Ein Gastbeitrag von dem Psychologen und Autor, Roland Kopp-Wichmann

Unter Psychofalle verstehe ich ein eigenes Verhalten, das einen massiv stört und dass man nicht einfach verändern kann. Viele Verhaltensweisen lassen sich ja durch die richtige Information verändern. Sie ärgern sich beispielsweise, warum ein Kollege nicht reagiert, wenn Sie sein Büro betreten – bis Ihnen jemand sagt, dass derjenige taub ist. Nun wissen Sie Bescheid und Ihre Reaktion verändert sich.

Bei Psychofallen ist es anders. Sie kommen zum Beispiel bei Meetings fast immer zwei Minuten zu spät und haben schon Unsummen in die Kaffeekasse gezahlt. Sie wissen, dass Sie eigentlich nur fünf Minuten früher Ihr Büro verlassen müssten, um pünktlich im Besprechungsraum zu sein. Sie tun es aber nicht. Weil sie in einer Psychofalle gefangen sind.

In diesem Fall müssen Sie sich damit auseinandersetzen, was eine Terminvereinbarung bei Ihnen auslöst. Sachlich betrachtet ist ja alles klar:

Ein Termin ist eine praktische Vereinbarung, damit alle zur selben Zeit mit dem Meeting anfangen können. Doch wenn Sie regelmäßig zu spät kommen, hat das nichts mehr mit der Zeit zu tun, sondern dass Sie unbewusst diese Vereinbarung boykottieren.

Es ist ein innerer Konflikt. Sie wollen pünktlich erscheinen, aber es passiert immer wieder, dass Sie so lange in Ihrem Büro ausharren, damit Sie drei Minuten zu spät erscheinen können. Der Konflikt hat meist etwas mit Ihren Erfahrungen mit dem Thema „Grenzen“ zu tun. Wer häufig unpünktlich kommt, weigert sich, bestimmte Zeitgrenzen einzuhalten, weil er sich dadurch kontrolliert und dominiert fühlt. Ergebnis: Er kommt ein bisschen zu spät. Aber meistens berechenbar unpünktlich. Wer immer zwei Minuten sich verspätet, kommt nie 20 Minuten zu spät. Und sein Flugzeug versäumt er interessanterweise auch nie.

Die schlimmste aller Psychofallen

Ich habe dazu eine Umfrage bei Twitter gemacht und Spitzenreiter wurde: „Ich bin zu perfektionistisch.“ Das deckt sich auch mit den Erfahrungen in meinen Seminaren. Perfektionisten wissen, dass sie einem unerreichbaren Zustand nachjagen, können es aber oft nicht sein lassen. Da wird das Angebot an den Kunden dreimal auf Fehler durchgelesen – und immer noch nicht abgeschickt. Warum? Weil es der Betreffende noch ein viertes Mal durchlesen will. Rational weiß er, dass höchstwahrscheinlich alles in Ordnung ist und selbst ein möglicher Fehler bei einem sechsseitigen Angebot den Kunden nicht stören würde. Aber er schickt es nicht ab – weil er in einer Psychofalle sitzt. Perfektionisten haben ein gnadenlos strenges Über-Ich und wollen jeden möglichen Fehler vermeiden. Nicht weil das in der Realität schlimm wäre, sondern weil Perfektionisten nur zwei Ergebniszustände kennen: Perfektes Ergebnis oder komplettes Versagen. Dazwischen gibt es nichts für sie.

Solche Psychofallen entstehen fast immer durch Beziehungserfahrungen in Kindheit und Jugend. Kein Baby kommt damit auf die Welt und will nach sechs Monaten perfekt laufen können. Aber ein Familienklima, in dem die Note Einsminus mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen wird, in dem Fehler mit dem Spruch „Fehler sind was für Versager. Wir machen keine Fehler“ kommentiert werden, lehnt man sich entweder gegen diese Einstellungen auf – oder was häufiger passiert: Man übernimmt sie.

Psychofallen sind also Verhaltensweisen oder Einstellungen für Situationen, die in der eigenen Vergangenheit einmal sinnvoll oft auch notwendig waren, um in seiner Familie zurechtzukommen. Das Problem dabei ist, dass diese Strategien wie „innere Landkarten“ wirken, nach denen wir auch im erwachsenen Leben unser Verhalten oft ausrichten. Der Nachteil dabei: Wir aktualisieren diese inneren Landkarten oft nicht. Eben auch weil es für uns funktionierende Strategien sind. In manchen beruflichen Bereichen ist eine Null-Fehler-Toleranz ja manchmal wichtig. Doch wenn der erfolgreiche Chirurg nach Hause kommt und sich über die mangelnde Keimfreiheit in der Küche aufregt, ist er in einer Psychofalle gefangen. Meist ohne es zu bemerken, sondern er verteidigt sein irrationales Verhalten noch mit allerlei klugen Rechtfertigungen.

Die meisten Psychofallen sind zwar hinderlich, können aber auch kreative Problemlösungsstrategien darstellen. Wer alles nur rational betrachtet, hat meist früh gelernt, seine Gefühle wegzufiltern. Wer über zu viel Stress klagt, ist in der Opferposition gefangen und vergisst, dass er jederzeit seine Situation ändern könnte. Wer häufig Probleme mit seinem Chef hat, kämpft vielleicht einen Stellvertreterkrieg, den er mit seinem Vater nicht austragen konnte. Wer Angst vor Konflikten hat, will immer nur der Gute sein und hat seine gesunde Aggression abgespalten.

Das heißt, das Verhalten, mit dem wir heute öfters unzufrieden sind und dass wir bisher nicht ändern konnten, ist eine Problemlösungsstrategie für Situationen, die lange vorüber sind. Wir re-inszenieren unsere alten Konflikte unbewusst und übertragen sie auf heutige Situationen und andere Menschen – und wenden dabei die alten Lösungswege an. Wenn man das verstanden hat und neue Wege ausprobiert, kann man sich aus den eigenen Psychofallen befreien. Das geht nicht von heute auf morgen. Mitunter ist es harte Arbeit, aber es ist möglich.

Raus aus der Psychofalle

ParetoNun kann man den Betroffenen wenig Tipps dazu geben. Einfach, weil das denjenigen nicht hilft, selbst wenn der Tipp richtig wäre.

Vermutlich kennt jeder Perfektionist die Pareto-Regel, nach der für viele Bereiche im Beruf ein 80-prozentiges Ergebnis, das man in 20 Prozent der Zeit hinkriegt, völlig ausreicht. Aber er kann diesen Rat selten anwenden. Er weiß wiederum, dass es der richtige Schritt wäre – aber er fühlt sich dabei irgendwie unwohl.

Jetzt meldet sich der unbewusste Konflikt, den der Betreffende aber nicht wirklich gut kennt. Er spürt, dass er sich wohler fühlen würde, wenn er die Aufgabe 100-prozentig erfüllen würde. Und schon ist er in der Psychofalle gefangen und verbringt für eine Fünf-Minuten-Vostellung seiner Arbeit vor Kollegen fünf Stunden mit der Vorbereitung.

Statt Tipps finden die Leser dann zum Beispiel auch in meinem Buch ausgearbeitete Experimente, mit denen der jeweils zugrundeliegende Konflikt spür- und erlebbar wird. Denn um grundlegende Verhaltensweisen zu verändern, reicht ein verstandesmäßiges Verstehen nicht aus. Man muss an die Gefühlsebene ran und das schafft man mit den Experimenten. Für eine Veränderung muss man dann allerdings auch noch raus aus der Komfortzone. Das heißt, man muss sich seinen Ängsten stellen, um zu erkennen, dass sie zwar unangenehm aber überstehbar sind.

Wer zum Beispiel schlecht nein sagen kann, also Schwierigkeiten hat, sich von anderen abzugrenzen, der kann ausprobieren, in der Fußgängerzone mit erhobenen Händen zu laufen. Am Anfang sträubt sich bei demjenigen alles und er glaubt, das nie tun zu können. Aber im Buch erkläre ich dann, dass schon beim Lesen des Experiments dasselbe passiert wie in der Realität. Derjenige denkt sofort daran, was die anderen Leute denken könnten, statt sich abzugrenzen und bei sich zu bleiben. Im Übrigen: Wer das Experiment macht, merkt, dass 90 Prozent der Passanten denjenigen gar nicht registrieren.

Über den Autor:
Roland Kopp-Wichmann arbeitet seit über 20 Jahren als Trainer und Coach. Davor hatte er mehrere Berufe bis er sich zum Studium der Psychologie entschloss. Er betreibt ein Blog zur Persönlichkeitsentwicklung und hat soeben sein zweites Buch veröffentlicht aus dem auch der Gastbeitrag entstanden ist: „Ich kann auch anders – Psychofallen im Beruf erkennen