Vexierbild-Schmetterling
Das Internet ist voller denkwürdiger Geschichten: Eine Mutter fährt mit ihrem Sohn in der U-Bahn. Der Sohn läuft völlig verstört durch die Bahn, wirkt hyperaktiv, ist aggressiv, belästigt Mitreisende, pöbelt. Die Menschen reagieren immer gereizter, schütteln den Kopf. Irgendwann fasst sich ein Mann ein Herz und spricht die Mutter an: "Warum lassen Sie zu, dass sich Ihr Kind so daneben benimmt? Sehen Sie nicht, dass Sie andere stören?" Da antwortet die Mutter: "Es tut mir Leid. Aber wir kommen gerade aus dem Krankenhaus, in dem gerade mein Mann und der Vater meines Jungen an den Folgen eines Unfalls gestorben ist. Ich weiß leider überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll, und ich fürchte, mein Sohn weiß es auch nicht." Ein Satz – eine völlig andere Welt...

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist

Vielleicht dachten auch Sie gerade noch, es geht in dieser Geschichte um Kinderstube, um Rücksichtslosigkeit oder die Kritik an einer Laissez-Faire-Erziehung. Doch mit der Erklärung der Mutter erscheint alles sofort in einem anderen Licht.

Ihre Perspektive hat sich komplett verschoben.

Ein anderes Beispiel...

Ein Vater fährt mit seinem Sohn in die Stadt. Der Sohn bleibt ständig stehen, sieht sich immer wieder Dinge an. Der Vater hat noch Besorgungen zu erledigen, ist genervt und treibt seinen Sohn an, zerrt ihn weiter. Irgendwann platzt es aus ihm heraus:

"Was ist denn jetzt schon wieder? Nun komm endlich, wir müssen weiter!"

Typisch? Nehmen wir an, tags zuvor hätte die Schule bei diesem Vater angerufen. Der Schulleiter wäre am Telefon gewesen und hätte gesagt: "Wir haben heute einige Intelligenztests gemacht. Dabei kam heraus, Ihr Sohn ist hochbegabt, er ist ein Genie!"

Was, glauben Sie, wäre am Nachmittag passiert? Hätte der Vater wieder gesagt: "Los, du Träumer, wir haben nicht ewig Zeit!" Oder wäre er auch beim zehnten Mal stehengeblieben und hätte seinen Sohn neugierig gefragt: "Worüber denkst du gerade nach? Was siehst du?"

Unser Verhalten ist das Ergebnis, wie wir die Dinge sehen. Die Welt ist wie ein Vexierbild – und je nachdem, ob wir wie im obigen Bild einen Schmetterling oder zwei Gesichter sehen, gefällt uns das Bild oder nicht.

Vexierbilder: Ich sehe was, das du nicht siehst

Manchmal, wenn man einige Tage Segeln war und viel Zeit auf dem bewegten Wasser verbracht hat, erlebt man zurück im Hafen eine seltsame optische Täuschung: Das Boot nähert sich dem Steg, man legt den Bootshaken aus, um das Schiff in seine endgültige Position zu bringen. Doch haben die Heimkehrer an Bord eher das Gefühl, sie würden den Steg und das Land an sich heranziehen. Dabei ist es umgekehrt: Das Land ist fix, nur wir selbst nähern uns an.

So etwas Ähnliches erleben manche auch im Bahnhof: Wenn man zum Fenster aus seinem stehenden Zug herausblickt und ein anderer Zug auf dem Nachbargleis einfährt, sieht es für einen Moment so aus, als würde man selbst losfahren. Dabei ist das nur eine optische Illusion.

Aber eine denkwürdige, die uns zugleich viel über uns selbst und unser Denken verrät. Oder weniger kryptisch ausgedrückt: Wir nehmen uns gerne selbst zum Maßstab.

Es ist unmöglich, die Welt zu sehen wie sie wirklich ist. Aber wir können entscheiden, ob wir die Dinge hinterfragen.

Weniger pathetisch ausgedrückt: Wenn Sie ein Problem haben, ist Ihr Problem vielleicht, dass Sie es als Problem betrachten. Es könnte auch eine Chance sein.

Wie heißt es so schön: Wenn das Leben dir Zitronen schenkt – mach Limonade draus!

Perspektivwechsel: Sehen Sie das große Ganze?

Ein drittes - sehr berührendes - Beispiel für unsere eingeschränkte Sicht und eine optische Täuschung, zeigt dieses Video (Achtung: Taschentücher bereithalten!):

[Bildnachweis: morrison77 by Shutterstock.com]