Daniel Simons, ein Psychologie-Professor am Beckman Institut der Universität von Illinois beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit selektiver Wahrnehmung. Dabei handelt es sich um einen unserer schwerwiegenderen Defekte, bei dem wir nur noch jene Dinge hören und sehen, die wir hören und sehen wollen und alles andere ausblenden. Nun gibt es Menschen, die darum wissen und deshalb versuchen, ihre Sinne stets wach und ihre Wahrnehmung weit zu öffnen. Keine gute Idee. Denn Simons jüngste Studien kommen zu dem Befund: Wer das Unerwartete erwartet, übersieht dabei oft noch Wichtigeres.
Was hier noch kryptisch klingt, können Sie gleich selbst ausprobieren. Bevor Sie unten weiterlesen, schauen Sie sich bitte das folgende Video aufmerksam an: Dort spielen einige junge Leute Ball. Zählen Sie bitte, wie oft der Ball zwischen den Teilnehmern im weißen Team hin und her wechselt:
Vermutlich kennen Sie das Video schon. Es ist inzwischen legendär. Simons und sein Kollege Christopher Chabris, ebenfalls Psychologie-Professor allerdings am Union College in New York, experimentierten damit bereits im Jahre 1999. Natürlich konnten die meisten Probanden genau mitzählen, wie oft der Ball wechselte – aber gut die Hälfte von ihnen übersah den Gorilla, der durch die Szenerie wanderte, obwohl dieser rund neun Sekunden zu sehen war.
Ein klassischer Fall von selektiver Wahrnehmung oder Aufmerksamkeitsblindheit. Weil sich alle auf die Ballspieler konzentrieren, übersehen sie, was sonst noch passiert. Der Punkt ist aber: Eben weil das Experiment so bekannt ist, funktioniert es heute kaum noch.
Genau diesen Effekt nutzte Simons nun für einen zweiten Versuch. Auch hierzu gibt es ein Video, sodass auch Sie sich diesem Test jetzt selbst unterziehen können. Also noch einmal: Bevor Sie weiterlesen, schauen Sie sich das Video genau an und zählen Sie wieder, wie oft der Ball zwischen den weißen Spielern wechselt:
Natürlich haben Sie dieses Mal mitgezählt und auch den Gorilla schon erwartet – und entsprechend gesehen. Doch das hat Ihre Wahrnehmung so sehr beeinflusst, dass Sie übersehen haben, wie der Vorhang die Farbe wechselte und ein Mitglied des schwarzen Teams einfach verschwand.
Bei Simons’ Versuchen zeigte sich: Von den Teilnehmern, die mit dem Gorilla rechneten, weil Sie das erste Video kannten, bemerkten gerade einmal 17 Prozent auch die anderen beiden Ereignisse. Wer dagegen das Gorilla-Video nicht kannte, registrierte schon in 29 Prozent der Fälle den Vorhangfarbwechsel und das Verschwinden eines Teammitglieds. Das sei zwar statistisch nicht “signifikant”, räumte Simons selbst ein, mache aber deutlich, dass selbst das Unerwartete zu erwarten, unsere Wahrnehmung keinesfalls verbessert. Eher ist es umgekehrt.







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