Ein Gastbeitrag von Karin Intveen
Sind Sie ein guter Zuhörer? Ich frage nicht ohne Grund: Wenn es heute im Zwischenmenschlichen an etwas mangelt, dann ist es die Fähigkeit des Zuhörens. Nicht nur im privaten Bereich! Auch und gerade im Job hört kaum noch jemand richtig hin. Nur wie kommt das? Ganz einfach: Es strengt an. Zuhören ist mehr, als nur den Mund zu halten. Zuhören ist eine Kunst und um die zu beherrschen, braucht es zum Einen Übung – und die Bereitschaft zu ein wenig Nabelschau. Denn während wir zuhören, passiert in uns und mit uns sehr viel. Das wiederum beeinflusst, wie wir zuhören – und was wir hören.
Deutlich wird das an einem Beispiel, dass Sie so oder ähnlich höchst wahrscheinlich schon erlebt haben: Ihr Chef ruft Sie zu sich und schaut bei Ihrem Reinkommen sehr ernst auf eine Präsentation, die Sie vorbereitet haben. Noch ist kein Wort gesprochen und doch läuft Ihr Gehirn auf Hochtouren: Je nachdem welcher Typ Sie sind, denken Sie vielleicht: „Was habe ich falsch gemacht?“ Oder: „Was hat er jetzt schon wieder zu bemängeln?“ Oder: „Ich habe Frau Müller gesagt, dass uns das um die Ohren fliegt.“
Innerlich bereiten Sie sich bereits auf das vor, was Sie gleich meinen zu hören.
Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Mit Zuhören hat dieses Sich-Wappnen nichts zu tun. Vielmehr hat das Bild des ernst guckendes Chefs Ihren Gehörgang komplett verstopft. Lange bevor auch nur ein Ton gesprochen wurde. Es ist dann eigentlich egal, was der Chef dann noch sagt. Sie werden mit mindestens einem der vorbereiteten Sätze kontern. Und sehr wahrscheinlich komplett an Ihrem Chef vorbeireden, weil Sie ihm überhaupt nicht zugehört haben.
Zuhören beginnt im Kopf
Das ist, was ich Eingangs mit Nabelschau meinte: Unser Gehirn versucht jede Information, die es bekommt, einzusortieren. Wie ich schon im Beitrag „Das Busfahrer-Modell – Oder wie Sie in Krisen souveräner werden“ beschrieben habe, vergleicht das Gehirn hierzu aktuelle Eindrücke mit gemachten Erfahrungen. Und genau hier lauert die Falle: Das Bild vom ernst guckenden Chef verursacht im Bruchteil einer Sekunde Emotionen und Empfindungen. Je nachdem welche Erfahrungen man mit ernst guckenden Männern, höher Gestellten und Weisungsbefugten gemacht hat. Und die verunmöglichen ein offenes, neugieriges und wertfreies Zuhören.
Der erste Schritt, ein guter Zuhörer zu werden, ist daher Achtsamkeit. Gepaart mit der Einsicht, dass Sie nicht wissen können, was Ihr Chef Ihnen gleich sagen wird. Irgendwas zwischen Anpfiff und Lob. Okay. Aber was genau? Sie können es nicht wissen. Außer Sie sind Hellseher. Aber dann würden Sie wahrscheinlich nicht mit dem Erstellen von Präsentationen Ihre Brötchen verdienen.
Zuhören findet JETZT statt
Nehmen Sie einfach nur bewusst wahr, dass all die möglichen Szenarien, die Ihr Gehirn Ihnen anbietet, nur Erinnerungen sind und dass einige Emotionen und Empfindungen automatisch mit diesen alten Erinnerungen verknüpft sind. Und dann schauen Sie, was wirklich gerade los ist: Da sitzt der Chef und schaut ernst. Punkt. Fertig. Aus.
Macht dann der Chef den Mund auf und sagt: „Super! Wenn das unsere Kunden nicht begeistert, dann weiß ich es auch nicht“ stehen Sie auch nicht mit offenem Mund da und sind sprachlos. Hat auch Vorteile, oder?
Lust zu Üben?
Hierzu eignet sich das gemütliche Beisammensein mit ein paar Freunden. Einigen Sie sich auf ein Thema und dann bekommt jeder fünf Minuten Redezeit. In diesen fünf Minuten hören die anderen nur zu! Ohne etwas zu sagen und auch ohne Nicken oder Grimassen! Die Zuhörer können die Zeit nutzen und beobachten, was ihr Gehirn ihnen so alles parallel anbietet. Und der Sprecher kann beobachten, wie es ihm damit geht, fünf Minuten ohne Unterbrechung zu reden. In meinen Seminaren beträgt die Redezeit sogar maximal zehn bis 15 Minuten pro Person. Wenn der erste Schreck („Was? Sooo lange?“) sich gelegt hat, sind nach der Übung alle verblüfft, wie vielschichtig und effektiv diese Übung ist.
Also: Viel Spaß beim Ausprobieren – und lassen Sie sich überraschen, was Sie sonst alles beim Zuhören verpassen.
Über die Autorin
Karin Intveen lebt und arbeitet im Fünf-Seen-Land bei München. Als Somatic-Coach verbindet sie die eher kognitiven Elemente des NLP und die systemische Arbeit mit den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie. Ihre Herzblutthemen sind Selbstregulierung, Entschleunigung und Burnout-Prophylaxe.
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derDoubleD
Das Thema an sich ist sehr spannend und leider haben wir in unserer Zivilisation das Zuhören stark verlernt. Ein paar Infos zum Thema zuhören habe ich in meinen Blog zusammengefasst.
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