Ein Gastbeitrag von dem Wirtschaftsingenieur Patrick Conrad

Vilfredo Federico Pareto hat wieder mal Recht: Mit 20 Prozent Aufwand lassen sich bereits 80 Prozent des Ergebnisses erzielen. Das Problem ist nur, dass 80 Prozent in meinen Augen nur geringfügig mehr ist als »halbfertig«. Und »halbfertig« macht mich als bekennenden Perfektionisten »ganz fertig«. Das führt dazu, dass ich bei jeder mir übertragenen oder auch selbst ausgesuchten Aufgabe nicht einfach nach 20 Prozent Einsatz Schluss machen oder mich ganz lässig zurücklehnen kann.

Ein Beispiel: Ich fotografiere gern, besonders Brücken bei Nacht. Da Brücken nicht ohne Weiteres auf ein einzelnes Foto passen, mache ich also mehrere Aufnahmen versetzt nacheinander und füge sie am Computer zu einem Panoramabild zusammen. Dafür gibt es Software, die das Panorama über Mustererkennung automatisch erzeugen kann.

Ein Betrachter, dem dieses »Automatikbild« präsentiert wird, vielleicht sogar auf einem großen Flachbildschirm, ist in der Regel von einer solchen Aufnahme begeistert. Sogenannte Stitchingfehler im Überlappungsbereich der Fotos fallen ihm natürlich nicht auf. Der perspektivische Eindruck »überblendet« kleine Bildfehler. Mit wenigen Mausklicks konnte ich also ein eindrucksvolles Bild erstellen, dass den Betrachter begeistert und zufriedenstellt.

Mich aber nicht. Schon leichter Wellengang auf dem Fluss unterhalb der Brücke führt dazu, dass sich die Bugspitze eines Bootes auf dem einen Bild in einem geringeren vertikalen Abstand zum Brückengeländer befindet als auf dem nur kurze Zeit später geschossenen Foto, das diese Bugspitze wegen der notwendigen Bildüberlappung ebenfalls zeigt. Nur einmal ist das Boot im Wellental und das zweite Mal auf dem Wellenberg. Beim Zusammensetzen dieser beiden Fotos im Zuge der Panoramaerstellung überblendet die Automatik diese kleinen Verschiebungen.

Wenn man diese Stelle genau unter die Lupe nimmt, fällt es auf, aber es stört den Gesamteindruck nicht. Mich aber schon.

Ich kann mich an diesem unvollkommenen Foto nicht richtig erfreuen, wenn ich weiß, dass es mit diesen »gravierenden« Fehlern eben nur zu 80 Prozent perfekt ist. Warum habe ich sonst soviel Aufwand bei der Aufnahme betrieben und ein Stativ mit speziellem Panoramakopf, Fernauslöser, Wasserwaage sowie diverse Filter mitgeschleppt?

Diesen hochwertigen Input in nur mittelmäßigen Output umzusetzen, wäre pure Verschwendung. Also bin ich doch »gezwungen«, die sich überlappenden Einzelfotos in Photoshop in separate Ebenen zu laden und das Zusammenfügen der kritischen Stellen manuell mit dem digitalen Retuschepinsel vorzunehmen.

Hier schlägt das Paretoprinzip wieder gnadenlos zu: Mit 80 Prozent Mehraufwand erreiche ich letzlich nur, dass die Bugspitze nun nicht mehr weichgezeichnet überblendet ist, sondern knackscharf an der »korrekten« Stelle abgebildet wird. Zeige ich dem Betrachter des Automatikbildes auf demselben Bilschirm direkt darunter das retuschierte Bild, fällt ihm der Unterschied natürlich auch auf. Aber vorher war er begeistert und jetzt ist er es auch. Also wo ist der Nutzen für ihn? Ich bin jetzt zufriedener, aber zu welchem Preis?

80 Prozent Zielerreichungsgrad werden im Allgemeinen als »gut« beziehungsweise an (Hoch)Schulen mit der Note 2,0 bewertet. Aber gut ist mir meistens eben nicht gut genug. Das nervt mich oft selbst, aber ich komme davon nicht los.

Ich WEISS, dass ich mit den restlichen 80 Prozent Aufwand höchstens noch 20 Prozent mehr Ergebnis erzielen kann, doch selbst das ist fraglich, denn welches Ergebnis ist schon hundertprozentig? Also versuche ich mich selbst zu überlisten, indem ich eine Aufgabe, die einen fixen Abgabe- beziehungsweise Erfüllungstermin hat (zum Beispiel eine Projekt-Präsentation) einfach später beginne. Wenn ich nur spät genug anfange, wird aus der ursprünglich zur Verfügung stehenden Zeitspanne (=100 Prozent) allein durch Zeitablauf ein ziemlich schmales Zeitfenster, was bei genügender Wartezeit den paretokonformen 20 Prozent bedrohlich nahe kommt.

Doch das schwächt weder den Hang zum Perfektionismus noch ist es irgendeine Arbeitserleichterung. Ganz im Gegenteil!

So schlittere ich ganz elegant vom Perfektionismus hinüber in die Prokrastination. Und habe mir nebenbei noch richtig Druck aufgebaut, den mein Hirn sofort in Stress übersetzt und mein Körper als Schlafstörung auslebt. Das wiederum »löst« das Zeitproblem: Was ich vorher gezielt »auf die lange Bank« geschoben habe, um die zur Verfügung stehende Zeit zu verknappen, hole ich mir nun zurück.

Was man an Schlaf spart, kann man an Projektzeit zusetzen!

Also arbeite ich nachts mit besagten 80 Prozent Mehreinsatz, um das offensichtliche 20-Prozent-Manko am Ergebnis auszugleichen. Das Dumme daran ist, dass ich mir selbst nicht die Chance gebe, etwas daraus zu lernen. Ich werde so nie erfahren, ob der Auftraggeber beziehungsweise derjenige, dem ich das Ergebnis anschließend präsentiere, bereits mit dem in der Kürze der Zeit erreichten 80-Prozent-Ergebnis zufrieden gewesen wäre.

Nein, ich rede mir auch ein, dass ich es ja für mich selbst mit dieser Gründlichkeit und Sorgfältigkeit ausführen muss. Ich will mir schließlich nicht vorwerfen müssen, ich hätte nicht alles gegeben. Und überhaupt, welches Licht würde auf meine fachliche Qualifikation geworfen werden, sollte die von mir erarbeitete Lösung unvollständig oder sogar fehlerhaft sein.

Unabhängig von diesen mehr oder weniger eingeredeten Ängsten habe ich aber immer mein selbstinszeniertes Erfolgserlebnis: Das Arbeitsergebnis gefällt MIR! Dadurch ist es fast schon egal, was der eigentliche Kunde dazu sagt. Ich bin zufrieden und damit hat sich der ganze Aufwand bereits gelohnt.

Aus dieser Zufriedenheit heraus kann ich das Ergebnis auch überzeugend und begeistert präsentieren, sodass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der Auftraggeber ebenfalls zufrieden ist. Und ist Zufriedenheit nicht letztlich das, wonach wir alle streben? Eine Aufgabe, ein Auftrag wird doch ausgelöst, weil es irgendeine unbefriedigende Situation, einen unvollkommenen Zustand gibt, die beim Betrachter keine Zufriedenheit auslösen.

Wenn ich also durch eine perfektionistische, prokrastinöse Arbeitsweise selbst zufrieden werde und zur Zufriedenheit anderer beitragen kann, worin besteht dann das Problem?

Über den Autor:

Patrick Conrad, 37, stammt aus Berlin und ist selbstständiger VBA-Programmierer und Künstleragent. Aktuell beschäftigt er sich mit dem Schreiben einer Masterarbeit im Fachgebiet Wirtschaftsingenieurwesen an der HTW Berlin. Alle hier abgebildeten Fotos sind von Patrick Conrad (c).

Dieser Gastbeitrag nimmt am Autorenwettbewerb 2011 teil.