsschlag fertig zu werden.
  • Machen Sie sich bewusst, welche Krisen Sie bereits überstanden haben. Sie werden sich gestärkt und gewappnet fühlen, wenn Sie sich noch einmal ins Gedächtnis rufen, welche Probleme Sie bereits erfolgreich gelöst haben. Durch diese Analyse wird Ihnen klar, welche Ressourcen und Stärken Sie mitbringen und Ihre Zuversicht steigt.
  • Richten Sie Ihren Blick auf die Lösungen. Wer sich auf die Suche nach einem Ausweg konzentriert, wird mit den vor ihm liegenden Problemen besser fertig. Dann werden die Lösungen zu Zielen, auf die hingearbeitet werden kann.
  • Suchen Sie neue Herausforderungen. Wer sich fortwährend weiterentwickelt, sammelt neue Erfahrungen, erweitert das eigene Spektrum und rüstet sich für kommende Krisen.
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