Der Legende nach soll der Komponist Ludwig van Beethoven regelmäßig 60 Kaffeebohnen abgezählt haben, um sich daraus eine Tasse Mokka zu brühen. Der französische Romancier Honoré de Balzac wiederum trank täglich mehrere Tassen starken Kaffee, um wach zu bleiben. Gut, der Mann arbeitete auch meist zwölf Stunden am Tag… Auch wenn der Durchschnittsdeutsche wohl weniger malocht – er trinkt im Schnitt vier Tassen Kaffee pro Tag. Das entspricht einem Verbrauch von rund 160 Litern auf 365 Tage. Damit ist Kaffee noch vor Bier das beliebteste (Büro-)Getränk der Deutschen.

Viele gute Eigenschaften werden dem Kaffee nachgesagt: Kaffee steigert die Denkleistung, er kann Schmerzen lindern oder sogar sexuell erregen – die Frauen vor allem. Kaffee gegen hilft gegen Mundgeruch, zu viel Kaffee allerdings macht Kopfweh. Die wohl wichtigste Eigenschaft aber ist: Kaffee, beziehungsweise das darin enthaltene Koffein, macht munter.

    Aber stimmt das auch?

Oder ist für die aufputschende Wirkung am Ende nicht doch nur eine Art Placebo-Effekt verantwortlich? Ich habe festgestellt, dass es zu diesen Fragen erstaunlicherweise zahlreiche Experimente gibt. Alle sehr interessant, eine jedoch ganz besonders. Sie wurde erst vor wenigen Wochen veröffentlicht und stammt von den beiden Psychologen Paul T. Harrell und Laura M. Juliano von der Universität in Washington. Für ihren Versuch fanden sie 60 passionierte Kaffeetrinker, die allerdings an diesem Morgen noch keine Tasse zu sich genommen hatten. Nun teilten Harrell und Juliano ihre Probanden in zwei mal zwei Gruppen auf: Die erste Gruppe bekam Kaffee mit 280 mg Koffein (was eine Menge ist – entspricht der Menge von rund vier Tassen), die zweite eine Tasse entkoffeinierten Kaffee (was diese aber nicht wusste). Innerhalb dieser Gruppen wurde noch einmal unterschieden: Der einen Hälfte erzählte man, der Kaffee habe eigentlich keine, wenn nicht gar einen negative Wirkung auf ihre kognitiven Fähigkeiten, den anderen sagte man der Kaffee sei wie üblich anregend. Vereinfacht sah die Einteilung also so aus:

  • Gruppe 1a: koffeinhaltiger Kaffee, Annahme: wirkungslos
  • Gruppe 1b: koffeinhaltiger Kaffee, Annahme: wirkt aufputschend
  • Gruppe 2a: entkoffeinierter Kaffee, Annahme: wirkungslos
  • Gruppe 2b: entkoffeinierter Kaffee, Annahme: wirkt aufputschend

Nochmal: Allen wurde mitgeteilt, sie trinken normalen Kaffee. Wobei allenfalls die Probanden der Gruppe 1b als eine Art Kontrollgruppe gelten können, da sie als einzige von wahren, beziehungsweise klassischen Annahmen ausgehen.

    Was passierte?

Das Ergebnis war eindeutig: Der koffeinhaltige Kaffee hatte tatsächlich die größte Wirkung auf die kongnitiven Fähigkeiten der Probanden. Einen Placebo-Effekt kann man in diesem Fall also ausschließen. Allerdings gab es einige weitere Effekte, die das Experiment so interessant machen: Denn die vorherige Aussage, der Kaffee wirke besonders anregend, gab dem Trunk einen zusätzlichen Push. Aber nur dem koffeinhaltigen Getränk. Bei der Gruppe, denen man in Wahrheit entkoffeinierten Kaffee gegeben hatte, wirkte diese Aussage geradezu katastrophal: Ihre Leistung verschlechterte sich dramatisch – siehe Grafik:

KaffeePlacebo

Bemerkenswert daran ist zudem: Keiner der Versuchsteilnehmer merkte den Unterschied zwischen einem koffeinhaltigen und einem entkoffeinierten Kaffee. Warum ausgerechnet der Placebo-Kaffee, dem die Forscher auch noch nachsagten, er habe keine oder gar eine negative Wirkung, verhältnismäßig positiv abschnitt, erklären sich Harrell und Juliano so: Die Probanden strengten sich in diesem Fall besonders stark an, die negative Wirkung des Heißgetränks auszugleichen – was ihnen auch irgendwie gelang. So gesehen kann man also doch von einem Placebo-Effekt sprechen – nur anders, als es auf den ersten Blick aussieht. Offenbar wirken Placebos also viel breiter und anders als manche annehmen.

Darauf einen Espresso! Ich mag nämlich keinen Kaffee.