Der Dezember ist turbulent. Das Jahresendgeschäft ringt den Mitarbeitern letzte Kräfte ab, parallel wird gebacken, gebechert, gefeiert bis zur Heiligen Nacht. Spätestens mit dem ersten Advent erleben Glühwein, Girlanden und Geschäftsführeransprachen ihre alljährliche Renaissance, vom Chef bis zum Pförtner ziehen sich dann alle bunte Pappnasen, lustige Nikolaus-Mützen und Rentiergeweihe an und spielen ungezwungenes Beisammensein. Feste soll man zwar feste feiern, derart erzwungene Lieblichkeiten sind aber anscheinend nur durch exzessive Enthemmung zu ertragen. Schließlich muss man Klaus, Dieter und Dörthe nicht mehr kennenlernen, weil sie uns längst auch unter der Woche zum Essen oder Kaffeetrinken begleiten.

Tatsächlich sind Weihnachtsfeiern wie Schaulaufen: Wer benimmt sich – wer daneben? Überall lauern Fettnäpfchen und Fallstricke. Für Vorgesetzte ist so eine Feier gerne auch ein gesellschaftlicher Benimmtest, der Mitarbeiter für höhere Aufgaben empfiehlt oder auch nicht.

Der Maßstab variiert zwar von Unternehmen zu Unternehmen, dennoch gelten bestimmte Regeln unisono, wie etwa dem Chef bloß nicht die Meinung zu geigen oder zu fortgeschrittener Stunde um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Selbst im Suff ist das tödlich! Tabu ist auch, unangemeldet zusätzliche Gäste – etwa den Partner oder einen Freund oder Freundin – zum Fest mitzubringen. Ebenso fällt durch, wer geschmacklose Witze erzählt, niemanden grüßt, wie ein Rüpel durchs Büffet pflügt oder bereits stark angeschickert zur Party erscheint.

Überhaupt Alkohol: Wenn der Pegel steigt, wird die Zunge lockerer und der Mut zur Wahrheit steigt. Halten Sie sich damit unbedingt zurück. Kollegen zu beleidigen, ist schon ein schwerer Fauxpas. Aber etwa lautstark über die unsägliche Weihnachtsansprache des Chefs herzuziehen, kann Sie den Job kosten. Wer als Lästermaul auffällt, riskiert mindestens seine Beförderung.

Auch der Ruf eines Draufgängers, der jeden Matrosen unter den Tisch trinken könnte, ist ein Pyrrhussieg. Die Kollegen sollen einem schließlich auch nach der Party mit Respekt begegnen und sich nicht ausschließlich an den Moment erinnern, als man über die Kurven der Praktikantin dozierte – oder schlimmer: sie examinierte. Ob angeschickert oder nicht – Intimitäten sind tabu! Auch wenn der Rahmen eine privatere Atmosphäre suggeriert: Es handelt sich immer noch um eine betriebliche Veranstaltung. Damit gelten auch alle arbeitsrechtlichen Konsequenzen auf einer Weihnachtsfeier: Sexuelle Belästigung, tätliche Angriffe, Verbalinjurien – all das ist mindestens abmahnfähig. Durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) haftet der Arbeitgeber etwa bei sexueller Belästigung im Betrieb mit.

Umgekehrt gilt: Wenn der Chef nach dem sechsten Schnaps abstürzt und plötzlich „Du“ sagt, zählt das nur, wenn er sich am nächsten Tag auch noch daran erinnern mag und es beibehält. Ansonsten sagt man besser wieder „Sie“ zu ihm. Bitte niemals an das „Du“ erinnern!

party

Dasselbe gilt für Zeugen einer zunehmend ausgelassenen Führungskraft: Wenn Sie beobachten wie der Chef auf den Tisch klettert, sich das Hemd aufreißt, um ausgelassen zu tanzen, sollten Sie sich besser zügig aus der Affäre stehlen. Manche Chefs neigen dazu, die Scham und das schlechte Gewissen am nächsten Tag jenen anzulasten, die das bezeugen könnten.

Seien Sie auch vorsichtig beim Smalltalk: Auf Weihnachtsfeiern wird zwar viel geredet, wer aber zu tief schürft oder das Gespräch auf das Leiden der Welt lenkt, sorgt mindestens für atmosphärische Störungen. Klatsch und Tratsch über Kollegen ist ohnehin tabu.

Neben den Partylöwen gibt es allerdings auch die Gruppe der Spaßbremsen. Riesenfehler! Kollegen, die schweigend in der Ecke kauern, demonstrativ auf die Uhr schauen oder über Restaurant und Essen mäkeln, mag keiner. Solche augenfälligen Miesepeter sind womöglich nicht einmal teamfähig.

Noch schlimmer ist nur: gar nicht erst hingehen. So jemand entlarvt sich als eigenbrötlerisch. Gleiches gilt für einzelne Gruppen, die sich während der Party absondern und tuscheln – sei es als Abteilung oder als Horde von Alpha-Männchen. Chefs, die lieber unter sich bleiben, demonstrieren, dass sie den Kontakt zur Basis weder haben noch suchen und schaden so dem Betriebsklima.

Eine juristische Finesse noch zum Schluss: Da die Weihnachtsfeier eine betriebliche Veranstaltung ist, sind die Mitarbeiter während der Sause unfallversichert – egal, wie betrunken sie bei einem möglichen Unfall waren. Als Gradmesser ab wann die Feier allerdings wieder privat ist, gilt meistens die Anwesenheit des Chefs: Gehen die Vorgesetzten nach Hause und mit ihnen das Gros der Mitarbeiter, endet der betriebliche Charakter der Weihnachtsfeier und damit auch der Unfallschutz. Dasselbe gilt für den Heimweg: Der ist immer privat! Also aufpassen.

xmascomicIn der aktuellen WirtschaftsWoche (Nr. 50) haben wir diesem Thema einen Comic gewidmet (ist mal eine andere Erzählweise), aus dem auch die obige Illustration von Dierk Hagedorn stammt. Ich fände es aber spannend, wenn sich noch mehr Illustratoren dieses Themas annehmen und wiederum ihre Interpretation (oder Erfahrungen) aufzeichnen und hier verlinken. Aber auch als Nicht-Illustrator können Sie Ihre persönlichen Erfahrungen gerne hier kommentieren. Als Inspiration und im MAD-Heft-Stil vorab:

Du weißt, dass Du auf der Weihnachtsfeier verloren hast, wenn…

  • …Du Kleidung wählst, die mehr preisgibt als sie verhüllt.
  • …Du über das Essen, die Getränke oder Kollegen lästerst.
  • …Du Deine Eheprobleme, Krankheiten oder Motivation zum Thema machst.
  • …Du über die Kurven der Praktikantin hörbar dozierst.
  • …Du die Kurven der Praktikantin examinierst.
  • …Du dem Chef unverblümt die Meinung geigst.
  • …Du den Chef um eine Gehaltserhöhung bittest.
  • …Du beweist, dass Du jeden Matrosen unter den Tisch trinken kannst.
  • …Du beweist, dass Matrosen doch mehr vertragen als Du.
  • …Du auf Deinem Büffet-Teller den Turm zu Babel nachbaust.
  • …Du Zeuge wirst, wie Dein Chef entgleist – und ihn daran erinnerst.
  • …Du über den Chef lästerst – und er das merkt.
  • …Du anzügliche oder diskriminierende Witze erzählst.
  • …Du Dich sichtbar langweilst.
  • …Du zur Spaßbremse mutierst.
  • …Du Dich (mit Deiner Clique) absonderst – erst recht, wenn Du der Chef bist.
  • …Du erst gar nicht hingehst.