Was bringen Programmierkenntnisse?
Jutta Frieden hat das, was vielen Beschäftigten fehlt: Programmierkenntnisse. Die junge Deutsche hat in München Mathe studiert und ging dann für ihren Master nach London. Mit Unterstützung von "Code:First Girls", einem Social Enterprise, arbeitete sie sich - freiwillig - in die Grundlagen des Programmierens ein. Seit rund einem Jahr arbeitet Jutta Frieden nun in London beim Startup GoCardless, einem Anbieter automatisierter Lastschriftverfahren. Was bringen ihr die Coding-Kenntnisse im Job-Alltag? Karrierebibel hat sie gefragt.

"Tech-Events speziell für Frauen senken die Hemmschwelle"

Frau Frieden, Sie haben nach Ihrem Mathe-Studium neun Wochen lang im Rahmen der Initiative "Code:First Girls" Programmieren gelernt. Mal ganz praktisch gefragt: Wie lange braucht man denn als Laie, um ein Coding-Basiswissen aufzubauen?

Das kommt ganz darauf an, was man als Basiswissen bezeichnet. Nach den neun Wochen mit Code First: Girls, in denen wir an insgesamt 18 Abenden zusammenkamen, hatte ich ein sehr gutes Verständnis davon, wie Webseiten aufgebaut sind, was der Unterschied zwischen Frontend und Backend ist, und wie man selbst eine Webseite innerhalb weniger Minuten gestalten und live schalten kann. Ich konnte außerdem kleine Spiele programmieren, wie zum Beispiel TicTacToe. Ich glaube, es ist wichtig, sich beim Coding nicht an einer Barriere aufhalten zu lassen: jedes bisschen Wissen und Üben trägt dazu bei, neue Anwendungen, Webseiten, oder Spiele programmieren zu können.

Berufsbild Programmierer

PS: Weitere Hinweise zum Jobprofil des Programmierers (m/w) finden Sie HIER.
Aktuelle Jobangebote für Programmierer finden Sie zudem in unserer Jobbörse:

Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Warum haben Sie das eigentlich gemacht?

Das hat mich auch der CTO von GoCardless in meinem Interview gefragt. Es war für mich damals ein ganz offensichtlicher Schritt auf dem Weg in die Tech-Welt. In meinem Mathestudium hatte ich schon Einblicke in die ein oder andere Programmiersprache bekommen, das waren aber häufig sehr theoretische Anwendungsfälle. Ich war daran interessiert, selbst Tools und Webseiten zu schreiben, hatte aber das Gefühl, nicht recht zu wissen, wo ich anfangen soll. Außerdem habe ich in meinem damaligen Job als Produktmanagerin eng mit Entwicklern zusammengearbeitet und war täglich von Stichwörtern wie CSS und API umgeben. Als da die Möglichkeit aufkam, mit Code First: Girls mehr über Web-Development zu lernen, war klar, dass ich das machen würde.

Und das hilft Ihnen jetzt im Arbeitsalltag?

Mir persönlich helfen meine Coding-Kenntnisse ungemein: Wir sind ein Tech-Startup, das eine Technologie entwickelt hat, mit der Unternehmen einfacher per Lastschrift bezahlt werden können. Ich code fast täglich, um zum Beispiel unsere deutsche Webseite zu updaten oder um eine Datenbankanfrage zu tätigen oder um über die API eine Änderung auf Kundenseite zu speichern. Hinzu kommt die Sicherheit, die man gewinnt, wenn man sich mit Entwicklern aus dem Team über das Produkt unterhält. Und es macht natürlich mehr Spaß, genau zu verstehen, woran die Kollegen arbeiten und es unseren Kunden leichtverständlich erklären zu können.

Sie arbeiten in London für das Startup GoCardless, das Lastschriften automatisch abwickelt, als Country Lead für Deutschland und Österreich. Was machen Sie da genau?

GoCardless ist 2011 in England gestartet. Im letzten Jahr haben wir dann begonnen, unseren Service auch in anderen Ländern anzubieten. Um diese Markteinführung ernsthaft und erfolgreich zu gestalten, haben wir Country Leads eingestellt. Als Country Lead Germany kümmere ich mich also um die Gewinnung erster Kunden auf dem deutschen Markt, ich analysiere, für welche Branchen unser Produkt am besten geeignet ist, und organisiere unser deutsches Marketing sowie die PR. Wir sind auch gerade an dem Punkt angekommen, an dem wir unser deutsches Team vergrößern möchten, und suchen nach Teammitgliedern mit Erfahrung im Vertrieb.
 
Und warum arbeiten Sie nicht als Entwicklerin? Man hört immer wieder von diesem gigantischen Fachkräftebedarf und den guten Verdienstaussichten, da müsste es doch auch für Quereinsteiger Chancen geben.

Ja, das ist richtig: Viele meiner Freundinnen sind in den letzten Jahren auf die Software-Entwicklung umgestiegen. Das wäre auch für mich möglich und die Option habe ich auch immer im Hinterkopf. Ich bin aber derzeit mehr daran interessiert, zu verstehen, wie man ein Unternehmen in einem neuen Markt am besten aufbaut. Nach meiner Erfahrung im Bereich Produkt lerne ich derzeit fundamental in den Bereichen Vertrieb und Marketing dazu. Zusammen ergibt das einen sehr hilfreichen fast 180-Grad-Umblick. Es kann aber durchaus passieren, dass ich mich in Zukunft mehr Richtung Software-Entwicklung entwickeln werde. 

Wie ist denn so das Männer-Frauen-Verhältnis in einem Tech-Unternehmen wie Ihrem?

Bei GoCardless sind etwas mehr als ein Viertel der Mitarbeiter Frauen. Wir sind stolz darauf, in jeder Abteilung beide Geschlechter vertreten zu haben, also sowohl in HR und Marketing, als auch in Entwicklung und Vertrieb. Wir wissen aber, dass wir noch einiges aufzuholen haben: im Moment arbeiten nur zwei Software-Entwicklerinnen und zwei weibliche Datenanalysten in unserem technischen Team von insgesamt ca. 20 Teammitgliedern. Wir veranstalten häufig Meetups und Coding-Workshops, die speziell an Frauen gerichtet sind, um mehr weibliche Mitarbeiterinnen anzulocken. Und wir geben uns Mühe, auch in den kleinen Dingen, wie unsere Office-Einrichtung oder Team-Events, beide Geschlechter anzusprechen.

Wäre es nicht ohnehin sinnvoll, wenn Unternehmen speziell für Frauen im Job mehr technische Weiterbildungsangebote - wie eben Coding - anbieten und sie aktiv zur Teilnahme animieren würden?

Das kann sicher nicht schaden, und bei GoCardless haben wir durch die an Frauen gerichteten Events und Workshops gesehen, dass das schnell zum Erfolg führen kann. Ich merke zudem immer wieder, dass es für Frauen einfacher ist, ein Tech-Event zu besuchen, das speziell für Frauen ausgeschrieben wurde. Hier ist die Hemmschwelle niedriger. Es kommt aber zudem auf die Frauen persönlich an. Wer daran interessiert ist, technische Kenntnisse zu gewinnen oder zu verstärken, der kann online und oft in seiner Stadt Möglichkeiten finden, diese auszubilden. Es muss also ein guter Mix aus Angebot und Selbstmotivation sein. Nur dann kann es langfristig funktionieren.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sich Frauen immer noch so häufig für geistes- und kulturwissenschaftliche Fächer entscheiden und nicht für Informatik, das die klar besseren Berufsperspektiven bietet?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich speziell im Mathestudium ein anderes Bild erhalten habe. Beim Blick über meine Mitstudenten und -studentinnen in den Hörsälen der TU-München hatte ich immer ein sehr ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern vor mir. Der Tagesspiegel hat darüber auch vor einigen Monaten geschrieben, und von einem konstanten fast 50/50-Verhältnis im Fach Mathematik berichtet. In anderen Fächern ist das aber durchaus noch nicht der Fall. An der TU München ist man als Maschinenbauerin zum Beispiel unter mehr als 1000 Studienanfängern eine Seltenheit. Die Gründe für diese klare Verschiebung der Geschlechter sehe ich besonders in der Prägung während der Kindheit. Von Mädchen wird erwartet, dass sie gerne mit Puppen spielen oder Kuscheltiere sammeln, während Jungs die Playmobil-Schiffe aufbauen und Computerspiele ausprobieren. Das trainiert ganz unterschiedliche Fähigkeiten, und es gibt Kindern eine Perspektive, die schnell limitierend sein kann. Ich finde es daher essentiell, dass beide Geschlechter in ihrer Schulzeit technische Fächer erfahren. England hat es uns bereits vorgemacht, und Informationstechnologie für Grundschulkinder verpflichtend in den Lehrplan aufgenommen.

Wie wird man grundsätzlich als Frau in der Tech-Branche wahrgenommen?

Die Tech-Branche ist meiner Meinung nach in diesem Thema anderen Branchen weit voraus. Männer und Frauen wissen zwar um die Diskrepanz beim Mitarbeiterverhältnis, aber aus eigener Erfahrung bei GoCardless und anderen Londoner Tech-Unternehmen sehen Männer hier Frauen vor allem als eines: Teammitglieder. Von externen Beobachtern kann ich das nicht immer sagen. So werden ich und viele meiner Freundinnen von neuen Bekanntschaften oft mehrmals gefragt, ob wir denn wirklich Mathematik studiert hätten, so als Frau?! Das stellt in der Tech-Branche niemand in Frage, weil man es hier immer mehr gewohnt ist, dass sowohl Frauen als auch Männer mit verschiedensten Hintergründen zusammen kommen, die natürlich oft technischer Natur sind.

Unterscheiden sich eigentlich Deutschland und England in dieser Beziehung?

Das kann ich leider nicht pauschal beantworten. In England beobachte ich speziell die Lage im Tech-Zentrum London, wo die gleichberechtigte Teilnahme beider Geschlechter in Tech-Unternehmen vermehrt als selbstverständlich verstanden wird. Zudem wird diese Ansicht durch Organisationen wie Code First: Girls und selbst die Regierung stark unterstützt. Im Gegensatz dazu wirkt die Ansicht in Deutschland anders: Ich hatte schon einige Gespräche, in denen deutsche Gesprächspartner die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern in technischen Berufen für selbstverständlich hinnehmen. Aus meiner, sicherlich verzerrten, Sicht ist die Wahrnehmung für die Auswirkungen daraus noch nicht so fortgeschritten wie in England.

Frau Frieden, vielen Dank für das Gespräch.

Hinweis für (weibliche) Coding-Interessierte

Die Initiative "Code:First Girls" fokussiert sich auf England. In Deutschland gibt es aber ähnliche Organisationen wie die Geekettes in Hamburg/Berlin, Cook and Code in München und Rails Girls Berlin.

[Bildnachweis: privat]