Rund zwölf Millionen Menschen sind nach Schätzungen der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz von Mobbing betroffen. Zu viele, keine Frage. Doch Mobbing ist vor allem ein Gruppenphänomen, weniger die Folge eines Einzeltäters. Zu diesem Ergebnis kommen jetzt Organisationspsychologen um Jens Eisermann und Elisabetta De Costanzo von der Freien Universität Berlin. Laut ihren empirischen Untersuchungen (Dazu wurden die Aussagen von von mehr als 4300 Beschäftigten ausgewertet) spiele vor allem der Führungsstil der Chefs eine entscheidende Rolle: Je gesprächsbereiter sich die Führungskräfte zeigten und je mehr Mitspracherechte die Mitarbeiter hätten, desto seltener trete das Phänomen auf. Zudem sei die allgemeine Arbeitszufriedenheit in diesen Abteilungen höher.
Bemerkenswert ist aber auch die unerwartet hohe Rate von Depressionen unter den Mobbing-Opfern. So stellten die Forscher fest, dass mit dem Mobbing die Wahrscheinlichkeit für Depressionen um mehr als das Doppelte steigt. Zwar könne daraus nicht geschlossen werden, das Mobbing-Opfer automatisch depressiv werden, betonen die Autoren. Dennoch sei es ratsam, bei Anzeichen für Mobbing zu klären, ob Betroffene depressiv seien.
10 Zeichen, dass Sie gemobbt werden
Das Erstaunliche daran: Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie terrorisiert oder gemobbt werden. In der Online-Ausgabe des Forbes-Magazins fand ich dazu mal einen interessanten Artikel, der zehn klassische Indizien auflistet, wie Schikane üblicherweise beginnt. Diese:
- Die Arbeit belastet. Sie hassen Montage und lieben den Feierabend. Tagsüber schleppen Sie sich durch den Alltag, nachts quälen Sie Alpträume, Ängste, Sorgen.
- Sie erholen sich kaum noch. Urlaub dient Ihnen weniger zur Zerstreuung, zum Auftanken und zum Spaß, sondern Sie brauchen die Auszeit, um sich regelrecht mental und emotional zu erholen. Nicht ins Büro zu müssen, ist wie eine fehlende Last. Wenn Sie dann auch noch feststellen, dass diese Erholungsintervalle kaum noch ausreichen, um ihren Zweck zu erfüllen, ist das ein Alarmsignal: Sie stehen kurz vor einem Zusammenbruch!
- Übermäßige Kritik. Fehler kommen vor. Ebenso, dass man dafür gescholten wird. Aber das Nörgeln überwiegt, wenn Ihre grundsätzliche Kompetenz immer wieder in Frage gestellt wird, ist das ein sicheres Zeichen für Schikane.
- Fehler werden nachgehalten. Fehler werden entschuldigt, solange sie sich nicht wiederholen. So steht das in vielen Unternehmensstatuten. Und das ist auch richtig so. Aber es ist etwas anderes, wenn man Ihnen alte Fehler immer wieder vorhält und daraus eine Serie konstruiert, um Ihren Ruf zu diskreditieren.
- Sie werden regelmäßig ausgeschlossen. Und zwar vom gemeinsamen Mittagessen, vom Plausch in der Kaffeeküche (oder die Runde verstummt, sobald Sie aufkreuzen), und auch zu Meetings werden Sie entweder nicht eingeladen. Oder diese werden kurzfristig verschoben – was Ihnen allerdings keiner sagt. Ein typisches Signal für Antipathien und Heimtücke.
- Unangemessene Lautstärke. Manche Chefs haben mehr Temperament als andere. Sie sind emotionaler, impulsiver, werden vielleicht auch einmal laut. Das muss man zwar nicht hinnehmen, kann aber darüber hinweg sehen, wenn es im Rahmen bleibt. Nobody is perfect. Aber wenn Sie regelmäßig angeschrieen werden, womöglich sogar vor versammelter Mannschaft, dann ist das nicht nur unverschämt und illegal, sondern Mobbing. Die Betonung liegt allerdings auf regelmäßig.
- Tratsch und Lügen. Flurfunk, Gerüchte, Klatsch und Tratsch gibt es in jedem Unternehmen. Das hat sogar Vorteile. Wenn dieses Hörensagen jedoch destruktiv und anhaltend gegen Sie gerichtet ist, dann hat das den Charakter von übler Nachrede – und ist justiziabel.
- Sabotage. Noch einen Schritt weiter und man sagt Ihnen nicht nur Übles nach, sondern sorgt auch dafür, dass es stimmt. Ihr Computer wird manipuliert, Unterlagen verschwinden, Telefonterror, Kollegen intrigieren gegen sie. Eindeutiger geht es nicht.
- Ideenklau. Ist letztlich nur eine andere Form von Sabotage – nur das diesmal sogar ein andere unmittelbar davon profitiert. Auch das ein potenzielles Indiz dafür, dass man es auf Sie abgesehen hat.
- Mission Impossibile. In der Rechtsprechung fällt das eindeutig unter Mobbing: Man gibt Ihnen Aufgaben, die entweder eindeutig unter Ihrem Niveau liegen und herabwürdigend sind – oder Sie bekommen ein Projekt, das Sie unter den Bedingungen gar nicht schaffen können. Klassisch in dem Zusammenhang auch: Sobald klar ist, dass Sie an dem Abend einen wichtigen privaten Termin haben (Elternsprechtag, Hochzeitstag, etc.), überträgt Ihnen der Chef einen Job, der keinen Aufschub duldet. Und während alle zusammen Bier trinken gehen, schieben Sie Überstunden.
Für die Betroffenen ist das Psychokrieg – mit teils schweren psychischen oder physischen Folgen.







Astrid Radtke
“Psychoterror” am Arbeitsplatz wie in oben beschriebenen Beispielen ist oft ein Zeichen von schlechtem Arbeitsklima, in dem der Chef seine Macht ausspielt und seine Kompetenzen überschreitet. Furcht unter den Mitarbeitern führt zu einer Hackordnung, die den Schwächsten am meisten trifft. In meinen Augen liegt da aber in den seltensten Fällen ein klares Mobbing vor. Hier fehlt es oft an Führungsqualitäten. Immerhin heißt es, dass jeder 20. Chef ein Psychopath sei.
http://www.perspektive-mittelstand.de/Fuehrungsforschung-Jeder-20-Manager-ein-Psychopath-/management-wissen/4397.html
Ich finde, es sollte bei dem inzwischen inflationär gebrauchten Begriff “Mobbing” differenziert werden. Zum einen gibt es Menschen,die wenig kritikfähig sind und in jeder Maßnahme einen persönlichen Angriff sehen und dies entsprechend als Mobbing definieren. Auf der anderen Seite liegt oft ein Kommunikationsproblem vor, in dem Anweisungen nicht mitarbeitergerecht formuliert werden.
Echtes Mobbing wird meines Erachtens auf diese Weise in den Hintergrund gedrängt. Mobbing als Ausgrenzung kann im Einzelfall nur an konkreten Beispielen festgemacht werden.
Jochen Mai
Wieso? Was ist so schlimm an dem Begriff: Mobbing ist sogar strafbar, zumindest einzelne Mobbinghandlungen. Ausgrenzung nicht.
Astrid Radtke
Inzwischen fallen nicht selten ganz normale Konflikte im Job unter “Mobbing” http://www.lto.de/de/html/nachrichten/5132/terror-im-job-nicht-jeder-konflikt-ist-mobbing/
Ich habe nichts gegen den Begriff “Mobbing”, sondern gegen den inflationären Gebrauch. In meinem Umfeld gibt es kaum jemanden, der sich nicht schon mal irgendwann “gemobbt” fühlte. Dies passiert bei Vorgängen, bei denen der Kollege, der sich merkwürdig verhält einfach als “doof” bezeichnen könnte.
Das Wort Ausgrenzung beschreibt den Vorgang besser. Man kann es ja hinterher als den strafrelevanten Vorgang Mobbing bezeichnen.
Gerade, weil dieser Begriff strafrechtliche Folgen ermöglicht, sollte man ein bisschen vorsichtiger sein, damit Richter nicht irgendwann auch echte Mobbingfälle nur noch genervt durchwinken.
Jochen Mai
Ich glaube, der Richterberuf ist etwas anspruchsvoller als Mobbingopfer einfach durchzuwinken.
Aber es stimmt schon: Nicht überall wo Mobbing draufsteht, ist auch Mobbing drin.
Christa Schwemlein
Normale Schikane oder Mobbing?
Mobbing ist ein Phänomen und führt für die Betroffenen zu ernsten Problemen. Wie erkennt man, was überhaupt Mobbing ist oder ob es sich “nur” um normale Konflikte handelt, wie sie im Zwischenmenschlichen ständig vorkommen?
Wer an diesem Thema ernsthaft interessiert ist, sollte sich mit dem Psychologen Heinz Leymann und der Liste der feindseligen Verhaltensweisen beschäftigen. Leymann arbeitete bis zu seinem Tod an der Mobbingforschung. Unter Mobbing versteht er häufig wiederholte feindselige Handlungen am Arbeitsplatz, die systematisch gegen ein und dieselbe Person gerichtet sind. Die Ursache ist seiner Ansicht nach ein eskalierter Konflikt.
Interessant finde ich, dass “the Mob” Mafia bedeutet. Schon allein die Übersetzung lässt erahnen, dass es sich bei Mobbing um ein Gruppenphänomen handelt, da die Handlungen der Mafia oder ähnlichen Gruppierungen kriminell sind.
Mobbing, Herr Mai, ist für mich ein Reizthema. Wissen Sie was mir gerade einfällt? Einer meiner Kommentatoren auf meinem Blog schrieb mir einst: “Menschen in Gruppen: Jeder einzelne von ihnen mag in Ordnung sein, in der Gruppe gleichen sie einem Rudel wilder Tiere”. Das stimmt so nicht ganz. Tiere, so wissen wir aus der Tierforschung, haben eine angeborene Hemmung, dem unterlegenen Artgenossen die Kehle durchzubeißen. Menschen sind da weniger tierisch. Ihre Beißhemmung gegenüber Unterlegenen ist, das ist meine persönliche Erfahrung, unterentwickelt.
Mobbing ist ein Phänomen, nicht nur am Arbeitsplatz. Wir finden es überall.
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