Puh! – Das seltsame Recruiting-Video von Siemens
Viele Unternehmen versuchen sich derzeit im Web, in Social Media, insbesondere im Employer Branding und Recruiting 2.0. Prinzipiell ist das eine gute Sache, denn dorthin geht die Reise. Weniger gut ist, dass viele Unternehmen bisher lediglich die üblichen Hochglanzvideos und Imagefilmchen produzieren, mit Windkanal optimierten und permalächelnden Mitarbeitern sowie völlig rundgelutschten Aussagen, die soviel Interesse wecken wie die 126. Wiederholung von Dinner for one im Dritten. Kreativität? Fehlanzeige. Was soll das aussagen? Dass bei diesem Arbeitgeber jede moderne Kommunikation sofort bürokratisiert wird?
Um so begrüßenswerter ist es, wenn einige Personaler etwas Neues wagen und Filme ins Netz stellen, die eher unter die Kategorie Do-it-yourself fallen – so wie etwa der Siemens-Clip, bei dem Hans-Christoph Kürn, Leiter des e-Recruitings, offenbar selbst zur Kamera gegriffen hat und per Video eine Praktikantenstelle ausschreibt. Das Ergebnis können Sie sich hier anschauen:
Pratikanten bei Siemens gesucht (Video, wmv)
Grundsätzlich war das eine begrüßenswerte Idee. Warum in diesem Fall knapp vorbei leider trotzdem daneben gehen kann, will ich im Folgenden begründen. Nur eins vorweg: Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer es ist, ein solches Video durch die internen Abstimmungsprozesse zu bekommen, vorbei an allen achso kompetenten Kommunikationsprofis und -verantwortlichen, die allein schon aus Gründen des Arbeitsplatzberechtigungsnachweises Freigaben erteilen oder Gegenvorschläge machen müssen. Deshalb schätze ich den Mut zum Experiment durchaus hoch ein und will diesen hiermit auch gar nicht bremsen. Die Machart ist durchaus gut, weil authentisch, spontan und emotional (Ich-Perspektive). Allerdings gibt es in dem Video einfach zu viele Bild-Text-Scheren, die in ihrer Subbotschaft der ursprünglichen Absicht (und den gemachten Aussagen) diametral entgegenwirken. Bilder sind eben enorm wichtig bei Videos. Aber der Reihe nach:
- Sekunde 11: “Wenn du den Job kriegst, würdest du jeden Tag hier rein gehen.” Gute Idee! Man zeigt den künftigen Arbeitsplatz und beginnt die Reise außen – dort, wo auch der Bewerber zuerst ankommen würde. Leider schwenkt die Kamera dazu aber nicht auf die Tür, sondern auf eine Säule vor der Tür. Und dort wird sicher keiner reingehen – es sei denn, es handelt sich hierbei um einen verborgenen Eingang. Besser wäre gewesen, eine Kunstpause zu machen und den Text exakt beim Schwenk auf die Tür zu sprechen.
- Sekunde 21: “Puh! Jetzt sind wir drin…” Abgesehen von der eher infantilen Anbiederung an emotionale Jugendsprache, fragt sich der Beobachter spontan, worin wohl die Anstrengung bestand, eine scheinbar offene Tür zu überwinden, die diesen Seufzer rechtfertigt. Ich habe diesen Film vor kurzem in einem Workshop gesehen. Einhellige Reaktion der Zuschauer in dem Moment: Fremdschämen.
- Sekunde 27: “Liegt in München, im Stadtteil Heidhausen.” Dummerweise sieht der Zuschauer aber gar nicht Heidhausen, sondern eine triste Palme in schlichtem Tontopf. Hier wäre die Chance gewesen, einen kleinen Kartenzoom einzuschneiden – angefangen hoch über München, hinein in die Grillparzerstraße 6. Menschenleere Empfangsbereiche wirken dagegen wenig zielführend.
- Sekunde 40: “Aufzug? Nee, Treppe! Ist gesünder und: null Strom.” Aha. Wieder was gelernt. Der Sprecher erweist sich hier als ausgewiesener Kenner in Sachen Büro-Fitness und Ressourcenschonung. Doch worum geht es hier? Um einen Öko-Streifen oder ein Recruiting-Video? Moralische Belehrungen wirken an dieser Stelle völlig deplatziert. Einzig legtim wäre die Ich-Botschaft gewesen: “Ich nehme immer die Treppe, weil mir das gut tut und es ja auch nur eine Etage bis zu unserem Büro ist…”?
- Sekunde 57: “Hier arbeitet das Team e-Recruiting von Siemens… Hier wird auch ganz schön oft gelacht…” Die Idee ist richtig – nur das Bild stimmt nicht. Der Zuschauer sieht eben nicht das Team, sondern leere Schreibtische. Kein Mensch weit und breit, folglich auch kein Lachen. Man erwartet eigentlich ständig ein verdörrtes Strohknäuel, das durchs Bild weht. Dem Autor muss die Bild-Text-Schere sogar bewusst gewesen sein, denn er greift sie auf, indem er erklärt, dass derzeit alle Mitarbeiter “hinter der Kamera kleben”. Nur: Was machen die da? Sie gehören vor die Kamera, wenn man schon das Team und die gute Atmosphäre zeigen will! Eine Szene wird nicht besser, indem man ihren offensichtlichen Mangel kommentiert. Dann lieber gleich neu drehen.
- 1.08 Minute: “Hier kommen unsere Studenten…” Wenn sie denn kommen… Stattdessen wieder: Leere. Nur zwei Studentinnen schieben stumm ihren Dienst. Dumm, dass auch sie weder lachen, noch lächeln, geschweigedenn miteinander reden. Stattdessen glotzen sie stumpf bis regungslos auf ihren Bildschirm. Klasse Atmosphäre, hier. Spätestens jetzt leidet die Glaubwürdigkeit vom motivierten und lachenden Team erheblich.
- 1.29 Minute: “Du wirst jede Menge lernen und auch jede Menge Spaß haben. Versprochen ist versprochen.” Dass Praktikanten etwas lernen, darf man sicher voraussetzen. Dass sie auch Spaß haben, ist wünschenswert. Und angesichts der Bilder scheint das Versprechen auch bitter nötig. Schließlich sieht der Zuschauer statt Spaß wieder einen einsamen Arbeitsplatz mit Bildschirm – und selbst der zeigt nur die Bewerbungsseite von Siemens. Spaß? Ich persönlich habe da andere Assoziationen…
- 1.49 Minute: “Hey, wir freuen uns auf dich! Ciao!” Auch eine gute Idee, die leider durch die Aufnahme konterkariert wird. Spätestens jetzt hätte man ein Gruppenbild von den künftigen Kollegen erwartet – etwa, wie sie sich tatsächlich freuen, in die Kamera winken und dem Bewerber in spe entgegen. Was der Kandidat zu sehen bekommt, ist jedoch ein Code für das Online-Formular. Also Bürokratie. Au!
Die Medienform Video wird im Recruiting und Employer Branding künftig sicher stärker eingesetzt werden. Es wird Experimente geben, die auch mal daneben gehen können. Das haben Versuche so an sich. Nur darf man nicht vergessen: Selbst spontan abgedrehte Clips sind selten so zufällig wie sie erscheinen. Auch sie benötigen Planung, eine Redaktion, die darauf achtet, dass Bilder und Sprache sich ergänzen – und sich nicht widersprechen.
Nachtrag
Inzwischen gibt es auch eine Reaktion von Hans-Christoph Kürn im Personalmarketing-Blog:
(Jochen Mai vom Karrierebibel-Blog kritisierte verschiedene Aspekte des Videos – beispielsweise, dass keine Bilder von den zitierten lachenden Mitarbeitern und Studenten gezeigt werden. Zu Recht?)
Ja, klar und er hat auch Recht. Dieses Video war unser Pilot und jetzt ist schlicht “lernen” angesagt und da bin ich für solche Beiträge sehr empfänglich und schlußendlich auch dankbar. Darüber hinaus zeigt es einmal mehr wie das Web2.0 tickt: Reaktionen kommen prompt und so soll es auch sein!
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1. Kommentar
Michael Wald
12.12.09 um 18:05 Uhr
ich finde etwas zu viele achssprünge in ihrer kritik, aber sehr unterhaltsam.
2. Kommentar
Jochen Mai
12.12.09 um 18:10 Uhr
@Michael Wald: Was für Sprünge?
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