Der ehemalige Leiter der Volksbank bekam von seinem neuen Chef und 7500 Euro – Schadenersatz. Das Mainzer Landesgericht sah es damals als erwiesen an, dass der ihn über Monate hinweg schikaniert und seine persönliche Ehre massiv verletzt hatte. Nach einer Fusion war der Mann von seinem neuen Vorgesetzten systematisch kalt gestellt worden: Der traktierte ihn mit erniedrigenden und schikanösen Anweisungen, dann nahm ihm die Sekretärin, den Schreibtisch und schließlich das Büro weg. Ein klassischer Fall von Mobbing. Und gar nicht einmal selten.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen, die aktuell im Job gemobbt werden. Andere Zahlen sprechen von 11,3 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, die im Berufsleben schon einmal drangsaliert worden sind – von Kollegen oder vom Chef. Genaue Zahlen kennt natürlich keiner: Die meisten Opfer schweigen – aus Scham oder Angst.

Die Betroffenen kommen aus allen Berufsgruppen und Hierarchiestufen, so etwa ein Bericht der Initiative Neue Qualität der Arbeit. In 38,2 Prozent der Fälle sind allerdings die Vorgesetzten die Täter. Der typische Mobber ist männlich, Chef, zwischen 35 und 54 Jahre alt und zählt zu den langfristig Beschäftigten.

Der Begriff selbst kommt übrigens vom Englischen „to mob“ und bedeutet soviel wie anpöbeln oder bedrängen. Das können gezielt gestreute Gerüchte sein, zurückgehaltene Informationen, zerkratzter Autolack, regelmäßige Gehässigkeiten oder offene Anfeindungen. Hauptsache, das Opfer wird ausgegrenzt.

10 Zeichen, dass Sie gemobbt werden

Das Erstaunliche daran: Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie terrorisiert oder gemobbt werden. In der Online-Ausgabe des Forbes-Magazins fand ich dazu mal einen interessanten Artikel, der zehn klassische Indizien auflistet, wie Schikane üblicherweise beginnt. Diese:

  1. Die Arbeit belastet. Sie hassen Montage und lieben den Feierabend. Tagsüber schleppen Sie sich durch den Alltag, nachts quälen Sie Alpträume, Ängste, Sorgen.
  2. Sie erholen sich kaum noch. Urlaub dient Ihnen weniger zur Zerstreuung, zum Auftanken und zum Spaß, sondern Sie brauchen die Auszeit, um sich regelrecht mental und emotional zu erholen. Nicht ins Büro zu müssen, ist wie eine fehlende Last. Wenn Sie dann auch noch feststellen, dass diese Erholungsintervalle kaum noch ausreichen, um ihren Zweck zu erfüllen, ist das ein Alarmsignal: Sie stehen kurz vor einem Zusammenbruch!
  3. Übermäßige Kritik. Fehler kommen vor. Ebenso, dass man dafür gescholten wird. Aber das Nörgeln überwiegt, wenn Ihre grundsätzliche Kompetenz immer wieder in Frage gestellt wird, ist das ein sicheres Zeichen für Schikane.
  4. Fehler werden nachgehalten. Fehler werden entschuldigt, solange sie sich nicht wiederholen. So steht das in vielen Unternehmensstatuten. Und das ist auch richtig so. Aber es ist etwas anderes, wenn man Ihnen alte Fehler immer wieder vorhält und daraus eine Serie konstruiert, um Ihren Ruf zu diskreditieren.
  5. Sie werden regelmäßig ausgeschlossen. Und zwar vom gemeinsamen Mittagessen, vom Plausch in der Kaffeeküche (oder die Runde verstummt, sobald Sie aufkreuzen), und auch zu Meetings werden Sie entweder nicht eingeladen. Oder diese werden kurzfristig verschoben – was Ihnen allerdings keiner sagt. Ein typisches Signal für Antipathien und Heimtücke.
  6. Unangemessene Lautstärke. Manche Chefs haben mehr Temperament als andere. Sie sind emotionaler, impulsiver, werden vielleicht auch einmal laut. Das muss man zwar nicht hinnehmen, kann aber darüber hinweg sehen, wenn es im Rahmen bleibt. Nobody is perfect. Aber wenn Sie regelmäßig angeschrieen werden, womöglich sogar vor versammelter Mannschaft, dann ist das nicht nur unverschämt und illegal, sondern Mobbing. Die Betonung liegt allerdings auf regelmäßig.
  7. Tratsch und Lügen. Flurfunk, Gerüchte, Klatsch und Tratsch gibt es in jedem Unternehmen. Das hat sogar Vorteile. Wenn dieses Hörensagen jedoch destruktiv und anhaltend gegen Sie gerichtet ist, dann hat das den Charakter von übler Nachrede – und ist justiziabel.
  8. Sabotage. Noch einen Schritt weiter und man sagt Ihnen nicht nur Übles nach, sondern sorgt auch dafür, dass es stimmt. Ihr Computer wird manipuliert, Unterlagen verschwinden, Telefonterror, Kollegen intrigieren gegen sie. Eindeutiger geht es nicht.
  9. Ideenklau. Ist letztlich nur eine andere Form von Sabotage – nur das diesmal sogar ein andere unmittelbar davon profitiert. Auch das ein potenzielles Indiz dafür, dass man es auf Sie abgesehen hat.
  10. Mission Impossibile. In der Rechtsprechung fällt das eindeutig unter Mobbing: Man gibt Ihnen Aufgaben, die entweder eindeutig unter Ihrem Niveau liegen und herabwürdigend sind – oder Sie bekommen ein Projekt, das Sie unter den Bedingungen gar nicht schaffen können. Klassisch in dem Zusammenhang auch: Sobald klar ist, dass Sie an dem Abend einen wichtigen privaten Termin haben (Elternsprechtag, Hochzeitstag, etc.), überträgt Ihnen der Chef einen Job, der keinen Aufschub duldet. Und während alle zusammen Bier trinken gehen, schieben Sie Überstunden.

Für die Betroffenen ist das Psychokrieg – mit teils schweren psychischen oder physischen Folgen: Manche werden schwer krank, bekommen Schlafstörungen, Depressionen, Migräne oder Magengeschwüre. Andere bringen sich sogar um. Vor allem wenn sie keinen Ausweg finden und der Belastung nicht mehr standhalten können.

Nicht jede Ablehnung ist Mobbing

Allerdings gilt es dabei sauber zwischen Mobbing auf der einen Seite und einfacher Abneigung zu trennen: Von Kollegen nicht zum Mittagessen mitgenommen zu werden oder nicht gegrüßt zu werden, ist noch kein Mobbing, sondern nur grob unhöflich und eher ein Indiz dafür, dass man vielleicht an seinen Sympathiewerten arbeiten sollte.

Unter echtes Mobbing fallen hingegen …

… fortgesetzte Tätlichkeiten; sexuelle Belästigungen; Demütigungen; Diskriminierungen; grundloses Herabwürdigen der Leistung; vernichtende Beurteilungen; Isolation – auch von der betrieblichen Kommunikation; schikanöse Anweisungen, wie das Zuteilen nutzloser oder unlösbarer Aufgaben; Anweisungen für ehrmindernde Arbeiten, denen vergleichbare Mitarbeiter nicht unterworfen sind; sachlich unbegründbare Häufung von Arbeitskontrollen; sowie das Herbeiführen oder Aufrechterhalten eines Erklärungsnotstands.

Häufig ist das die Folge schlechter Arbeitsorganisation: Mitarbeiter und Chef sind überlastet, unterfordert oder gelangweilt und kanalisieren ihren Frust auf ein Opfer. Oft trifft es dabei die unsicheren, kontaktarmen, stillen Kollegen. Für sie beginnt dann ein Teufelskreis aus Isolation, Schikane und der Paranoia, hinter jeder zweifelhaften Geste könnte ein Komplott stecken.

So reagieren Sie auf Schikane

Bekommen Führungskräfte davon Wind, müssen sie sofort eingreifen. Denn sie haben eine arbeitsrechtliche Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter. Heißt: Sie müssen den Mobbern sofort Einhalt gebieten – durch Ermahnungen, Abmahnungen, Versetzung oder Kündigung. Aber auch die Gemobbten, können sich aus der Misere manövrieren, mit drei Hauptstrategien:

  • Ignorieren: Wenn Sie genug Freunde im Unternehmen haben und sicher sein können, dass ihren Vorgesetzten der Querulant und dessen Aktionen egal ist, dann zeigen Sie dem Mobber die kalte Schulter. Das durchkreuzt ihre Pläne und trägt zur Deeskalation bei – dem wichtigsten Ziel bei Mobbing. Oft geben solche Typen schnell auf, wenn sie merken, dass Sie sich nicht in eine Opferrolle drängen lassen.
  • Angreifen: Gibt der Mobber nicht auf oder schart er zunehmend mehr Verbündete um sich, müssen Sie allerdings aktiv werden. Sprechen Sie ihn erst unter vier Augen an, danach vor Zeugen. Ebenso können Sie den Betriebsrat einschalten. Offenbaren Sie sein Verhalten vor Publikum und machen Sie ihm klar, dass Sie notfalls juristische Schritte unternehmen, falls er nicht aufhört. Sammeln Sie vor der Aktion aber unbedingt ein paar stichhaltige Beweise. Zur Not indem Sie Opfer spielen und den Büroterroristen so in Sicherheit wiegen, bis er in die Falle tappt. Mobbing ist strafbar!
  • Rückzug: Wenn gar nichts hilft, bleiben Ihnen nur zwei Alternativen: der Gang zum Chef oder die Kündigung. Bei Ersterem ist wichtig, dass Sie den Vorgesetzten auf seine Fürsorgepflicht aufmerksam machen und über interne Jobalternativen diskutieren. Bleiben Sie dabei aber unbedingt sachlich! Wer sich ausheult und klein macht, ramponiert seinen Ruf. Sie monieren Unrecht – deswegen sind Sie noch lange nicht wehr- oder hilflos! Der Heldennotausgang Kündigung ist hingegen oft sogar das Ziel der Mobber – vor allem, wenn einer davon der Chef ist. Auch wenn Ihnen der Abschied dann wie eine Niederlage erscheint – machen Sie sich klar: ein Unternehmen mit einer solchen Intrigantenkultur hat Sie nicht verdient.