Jeder zweite Manager hat sich in den vergangenen fünf Jahren coachen lassen, und es werden stetig mehr: Aufsteiger, die mit den Intrigen und Machtkämpfen der Beletage nicht zurecht kommen; Branchenwechsler, die den Klimawandel nicht vertragen; Lebenskrisler, die nach Neuorientierung suchen. Die Menschen lassen sich heute in allen Lebenslagen und Lebensfragen begleiten und beraten, angefangen bei der Gesundheit und der Ernährung, bis hin zur Partnerschaft und ihrem Sex, beim Image und in Stilfragen, bei Kapital und Kompetenz. Und natürlich bei der Karriere. Ob in Team- oder Einzelcoachings: Überall geht es darum, besser zu werden, Schwächen zu erkennen, sie auszubügeln, Stärken zu stärken, noch mehr aus sich heraus zu holen. Überhaupt: mehr, mehr, mehr vom ich, ich, ich.

Keine Frage: Coaching boomt. Doch dahinter steckt nicht selten Angst: Angst in der Masse unterzugehen, Angst nicht mithalten zu können, Angst stehen zu bleiben, während sich alle anderen schon lange weiterentwickeln. Instinktiv spüren alle: Das Wirtschaftskarussell dreht sich immer schneller, Laufbahnen werden komplexer, die Leute wechseln öfter den Job. Nicht immer passiert das freiwillig. Gleichzeitig wächst der Druck. Die sogenannte Halbwertzeit des eigenen Könnens und Wissens nimmt kontinuierlich ab. Für viele stellt das eine veritable Bedrohung dar, die sie zu mehr Initiative und Eigenverantwortung nötigt: Wer sich nicht um seine Karriere kümmert, wer nicht Schritt hält, der kann scheitern und ist daran am Ende auch irgendwie selber schuld.

Persönlicher Ratgeber gesucht

Wer zum Coach geht, der tut etwas dagegen, der dokumentiert: Ich unternehme was, und ich bin bereit, dafür entsprechende Mittel zu investieren! Falls der Arbeitgeber den Coach bezahlt, heißt das oft sogar nichts weniger als: „Das bist du uns wert, denn wir sehen nicht nur deine Fehler, sondern vor allem dein Potenzial.“

Entsprechend hat sich das Image des Gecoachtwerdens gewandelt. Wer sich einen persönlichen Ratgeber leistet, der gilt nicht mehr als ein Jemand mit Macken, sondern als Macher mit Möglichkeiten. Zudem ist Coaching bequem: Der Coachee bekommt einen privaten Schutzraum, in dem er ohne großes Karriererisiko an sich arbeiten kann. Der Coach verdient gutes Geld, indem er den Mächtigen souffliert und dabei selbst ein wenig Macht inhaliert. Die Personalmanager wiederum delegieren müßige Personalentwicklungsarbeit und haben obendrein das gute Gefühl, etwas für die Motivation der Mitarbeiter getan zu haben.

Undurchsichtiger Coach-Markt

Doch genau das ist das Problem der Branche. Der Coaching-Markt ist unübersichtlich, atomisiert und ein Biotop für Quacksalber und Trittbrettfahrer. Spätestens seit dem Jahr 2000 explodiert die Anzahl der Anbieter. Die meisten Coachs sind Einzelkämpfer, laut Branchenuntersuchungen liegt die durchschnittliche Unternehmensgröße bei 1,3 Mitarbeitern. Und überall tummeln sich fragwürdige Gestalten, die sich Coach, Trainer, Supervisor oder sonst was nennen und die mit ihrer gutgläubigen Klientel alles Mögliche zelebrieren, vom Glasscherbenlaufen bis zur Urschreitherapie – nur eben kein Coaching.

Rund 40.000 dieser selbst ernannten Menschenverbesserer praktizieren allein im deutschsprachigen Raum. Die Zahl der echten Profis dürfte weit darunter liegen: Auf höchstens 4000 Coachs, die zumindest irgendeine qualifizierte Ausbildung absolviert haben, schätzt sie etwa Christopher Rauen, Vorsitzender des Deutschen Bundesverbandes Coaching (DBVC). Wie so oft liegt es auch hier am Einzelnen, genau zu prüfen, wem er sich anvertraut, wie der Coach seine Leistung definiert, wie er Erfolg und Vertraulichkeit sicherstellt, welche Kompetenzen und Referenzen er nachweisen kann und wie er am Ende abrechnet.

Ich halte persönliches Coaching für eines der Top-Karriere-Themen in den kommenden Jahren. Deshalb werde ich in der kommenden Woche auch in diesem Blog ein paar Artikel dazu veröffentlichen und würde mich über Ihre Reaktionen freuen. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen Sie mit Coachs oder Coaching gemacht haben und wie Sie das Thema einschätzen.