Positive-Psychologie-Denken-Glücklich

Ein Gastbeitrag von Ilona Bürgel

Aus der Glücksforschung wissen wir: Es gibt eine Art Setpoint des Glücks, der angeboren ist. Also ein Maß an Glück, zu dem wir immer, auch nach großen Schicksalsschlägen, zurückkehren. Dies ergab eine Metaanalyse der Glücksforschung von Robert Biswas-Diner und Ben Dean. In Zahlen betrachtet steht die Disposition für etwa 50 Prozent. Von den zweiten 50 Prozent werden 10 Prozent der Umwelt zugeschrieben und 40 Prozent unserem subjektiven Umgang mit der Welt. Das heißt, diese 40 Prozent sind in etwa das, was wir durch unser Denken und Tun beeinflussen können. Das ist eine ganze Menge...

Die Positive Psychologie als wissenschaftliche Richtung

Positive Psychologie als wissenschaftliche RichtungDer Ursprung dessen, was wir heute als Positives Denken bezeichnen, ist die Autosuggestion, also die Nutzung von positiven Formeln und Sätzen zur Beeinflussung von Verhalten, Befinden und Körperreaktionen.

Im Ersten Weltkrieg nutze sie der französische Apotheker Émile Coué, der die Macht der Gedanken erkannt und als Selbsthilfe-Methode an seine Kunden vermittelt hatte.

Der "Großvater" der Positiven Psychologie, Don Clifton, hat sich mit amerikanischen Kriegsgefangenen im Koreakrieg befasst und untersucht, ob und wie man mit Positivität einen stärkeren Einfluss ausüben kann als mit Negativität.

Ende des letzten Jahrhunderts stellten die Psychologen um Martin Seligmann in den USA erstmals laut die Frage, warum sie sich fast ausschließlich mit Krankheiten, Symptomen und Problemen befassen, während 70 Prozent der Menschen Gesunde sind, die einfach ein gutes Leben haben wollen. So etablierte sich im Jahr 2000 die Positive Psychologie als wissenschaftliche Richtung, die positive Emotionen, positive Charaktereigenschaften und positive Institutionen untersucht.

In Psychologie und Medizin wurde es durch diese neue Sichtweise möglich, den Schwerpunkt weg vom Defizit hin zu den Möglichkeiten zu verschieben und statt Fremdheilung und Abhängigkeit von Arzt oder Therapeut auf Selbstheilung und eigene Aktivität zu setzen. Dem Einzelnen wurde mehr Potenzial und Einfluss auf das eigene Leben zugeschrieben.

Positive Psychologie: Warum sie funktioniert

Zunächst – das Gehirn fokussiert sich auf Probleme, nicht auf Genuss. Das macht es deshalb, weil wir Teil der Natur sind und es immer als Erstes um das Überleben geht. Gefahren musste es sich daher besser merken als Genuss.

Dafür wurde der Begriff "das katastrophische Gehirn" geprägt. In unserer durch Stress und Druck bestimmten Welt sind wir gehirntechnisch gesehen im Dauerproblemmodus.

Unsere Emotionen sind Hinweise, wie wir eine Situation bewerten. Sie lösen Handlungsimpulse aus, zum Beispiel löst Furcht den Impuls aus, zu flüchten, Zorn, den anzugreifen.

Negative Emotionen schränken die Perspektive ein, positive erweitern sie. Sie öffnen das Herz und machen kreativ. Daraus hat die Psychologin Barbara Fredrickson ihre "broaden and build"-Theorie (broaden: erweitern) entwickelt: Der Umgang mit Emotionen und unser Verhältnis dazu sind entscheidend, denn beide, positive und negative Gefühle, haben ihre Berechtigung. Negative Gefühle sind in konkreten Situationen überlebenswichtig, positive für konstruktives, kreatives Lernen. Optimismus, Neugier, Lebensfreude erweitern die Perspektive und ermöglichen Wachstum.

Glückliche Menschen nutzen und entwickeln ihre sozialen und persönlichen Ressourcen, sind kreativer, motivierter, hilfsbereiter, sozialer, energievoller. Glück ist wie ein Perpetuum Mobile und füllt sich selbst.

Emotionen haben auch mentale Konsequenzen. Bei negativen Gefühlen wiederholen wir das Problem innerlich immer wieder und es wird größer als es in der Realität je war. Sie führen zum sogenannten Tunnelblick.

Unsere Wahrnehmung fokussiert sich auf all das, was zu unseren Annahmen passt, alles andere filtern wir gnadenlos heraus. Das, was wir sehen, ist ein Mini-Ausschnitt, und wir nennen ihn Realität statt meine Realität.

Haben wir uns einmal darauf eingeschossen, dass unsere Arbeit stresst und nervt, dann wird das auch so sein, weil wir nur diese Aspekte wahrnehmen und uns dazu passend verhalten.

Positive Psychologie: Gesundheit beginnt im Kopf

Julia Boehm und Laura Kubzansky von der Harvard School of Public Health haben herausgefunden, dass keine positive oder eine negative Lebenseinstellung zu haben, eine andere Wirkung hat als eine positive zu haben. Optimismus, Zufriedenheit und Glück verringern das Risiko für Herzkreislauferkrankungen. Positive Menschen hatten ein um 50 Prozent reduziertes Risiko.

Ein internationales Forscherteam um Livia Thomas konnte nachweisen, dass die selbst wahrgenommenen Stressbewältigungsfertigkeiten nicht nur vor hormonellen Stressreaktionen schützen, sondern auch vor neuronalen.

Im MRT (Magnetreso-nanztomographen) zeigten sie, dass Menschen mit hohen wahrgenommenen Stressbewältigungsfertigkeiten in Stresssituationen bereits auf Gehirnebene durch verstärkte Tätigkeit der Insula weniger Stress erleben.

Shelly E. Taylor wiederum forscht zu positiven Illusionen bei Schwerkranken. Psychologische Ressourcen wie Optimismus, Kontrolle oder Sinn helfen mit dem Auf und Ab des Lebens zurechtzukommen und scheinen eine Art Puffer für die Gesundheit zu sein. Die untersuchten Frauen waren der Annahme, ihre Krebserkrankung unter Kontrolle zu haben oder gesund zu sein, selbst wenn medizinische Fakten dagegen sprachen. Dies führte dazu, dass sie Stresswerte wie mental Gesunde hatten und sich wohlfühlten. Positive Emotionen erzeugen positive physiologische Wirkungen zum Beispiel im endokrinen Nervensystem.

Als Placebo wird eine Wirkung beschrieben, die nicht durch ein Medikament selbst, sondern durch die Kraft der Gedanken zustande kommt. Es ist ein positiver Effekt, der in der Medizin untersucht wird, allerdings auch im ganz normalen Alltag wirkt. Ulrike Bingel, Schmerzforscherin an der Universität Hamburg, beschäftigt sich in Deutschland damit.

Zwischen 20 und 90 Prozent wird der Effekt von Placebos eingeschätzt, wobei vom Effekt nicht nur Placebopräparate (die keine Wirkstoffe enthalten), sondern auch die ganz normale Medizin profitieren.

Die wichtigste Voraussetzung ist die positive Erwartung der Patienten. Diese entsteht durch gute Erfahrungen oder überzeugende Erklärung.

Der Nocebo-Effekt ist die Kehrseite des Placebo-Effektes.

Die Erwartung, etwas wird schaden. Wenn Sie Beipackzettel lesen oder vom Arzt belehrt werden, welche Nebenwirkungen ein Medikament hat, dann werden Sie diese höchst wahrscheinlich auch erleben. So können Süßigkeiten Übelkeit auslösen, wenn dies als Nebenwirkung erwartet wird. Einmal Gehörtes oder Gelesenes vergessen wir schlecht und das Gehirn beginnt gemeinsam mit dem Körper an der Erfüllung zu arbeiten.

Wie das Positive in die Welt der Arbeit fand

Historisch gesehen befasste die Wissenschaft sich seit den Sechzigerjahren Jahren mit Humankapital, in den Achtzigern mit Sozialkapital, also Beziehungen und Netzwerken, seit den Neunzigerjahren mit intellektuellem Kapital und Wissensbilanzen.

In den Sozialwissenschaften wurde Kapital als Ressourcen interpretiert, die Menschen bei ihrer Zielerreichung zur Verfügung stehen.

Die Arbeitspsychologie befasst sich mit Ressourcen zur Erreichung von persönlichen und beruflichen Zielen, wozu neben Zeit, physische, psychische, emotionale und soziale Ressourcen gezählt werden. In der psychologischen oder auch soziologischen Betrachtung von Ressourcen geht es um Talente, Charaktereigenschaften, geistige Haltung und Gesundheit.

Die Positive Psychologie befasst sich mit Charakterstärken und definiert nach der VIA (Classification of Strengths and Virtues) 24 davon. Als besonders wirkungsvoll haben sich Dankbarkeit, Optimismus und Hoffnung erwiesen.

Darauf aufbauend wurde die Theorie des psychologischen Kapitals von dem Managementberater Fred Luthans als Führungskonzept entwickelt und 2004 vorgestellt. Es konzentriert sich auf vier Ressourcen, die im Berufs- und Privatleben gleichermaßen nützlich sind und auf der Stärkentheorie aufbauen:

Zahlreiche Untersuchungen haben die beeindruckenden Auswirkungen nachgewiesen:

  • Gesundheit, Arbeitszufriedenheit, Engagement und Servicequalität, Einzelleistung und Teamleistung verbessern sich.
  • Die Produktivität steigt und – für die Zukunft der Unternehmen besonders wichtig – die Verbundenheit mit dem Unternehmen wächst.

Voraussetzung dafür ist, dass Führungskräfte selbst den bewussten Umgang mit psychologischem Kapital vorleben. Dadurch stärken sie die Mitarbeiter und sind das Modell für sie, die eigenen Ressourcen einzusetzen.

So viel zur Theorie. In der Praxis wird über nichts so sehr geklagt wie über die Arbeit.

Enttäuschung, Rückzug, Ärger sind an der Tagesordnung. Doch wir können das ädern. Lassen wir abfällige, pessimistische oder kränkende Bemerkungen. Sie wirken. So wie wir an der Tafel in Mathe versagt haben, wenn der Lehrer sich vorher über unsere mangelnden Fähigkeiten lustig gemacht hat, ergeht es auch unseren Kollegen und Mitarbeitern, wenn wir an ihnen zweifeln. Dazu müssen wir nicht einmal aussprechen, was wir von ihnen halten.

Der Gedanke reicht und wird vom sogenannten Spiegelneuronensystem unseres Gegenübers unbewusst erfasst und übernommen.

Das Thema Burnout ist ein dramatisches Beispiel.

Je mehr wir davon sehen, hören und sogar nur lesen, umso mehr Symptome entwickeln wir selbst und stecken uns mit negativen Gefühlen an.

Ebenso dass Vorgesetzte häufiger kritisieren als loben und Mitarbeiter zu wenig Informationen haben und dann spekulieren oder über Abwesende lästern, kurzum dass der Fokus bei Negativem statt den Potenzialen liegt. Es ist kontraproduktiv, weil alle unbewusst an der Erfüllung der Befürchtungen arbeiten. Besser wäre die zeitliche Beschränkung von Problemdiskussionen, der Start von Meetings mit guten Nachrichten und Erlebnissen und einem positives Feedback, wo immer es geht.

Positiv denken: Erwarten Sie das Beste bei Arbeit!

Positiv denkenWenn ich Sie heute fragen würde, wie sich die Welt der Arbeit verändert hat – was würde Ihnen einfallen?

Tendenziell eher die Erleichterungen und neuen Möglichkeiten, oder die Belastungen und Unsicherheiten? Bei allen bedenklichen Nachrichten aus der Welt der Arbeit gilt es, bewusst zu relativieren.

Bedenken wir immer, dass unsere Wahrnehmung von unseren Gedanken, Erfahrungen, Erwartungen und Gefühlen geprägt ist und von dem, was wir in unserem Alltag gewohnt sind. Dazu gehört eine tendenziell eher negative Berichterstattung unserer Medien auch über die Arbeit und diesbezügliche Umfragen und Analysen.

Die Unternehmensberatung Towers Watson hat in der Global Workforce Studie 2010 rund 20.000 Mitarbeiter in 27 Ländern befragt und 67 Prozent hoch und moderat motivierte und nur sechs Prozent nicht motivierte Menschen gefunden.

Haben Sie davon gelesen?

Wahrscheinlich nicht. Viel lieber werden die Ergebnisse der Gallup Studien aufgegriffen, die über schlechte Motivation und innere Kündigung berichten.

Auch wenn allerorts über den Stress bei der Arbeit geklagt wird: In der TK-Stressstudie 2013 sagten 48 Prozent der Befragten, dass Stress anspornend sei.

Mehr als drei Viertel der Beschäftigten fühlen sich den Anforderungen gewachsen und schätzen ihren allgemeinen Gesundheitszustand besser ein als der EU-Durchschnittsarbeitnehmer, sagt die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert-Koch-Instituts: Knapp 77 Prozent der Männer und 73 Prozent der Frauen bewerten ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut.

Alles positiv? Was es zu relativieren gilt

Die Irrtümer rund um das Positive Denken lassen sich auf drei Punkte komprimieren:

  1. Wir übertreiben es mit dem Glücksanspruch.

    Das ständige Angebot an Wegen zum Glück und zu Positivem Denken erzeugt einen Glücksdruck und verschiebt die Ansprüche ins grenzenlose. Das rechte Maß muss jeder für sich selbst finden. Was für den einen positiv ist, ist es für den anderen nicht unbedingt. Authentizität ist gefragt. Sowohl bei der am Positiven ausgerichteten Wahrnehmung als auch bei der Frage, was für mich ganz persönlich positiv ist.

  2. Wir überbewerten die Möglichkeiten.

    Die Betonung der individuellen Möglichkeiten zum Glück impliziert den Vorwurf des "nur nicht Wollens" beim nicht glücklich sein. Stimmt. Selbst bei Krankheiten steht schnell im Raum, ein falsches Lebenskonzept oder etwas falsch gemacht zu haben.

  3. Wir ignorieren Probleme.

    Als "optimism bias" wird die optimistische Verzerrung bezeichnet. Damit wird die Tendenz zum Beispiel der Optimisten beschrieben, alles Erfreuliche zu überschätzen, etwa Gesundheit oder Talente. Unterschätzt werden gern Risiken und negative Informationen. Übertriebene Zuversicht kann auch nachteilig sein, wenn man die eigene Belastung nicht mehr merkt.

Positives Denken heißt authentisches Positives Denken

Es geht nicht mehr um Wellness wie in den Achtzigern und Neunzigern, nicht mehr um Illusionen wie um den Jahrtausendwechsel, sondern um Existenzielles.

Wer gut für sich selbst sorgt und seine psychischen Ressourcen versteht, kann von der Neuen Welt enorm profitieren. Das individuelle Wohlbefinden kristallisiert sich dabei immer wieder als Mediator zwischen Anforderungen und individuellen Potenzialen heraus. Menschen arbeiten und leben genauso gut oder schlecht, wie sie sich fühlen. Hier haben wir 40 Prozent in der Hand. Individuell, situativ und angemessen ist der Schlüssel.

Beide Seiten der Lebensmedaille zu sehen ist die Lösung. Es geht nicht um entweder gut oder schlecht, sondern die Integration beider Seiten. Betrachten Sie jede Situation von verschiedenen Perspektiven.

Sehen Sie die Realität und machen Sie optimistisch das Beste daraus.

Quellen

  • Biswas-Diener, Robert und Dean, Ben: Positive Psychology Coaching. Putting the Science of Happiness to Work for Your Clients, John Wiley & Sons Inc., Hoboken 2007
  • Boehm, Julia, Kubzansky, Laura: Optimism May Help Protect Heart, 2012
  • Thomas, Livia; Pruessner, Jens C.; Wiest, Roland; Duchesne, Annie; Zuccarella, Claudia; von Känel, Roland; Wirtz, Petra H.: Neurale Korrelate wahrgenommener Stressbewältigungsfertigkeiten in Reaktion auf akuten Stress: ein fMRI Experiment, 40. Tagung Neurologie und Gehirn, Lübeck 2014
  • Taylor, Shelley E.; Kemeny, Margaret E.; Reed, Geoffrey M. et al.: Psychological Resources, Positive Illusions and Health, in: American Psychologist, January 2000 Vol 55, No 1 99-109
  • Luthans, Fred; Avey, James B.; Avolio, B.; Peterson, S.: The development and resulting performance impact of positive psychological capital, in: Human Resource Development, Quarterly, 21(1), 41-66.
  • Hahnzog, Simon; Kraus, Charlotte: Burnout? – Nein, danke. Ich hab schon. Wie die Präsenz von Burnout die Einschätzung unserer Gesundheit beeinflusst. In: Journal of Business and Media Psychology (2012) 3, Heft 2, S. 31-42

Über die Autorin

Ilona-BürgelIlona Bürgel ist Diplom-Psychologin und Expertin für Wohlbefinden und Ressourcenmanagement. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, aufzuzeigen, wie der Spagat zwischen Lust auf Leistung und Erhalt der eigenen Ressourcen in der Arbeitswelt von heute gelingen kann. Nach 15 Jahren in Führungspositionen der freien Wirtschaft ist sie heute erfolgreiche Speakerin, Beraterin, Autorin und Kolumnistin. In ihrem neuen Buch "Die Kunst, die Arbeit zu genießen" zeigt sie Strategien für Erfolg und mehr Lebensfreude im Job. Ilona Bürgel lebt und arbeitet in Dresden.

[Bildnachweis: Subbotina Anna, Lightspring, Armin Sestic by Shutterstock.com]