Es ist ein Fehler, keine Fehler machen zu wollen. Manche Menschen verschwenden ihr ganzes Leben bei diesem Versuch. Objektiv betrachtet machen sie vielleicht wirklich seltener Fehler als andere. Aber sie erreichen auch weniger, weil sie viel Zeit dafür aufwenden, potenzielle Malaisen zu vermeiden.

Überhaupt: Nach Vollkommenheit zu streben, ist vollkommen aussichtslos. Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Sicher, wer in ein Flugzeug steigt oder sich auf einen OP-Tisch legt, darf zu Recht hundertprozentige Sicherheit und einen Perfektionsanspruch aller Beteiligten erwarten. In vielen anderen Bereichen aber schießt ein solcher Ehrgeiz über das Ziel hinaus. Dort hält Perfektionismus auf und führt zum Tunnelblick.

Über das Thema habe ich gerade einen größeren Artikel in der aktuellen WirtschaftsWoche geschrieben. Darin taucht zum Beispiel auch Marijn Dekkers auf. Der steht seit rund zehn Monaten an der Spitze des Leverkusener Pharmakonzerns Bayer und erzählt, wenn man ihn auf das Thema Perfektionismus anspricht, gerne einen alten Witz:

Zwei Wanderer treffen in den kanadischen Wäldern einen Bären. Der eine Wanderer reagiert sofort, zieht seine schweren Schuhe aus und die Laufschuhe an. „Was soll das denn?“, fragt sein Kumpel. „Damit kommst Du auch nicht weit!“ Darauf der andere: „Es reicht schon, dass ich schneller bin als Du!“

Nicht die optimale Lösung, die vorteilhafteste gewinnt im Wettbewerb. Ohnehin wundert sich der Niederländer immer wieder über die Deutsche Mentalität: „In den USA freuen sich alle, wenn ein Projekt zu 80 Prozent gelungen ist. Wenn dagegen in Deutschland ein Projekt selbst 98 Prozent erreicht, fragen sich alle noch, woran es bei den restlichen zwei Prozent hakt.“

Die Suche nach Perfektion – sie wird zur ewigen Jagd, die niemals endet. Oder sorgt dafür, dass man sich an einmal Erreichtem nicht mehr freuen kann. Egal, was man schafft, es ist nie genug.

Nicht selten wird eine solche Attitüde noch flankiert durch Vorschriften, Kontrollwut, Rechthaberei und viel zu hohen Erwartungen. So entsteht leicht eine Abwärtsspirale aus Streben und Scheitern. Denn mancher Perfektionist stellt derart übertriebene Ansprüche nicht nur an sich, sondern auch an seine Mitmenschen – an Mitarbeiter, Kollegen, Freunde, den Partner. Wer jedoch beispielsweise als Chef anderen ständig das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein, nur herumnörgelt und nie zufrieden ist, macht sich nicht nur unbeliebt, sondern lähmt auf Dauer das gesamte Unternehmen.

Natürlich ist es auch so, dass der dokumentierte Wunsch, alles perfekt machen zu wollen, mancher Karriere erst den entscheidenden Kick geben soll. Solche Leute gelten als engagiert, leistungshungrig und verlässlich. Eigenschaften, die jeder Vorgesetzte schätzt. Nach der Devise „höher, weiter, schneller“ klettern nicht wenige ins Hamsterrad, streben nach Superlativen und versuchen sich und anderen damit etwas zu beweisen. Nur was eigentlich?

Ebenso leicht ließe sich zurückfragen:


    Wem wollen diese Menschen etwas beweisen?
    Und wann und womit wäre es schlussendlich bewiesen?

Vor allem Frauen stehen heute in der Gefahr, unglückliche Perfektionistinnen zu werden. Über die Jahre haben sie gelernt: „Ich muss besser sein als die Männer, um aufzufallen und aufzusteigen.“ Doch während sie sich quälen und zu einer Höchstleistung nach der anderen treiben, ziehen die Männer souverän und entspannt an ihnen vorbei, Motto: Wozu die Anstrengung, wenn sich mit 80 Prozent dasselbe Ergebnis erreichen lässt?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, künftig nur noch halbe Sachen zu machen. Es ist nichts Falsches daran, hohe Ansprüche an sich und andere zu stellen. Doch verbergen sich hinter der Perfektionssucht häufig auch Unsicherheit und das unerfüllte Verlangen nach Beachtung oder Beifall, der Wunsch nach mehr Kontrolle und der Versuch, sich vor Schimpf und Schande zu schützen.

Nur allzu oft setzen Perfektionisten ihre Leistungen und Erfolge mit persönlichem Wert gleich und betreiben deshalb permanente Selbstoptimierung, die im Extrem zur einer Art narzisstischen Selbstverwirklichung mutieren kann.

Der zweite Fehler der Perfektionisten: Sie denken in Schwarz-Weiß-Kategorien. Wer nicht perfekt ist, wird automatisch zum Verlierer. Bei dieser Sicht erhalten menschliche Fehler aber ein zu großes Gewicht. In Japan dagegen weiß man die Segnungen des „Wabi-Sabi“ zu schätzen – der Kunst, Schwächen zu akzeptieren, sich nichts mehr beweisen zu müssen und die Schönheit gerade im Unvollkommenen zu finden.

Und seien wir ehrlich: Mancher Perfektionist gibt zwar vor, geschäftig und gewissenhaft zu sein – schiebt in Wahrheit aber genau die Aufgaben hinaus, die jetzt wichtig wären, nur eben weniger Spaß machen als das herumdoktern an ein paar unwichtigen Macken.