Durch die Reform der Studiengänge sollten Absolventen besser vorbereitet ins Berufsleben einsteigen. Tatsächlich sorgt die rigide Studienordnung fürs Gegenteil: Weil keine Zeit für Praktika und Ehrenämter übrig ist, bleibt Hochschülern nur ein stromlinienförmiges Studium, das sie gesichtslos in den Arbeitsmarkt entlässt. Oder?

Nein. Wenn Sie bereit sind, notfalls die Regelstudienzeit zu überziehen, können Sie in Praktika oder Ehrenämtern wertvolle Erfahrungen für den Berufseinstieg sammeln – und sich so einen entscheidenden Vorsprung schaffen. Das klappt aber nur, wenn Sie sich nicht verzetteln, sondern Ihre Biografie gezielt bereichern. Ob Sie sich dann für Praktikum, Ehrenamt oder soggar beides entscheiden, hängt von Ihrer eigenen Lebensplanung ab.

Diese Aspekte sollten Sie dabei berücksichtigen:

Praxisluft schnuppern

Nichts bereitet besser aufs Berufsleben vor, als praktische Erfahrungen zu sammeln. Am Besten geht das im Praktikum (darum heißt es schließlich so) – oder gleich in mehreren Praktika…

Vorteile Nachteile
  • Sie lernen den Arbeitsalltag in allen Facetten kennen. So sehen Sie, worauf es dabei ankommt.
  • Weil Sie die Erwartungen kennen, können Sie ihr Studium besser auf die Praxis abstimmen.
  • Da Praktika in der Regel bezahlt werden, können Sie Ihren Lebensunterhalt wenigstens co-finanzieren.
  • Idealerweise können Sie während dieser Zeit eigene Projekte realisieren und so viele wertvolle Kompetenzen entwickeln.
  • In einigen Branchen sammeln Sie in Praktika und Volontariaten die notwendigen Referenzen für die spätere Bewerbung – außerdem vergrößern Sie Ihr Netzwerk.
  • Oft ergibt sich aus einem Praktikum die Gelegenheit, die Abschlussarbeit im Unternehmen zu schreiben. Häufig ist das ein Sprungbrett auf die spätere Festanstellung.
  • Wenn Sie Ihr Studium nur an den Erwartungen der Unternehmen ausrichten, vernachlässigen Sie wichtige weitere Aspekte des Studiums.
  • Gerade wenn Sie nur ein Praktikum absolvieren, riskieren Sie eine einseitige Ausrichtung Ihrer Ausbildung – in den Unternehmen werden später aber unterschiedliche Kompetenzen erwartet.
  • Richten Sie sich nur an den Erwartungen aus, verkümmern Ihre Innovations- und Durchsetzungsfähigkeit – gerade die sind im Berufsleben aber gefragt.
  • Praktika kosten mindestens Zeit. Wägen Sie also ab, ob Sie die gleichen Erfahrungen nicht vielleicht nach dem Examen in besser bezahlten Einstiegs- oder Trainee-Stellen sammeln können.

Übrigens: Praktika verschlingen nicht zwingend ein ganzes Semester. Wenn Sie viele verschiedene Stationen ausprobieren wollen, sind Kurzpraktika – etwa in den Semesterferien – besser. Selbstverständlich lässt sich Berufserfahrung auch beim Jobben sammeln, wenn Sie einer passenden Nebentätigkeit nachgehen.

Ideale leben

Auch das Ehrenamt bietet einige Vorzüge, die nicht zu verachten sind – leider aber auch ein paar gravierende Nachteile:

Vorteile Nachteile
  • Engagement verschafft Anerkennung. Das ist auch beim Berufseinstieg hilfreich.
  • Wer sich engagiert, zeigt Einsatz und soziales Verhalten. Diese Werte sind auch im Arbeitsleben gefragt.
  • Seine Werte zu leben, stärkt das Selbstbewusstsein. Das hilft später im Beruf, eigene Erwartungen umzusetzen.
  • Auch Ehrenämter bieten Anknüpfungspunkte für den späteren Job – entweder über ebenfalls engagierte und assoziierte (Spender-)Unternehmen oder direkt zu den Institutionen als Arbeitgeber.
  • Soziales Engagement ist in der Regel unbezahlt. Die Finanzierung des Lebensunterhalts frisst zusätzliche Zeit.
  • Nicht jedes Engagement lässt sich passend verkaufen. Wer nur seine Ideale befriedigt, riskiert, aus beruflicher Sicht mit leeren Händen dazustehen.
  • Engagement schafft nicht nur Befriedigung. Schlechte personelle und finanzielle Ausstattung der Einrichtungen sorgen oft für Frust.

Aber: Weil immer mehr Start-ups Wert auf die ethische Ausrichtung ihres Unternehmens legen, lässt sich insbesondere dort mit sozialem Engagement punkten. Auch kleine Unternehmen bieten gerade in diesem Bereich gute Einstiegs- und Aufstiegschancen. Die Bezahlung ist dafür freilich nicht ganz so opulent – aber Geld ist ja schließlich auch nicht alles.

Gute Organisation ist notwendig

Trotz zusätzlichem Zeitaufwand schließen sich Praktika und Ehrenamt nicht aus. Wichtig ist, dass Sie den notwendigen Aufwand fürs Engagement ums Studium herum arrangieren und organisieren. Und zwar so, dass für alles genügend Platz bleibt und Sie nicht das Gefühl haben, trotz 120 Prozent Aufwand nicht hinterher zu kommen. Da hilft nur: Prioritäten setzen – und Dinge nacheinander tun.

Vielleicht nutzen Sie ja die Zeit bis zum Bachelor fürs Ehrenamt – und machen dann bis zum Master ein, zwei Praktika. Oder Sie beschränken die Praxiserfahrung auf die Semesterferien und engagieren dich während des Semesters ein, zwei Mal pro Woche. Eine andere Möglichkeit ist, sich während des Studiums zu engagieren und während der Prüfungszeiten jede außercurriculäre Aktivität zurückzufahren.

Es liegt an Ihnen, für welchen Weg Sie sich entscheiden: Wichtig ist nur, dass das Studium immer im Mittelpunkt bleibt. Wenn Sie sich trotz guten Zeitmanagements nicht mehr ausreichend auf Prüfungen vorbereiten können, müssen Sie die Notbremse ziehen. Ob Sie sich dann für die Regelstudienzeit oder für Engagement und Praxis entscheiden, hängt von Ihren Präferenzen ab – und eben von den finanziellen Ressourcen, die Ihnen zur Verfügung stehen.

Sie können sich aber auch voll aufs Außeruniversitäre konzentrieren. Weil Sie – beispielsweise – am praktischen Arbeiten so viel Spaß finden, dass Sie dafür gern aufs Studieren verzichten. Oder sich gerade eine Stelle auftut, die langfristige Entwicklungsmöglichkeiten verspricht. Auf den Universitätsabschluss müssen Sie deswegen noch lange nicht verzichten: Der lässt sich später per Fernstudium neben der Arbeit nachholen.