212 Tage. So viele Werktage verbringt der deutsche Arbeitnehmer durchschnittlich an seinem Arbeitsplatz. Und für rund 17 Millionen Menschen in Deutschland ist das: ein Büro. Ich bin einer davon – und Sie vermutlich auch. Nicht selten geht es darin erstaunlich uniform zu: Einheitsgrößen, Einheitsmöbel, Einheitsgedanken. Schlimm. Dabei haben Wissenschaftler längst herausgefunden, dass die Ergonomie und die (Innen)Architekt der Büros erheblichen Einfluss auf unser Wohlbefinden, unsere Produktivität, ja sogar auf unsere kognitive Leistungskraft nimmt.
Glauben Sie nicht? Na gut, hier ein paar Beispiele:
Schon 2007 konnte die Marketing-Professorin an der Universität von Minnesota, Joan Meyers-Levy, zeigen, dass die Deckenhöhe beeinflusst, wie Menschen denken. Dazu beobachtete sie rund 100 Probanden, die sie jeweils auf einen 2,50 Meter hohen, beziehungsweise drei Meter hohen Raum verteilte. Anschließend ließ sie die Teilnehmer kreative Aufgaben lösen. Diejenigen, die mehr Luft über ihren Köpfen hatten, waren deutlich kreativer und hatten kühnere, abstraktere Gedanken, während die Teilnehmer in den Flachdachbüros eher zu detailreichen und konkreten Ansätzen neigten.
Ausblick
Die Aussicht auf blühende Landschaften inspiriert tatsächlich – vorausgesetzt, Sie nehmen das wörtlich. Gärten, grüne Wiesen, Bäume, Blumen: Wer durch sein Fenster auf die bunte Natur blickt, kann sich nicht nur besser konzentrieren, sondern auch klarere Gedanken fassen, berichtet etwa Nancy Wells, Psychologin an der Cornell Universität. 2000 veröffentlichte sie eine Studie, bei der sie und ihr Team die Aufmerksamkeitsfähigkeit von 7- bis 12-jährige Kindern beobachteten, vor und nachdem diese mit ihrer Familie umgezogen waren. Dabei bezogen sie zugleich ein, welchen Ausblick die Kinder aus ihren (neuen) Zimmern hatten sowie etwaige Unterschiede in der Wohnqualität. Schnell zeigte sich: Kinder mit Blick ins Grüne schnitten bei den Tests besonders gut ab.
Bekräftigt wird das Ergebnis auch durch die Forschungsarbeiten des Landschaftsarchitekten und Wissenschaftlers an der Universität von Illinois, William Sullivan. Der fand bei Studien an 96 Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung im Jahr 2001 heraus, dass sich deren Symptome besserten und sie sich leichter konzentrieren konnten, wenn sie zuvor in der Natur oder in grünen Räumen gespielt hatten.
Eine aktuelle Erhebung unter mehr als 10.000 Schülern, die C. Kenneth Tanner vom Design & Planning Laboratory an der Universität von Georgia Anfang 2009 veröffentlichte, wiederum kommt zu folgendem Ergebnis: Schüler, die aus ihren Klassenräumen heraus einen freien Blick von mindestens 15 Metern auf Gärten, Berge oder Wälder haben, erreichen in Vokabel-, Sprach- oder Mathetests höhere Punktzahlen als jene, die lediglich auf Straßen, Parkplätze oder Häuserblocks blicken.
Das Ganze korrespondiert mit Forschungsarbeiten der beiden Psychologen Rachel und Stephen Kaplan von der Universität von Michigan at Ann Arbor. Beide sind heute davon überzeugt, dass uns unsere moderne Bildschirmarbeit mental enorm schnell ermüdet. Wer dagegen zwischendurch abschweifen und in die Natur schauen könne, der verschaffe seinem angestrengten Geist so etwas wie eine erholsame Rast. „Eine Reihe von Studien zeigt, dass sich die Fähigkeit sich zu fokussieren, verbessert, sobald man Naturpanoramas betrachtet – sei es durchs Fenster oder auf Bildern“, sagt Stephen Kaplan.
Lichtverhältnisse
Dass auch Licht Einfluss auf unsere Produktivität nimmt, klingt vielleicht zunächst nach einer Binse. Im Dunkeln ist zwar gut Munkeln, aber find mal die richtige Akte, wenn es im Büro stockduster ist. Das ist damit aber nicht gemeint. Licht wirkt vielmehr auf unsere Schlaf-Wach-Phasen, die sogenannten zirkadischen Rhythmen. Studien zeigen, dass Kinder, die in zu dunklen Klassenräumen hocken, regelrecht so etwas wie ein Jetlag erleben, weiß Wissenschaftler Tanner. Sie werden einfach nicht richtig wach, bleiben müde und können sich kaum konzentrieren. 1992 wurden an einer Schwedischen Schule Schüler in vier Klassen ein Jahr lang beobachtet. Die Kinder in dem dunkelsten Klassenzimmer wiesen eine erkennbare Störung bei der Ausschüttung des Stresshormons Kortisol auf. Kortisol ist unter anderem auch dafür verantwortlich, dass wir morgens zügig wach werden und der Kreislauf hochfährt.
Erhellend sind auch die Erkenntnisse, die auf eine Untersuchung der Heschong Mahone Group aus dem Jahr 1999 zurückgehen. Damals verglichen die Forscher die Leistungen von über 21.000 Schülern in Kalifornien, Washington und Colorado sowie die Lichtverhältnisse in den über 2000 Klassenräumen. Heraus kam: Die Pennäler aus Capistrano/Kalifornien waren nicht nur die hellsten Köpfe – sie hatten auch die strahlendsten Lernzimmer. Effekt: Sie lasen 26 Prozent schneller und rechneten 20 Prozent zügiger als ihre Mitschüler aus der damals düstersten Klasse.
2008 wiederum hielt der Neurowissenschaftler Rixt F. Riemersma-van der Lek vom Niederländischen Institut für Neurowissenschaften fest, wie sich die Lichtverhältnisse auf Rentner auswirken. Dabei statteten er und seine Kollegen ein paar Räume in Altersheimen mit einem Extralicht von rund 1000 Lux (Tageslichtlampen) aus, während sie andere Zimmer auf 300 Lux dimmten. Drei Jahre lang in 6-Monats-Intervallen notierten die Forscher anschlißend, wie sich die kognitiven Fähigkeiten der Heimbewohner entwickelten. Und tatsächlich: Rentner in lichten Stuben behielten eine um 5 Prozent höhere Gedächtniskraft als ihre Mitbewohner, die in weniger durchfluteten Buden saßen. Zudem reduzierten die Zusatzbirnen die Depressions-Anfälligkeit um 19 Prozent.
So sehr Tageslicht einerseits unser Erinnerungsvermögen verbessert, so stark reduziert allerdings auch unsere Offenheit und Regenerationsfähigkeit, was sich 2006 bei einer Studie offenbarte: Dazu wurden 80 Studenten je in einer hell erleuchteten Kammer und einer mit gedämpften Licht interviewt und anschließend nach ihren Empfindungen befragt: Die Kommilitonen in den gedämpften Räumen sahen ihre Gesprächspartner prompt in einem besseren Licht, fühlten sich deutlich entspannter und gaben auch mehr von sich preis als jene in den hellen Räumen. Vermutlich ist auch das ein Grund dafür, warum Geschäftsessen und Partys besser und intimer gelingen, wenn man sie in gedämpftem Licht zelebriert.
Bodenbelag
Auch wenn sie zunehmend aus der Mode kommen: Teppichböden können dafür sorgen, dass sich Menschen wohler fühlen und länger bleiben. Untersucht wurde das im Jahr 2000 ausgerechnet in einem Krankenhaus. Hier erhöhten sich die Besuchszeiten von Angehörigen in Patientenzimmern, sobald diese mit Teppich ausgelegt waren, berichtet etwa Debra Harris, Präsident bei RAD Consultants in Austin, Texas. Nun eignen sich Teppiche wohl schon aus hygienischen Gründen nicht wirklich für Krankenhäuser. Für Büros aber umso mehr.
Sie sehen, so simpel uns manche Einrichtungsfacetten auch erscheinen – so weitreichend ist zuweilen ihr Einfluss. Schon wie Schreibtische in einem Großraumbüro oder Stuhlreihen in einem Wartezimmer angeordnet sind, fördert entweder die Kommunikation untereinander oder behindert diese, wie Psychologen der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg und Kollegen an der schwedischen Uppsala Universität 1999 dokumentieren. Acht Wochen lang veränderten die Forscher die Tischanordnungen in einer Schulklasse, wechselten die Arrangements der Tischreihen oder bildeten damit Halbkreise um den Lehrer herum. Ergebnis: Im Halbkreis erhöhte sich nicht nur die Teilnahme am Unterricht, sondern auch die Anzahl der neugierigen Fragen.
Apropos: noch Fragen? Oder wollen Sie sich erst einmal umsetzen?
1. Kommentar
Lizzy
29.07.09 um 02:31 Uhr
Ich nehme daraus mit, dass man sich bei kreativen Arbeiten am besten mit Notebook nach draussen setzt. (Wenn man die Möglichkeit hat). Da gibt es viel Platz nach oben hin, einen schönen Ausblick, viel Licht und Gras könnte man als Teppich bezeichnen.
2. Kommentar
Jochen Mai
29.07.09 um 08:07 Uhr
Das hört sich nach einem guten Plan an…
3. Kommentar
Franziska
29.07.09 um 10:51 Uhr
Ein sehr schöner und fundierter Artikel. Ich habe nur noch eine Ergänzung: auch im deutschsprachigen Raum gibt es Forschung dazu, einen interessanten Artikel (“Räume machen Leute”) gibt es hier zu lesen.
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