Priming Effekt Psychologie Beispiele
Schon mal etwas vom Priming-Effekt gehört? Vielleicht nicht unter diesem Begriff, aber dem Priming selbst sind sicher auch Sie schon zum Opfer gefallen. Denn hinter dem englischen Begriff steckt eine fiese Manipulations-Technik, die in der Regel unterbewusst wirkt und unser Denken ebenso sanft wie suggestiv steuern kann. Zwar lassen sich damit auch unsere kognitive Leistung und Kreativität verbessern - Priming kann aber genauso dazu genutzt werden, Meinungen subtil zu beeinflussen...

Psychologie: Was ist Priming?

Priming Psychologie DefinitionDer etwas sperrige Begriff Priming bezeichnet in der Psychologie die (subtile) Beeinflussung unseres Denkens. Die Wirkung des Primens ist jedoch so stark, dass sie unsere Reaktion auf einen Reiz oder gar unser anschließendes Verhalten, ja sogar unseren Gemütszustand massiv verändern kann. Vor allem dann, wenn das Priming unbewusst geschieht.

Ursprünglich kommt das Priming aus der Ecke des Neurolinguistischen Programmierens, kurz NLP und ist als Methode nicht unumstritten, funktioniert in der Praxis aber erstaunlich oft.

Tatsache ist, dass unser Verhalten, unsere Gedanken und Gefühle nicht aus dem Nichts heraus geschehen, sondern durch einen Kontext erzeugt und gelenkt werden. Oder anders formuliert: Wir reagieren im Wortsinn - und zwar auf Vorheriges. Nur ist uns diese Verbindung zwischen Reiz und Reaktion nur selten bewusst.

Sehr schön erklärt wird das in diesem Video:

Um das ein wenig plastischer zu machen, geben wir Ihnen ein typisches Priming Beispiel:

Welcher US-Schauspieler wusste bis zu seinem 38. Lebensjahr nicht, dass seine angebliche Schwester in Wahrheit seine Mutter ist?

Okay, wir verraten es Ihnen: Es ist Jack Nicholson.

Das ist – zugegeben – unnützes Wissen. Aber es ist auch eine typische Frage, wie sie im Spiel "Trivial Pursuit" vorkommen könnte. Oder bei "Wer wird Millionär".

Nun ist es bei solchen Quizfragen immer so: Es gibt leichte Fragen, und es gibt schwere. Entsprechend unterschiedlich schneiden wir dabei ab. Man kann das nicht beeinflussen, würden Sie denken? Denkste! Man kann durchaus - eben durch Priming.

Ad van Kippenberg und Ap Dijksthuis von der Universität Amsterdam machten dazu ein bemerkenswertes Experiment mit zwei Studentengruppen: Sie ließen beide Teams je 42 relativ schwierige Trivial-Pursuit-Fragen beantworten, wobei man dazu sagen muss, dass sich beide Gruppen hinsichtlich Intelligenz und Vorbildung nicht unterschieden.

  • Der einzige Unterschied bestand darin, dass die beiden Forscher eine Gruppe baten, sich fünf Minuten vor dem Spiel schriftlich ein paar Gedanken darüber zu machen, wie es wohl sei, Professor zu sein.
  • Die andere Gruppe sollte indes aufschreiben, wie sie sich als Fußballrowdy sähen.

Sie ahnen was passierte: Die Professoren-Gruppe schnitt besser ab. Diese Studenten konnten 23 der Fragen richtig beantworten, die Rowdys nur 18.

Zum Priming gibt es inzwischen zahlreiche Experimente. Allesamt faszinierend und erschreckend zugleich. Schließlich zeigen sie, wie leicht wir zu manipulieren sind.

Das beginnt schon bei so etwas banalem wie der Reihenfolge von Fragen in einer Umfrage.

Der Sozialpsychologe Fritz Strack legte beispielsweise mal einer Gruppe von Versuchspersonen folgende Fragen vor:

  • Wie glücklich sind Sie zur Zeit?
  • Wieviele Verabredungen hatten Sie im vergangenen Monat?

Beide Fragen haben objektiv nichts miteinander zu tun. Zumindest in dieser Reihenfolge wird das deutlich. Bei dem Experiment gab er einer anderen Probandengruppe dieselben Fragen, vertauschte die Reihenfolge allerdings. Und siehe da: Sofort gab es einen hohen Korrelationskoeffizienten von 0,66 zwischen der Anzahl der Verabredungen und dem akuten Glücksempfinden.

Im Jahr 1996 wiederum initiierten John Bragh, Mark Chen und Lara Burrows an der Universität von New York einen Versuch, bei dem die Probanden ein paar Wortreihen bekamen, die Sie zu Sätzen umstellen sollten. Die Wortreihen hätten zum Beispiel so aussehen können:

heute – nett – Sie – angezogen – Stadt – einkaufen
Sonne – höflich – Reise – jetzt – warten – Mann
wissen – Geduld – Baby – schläft – für – verstehen
Techniker – angenehm – fahren – Auto – Zeit
Vogel – zuschauen – Park – Gesundheit – andere

Natürlich ist das keine schwere Aufgabe. Grundschüler können das. Aber das war auch nicht das eigentliche Experiment. Kurz darauf wurden die Studenten gebeten, den fertigen Sprachtest ihrem Versuchsleiter persönlich auszuhändigen – nur unterhielt sich der angeregt mit einem Kollegen.

Der tatsächliche Test war: Wie lange würden die Studenten wohl warten, bevor sie (unhöflicherweise) das Gespräch des Professors unterbrächen, um ihm den Zettel zu überreichen?

Das Erstaunliche: 82 Prozent der Probanden harrten geduldig aus, unterbrachen nie und warteten und warteten... Wie konnte es dazu kommen?

Genau: wieder Priming. Wenn Sie sich die Wortreihen noch einmal aufmerksam durchlesen, werden Sie feststellen, dass dort unterschwellig eben diese Botschaft transportiert wurde: Bitte warten!. Die Studenten wurden de facto manipuliert und auf das Assoziationsfeld Geduld geprimt.

Hier einmal ganz deutlich durch Fettschrift hervorgehoben:

heute – nett – Sie – angezogen – Stadt – einkaufen
Sonne – höflich – Reise – jetztwarten – Mann
wissen – Geduld – Baby – schläft – für – verstehen
Techniker – angenehm – fahren – Auto – Zeit
Vogel – zuschauen – Park – Gesundheit – andere

Nur durch die Wörter waren sie in einen geduldigen, höflichen, gelassenen Zustand versetzt worden, ohne es zu bemerken.

Priming-Effekt: Experimente in der Psychologie

  • Menschen, die einen Bleistift quer im Mund mit den Zähnen festhalten, finden Filme und Comics sofort lustiger, weil der Bleistift sie manuell zum Lächeln zwingt.
  • Werden Menschen an ein beschämendes Erlebnis erinnert, steigt das Bedürfnis, sich zu waschen (siehe auch Macbeth-Effekt).
  • Wer sich fünf Minuten lang langsam bewegen musste, erkennt Wörter besser, die mit dem Thema Altern assoziiert werden. Das Ganze funktioniert aber auch umgekehrt: Wer auf "Altern"geprimt wurde, bewegt sich langsamer (sogenannter Florida-Effekt).
  • Laut einer Gemeinschaftsstudie von Forschern um Leonie Reutner von der Universität von Basel und Kollegen Universität von Salzburg wird uns schon beim Gedanken an Geld kälter. Obendrein sind derart geprimte Menschen weniger hilfsbereit und lieber allein.
  • Schon der Gedanke an Sport macht fit. Mentales Training kann körperliches Training ergänzen, so eine Studie.

Priming Arten: Sanfte Manipulation durch Worte

Zugegeben, wir werden im Alltag eher selten mit solchen Wortreihen konfrontiert. Das senkt die Manipulationsgefahr allerdings nicht. Priming kann völlig unterschiedliche Formen haben:

  • Semantisches Priming

    Diese Form kennen Sie bereits - sie ist der Klassiker. Hierbei werden mithilfe von Worten oder Wortfeldern begriffliche Assoziationen aktiviert, um anschließend die Meinungen oder Verhaltensweisen zu verändern.

  • Response Priming

    Hierbei folgen unterschiedliche Reize sehr schnell aufeinander, auf die die Betroffenen sofort reagieren müssen. Auch dabei werden sie geprimt, jedoch kaum noch bewusst wahrnehmbar.

    Das Lehrbuch-Beispiel hierfür ist eine typische Fragenkaskade mit suggestiver Wirkung:

    Welche Farbe hat Schnee?
    "Weiß."
    Welche Farbe hat die Wand?
    "Weiß."
    Welche Farbe haben Wolken?
    "Weiß."
    Was trinkt die Kuh?
    "Milch." (Falsch!)

  • Medien Priming

    Die verbreitetste Form des Primings - auch bekannt als Filterblase. Durch die Auswahl unserer Informationsquellen oder durch die permanente Wiederholung derselben Botschaften in den Massenmedien, werden unsere Einstellung, unser Weltbild und unser Verhalten verändert.

  • Affektives Priming

    Hierbei geht es vor allem um die Aktivierung von Gefühlszuständen. In diesem Fall wecken beispielsweise Musik oder Bilder starke emotionale Erinnerungen, deren "primenden" Reiz wir anschließend auf eine davon eigentlich unabhängige Situation übertragen.

Wie sich der Priming-Effekt nutzen lässt

Natürlich lässt sich Priming nicht nur zum Schaden anderen einsetzen. Durch den Priming-Effekt lässt sich auch die eigene Leistung steigern. Denken Sie nur an das obige Experiment von Ad van Kippenberg und Ap Dijksthuis.

Die Macht unserer Gedanken oder positiver Affirmationen ist ebenfalls schon mehrfach erforscht worden - immer mit demselben Ergebnis: Wer an den eigenen Erfolg glaubt, erreicht mehr.

Alexander D. Stajkovic von der Universität von Wisconsin in Madison ließ dazu beispielsweise zwei Teilnehmergruppen semantisch primen:

  • Die Einen durch Begriffe wie "gewinnen", "erfolgreich sein", "Wettkampf".
  • Die Kontrollgruppe durch neutrale Wörter wie "Schildkröte", "Grün", "Lampe".

Anschließend sollten beide kreative Aufgaben lösen, wie etwa aus einem Draht möglichst viele unterschiedliche Dinge zu entwickeln.

Es wird Sie nicht überraschen, dass die erste Gruppe deutlich mehr und bessere Ergebnisse erzielte.

So oder so: Die Primingforschung ist sich da heute einig, der Priming-Effekt ist hoch wirksam, kann unsere Gedächtnisleistung und Kreativität verbessern, aber natürlich auch andere beeinflussen, ohne dass ihnen dies bewusst wäre.

Unsere Wahrnehmung ist leider alles andere als objektiv. Wir wären zwar gerne rational, gesteuert von einem klugen Verstand. Tatsächlich aber sind wir manipulierbar bis in die Haarspitzen - ob uns das gefällt oder nicht.

Immerhin: Wer sich mit dem Priming bewusst auseinandersetzt (und das tun Sie glücklicherweise gerade), ist schon mal einen Schritt weiter und kann sein Denken und Verhalten zumindest ab und an besser hinterfragen und so womöglich auch freiere (objektivere) Entscheidungen treffen.

Gleichzeitig sollten Sie sich das nächste Mal, wenn Ihnen etwas Dummes passiert und Sie vor sich hinmurmeln Warum passiert sowas immer ausgerechnet mir? oder Ich Idiot!, sich bewusst machen, dass Sie sich damit gerade primen - allerdings negativ.

Positiv funktioniert das natürlich auch. Am besten Sie probieren das gleich mal aus:

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