Ein Gastbeitrag von Mark Rüdesheim

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Eigentlich hätte der deutsche Mittelstand allen Grund zur Freude: Die Auftragslage war lange nicht mehr so gut wie im Moment. Dennoch ist bei vielen Unternehmen von Euphorie nichts zu spüren. Denn statt praller Kassen stehen Umsatzeinbrüche ins Haus. Schlicht, weil die Fachkräfte fehlen, um die Auftragslage voll auszuschöpfen. Infolgedessen gehen immer mehr Arbeitgeber von sich aus auf die Suche nach qualifizierten Talenten - und bewerben sich nach allen Regeln der Kunst bei potenziellen Arbeitnehmern. Und dafür – wie könnte es auch anders sein – gibt es bereits den passenden Anglizismus: Reverse Recruiting...

Reverse Recruiting: Der Wirtschaft gehen die Leute aus

Arbeitgeberbewerbung-Reverse-RecruitingAber der Reihe nach: Zunächst zu den harten Fakten, die das Wirtschaftsberatungsunternehmen Ernst & Young (E&Y) in seinem jüngst veröffentlichten Mittelstandsbarometer zusammengetragen hat:

  • Mehr als die Hälfte der Mittelständler (56 Prozent) ist zufrieden mit seiner Geschäftslage - höher war der Wert zuletzt im Jahr 2004.
  • 36 Prozent erwarten, dass sich die Auftragslage im kommenden halben Jahr weiter erhöht.

Soweit, so gut. Große Sorgen bereitet parallel dazu aber der nachhaltige Fachkräftemangel, der insbesondere in der IT-Branche, im Ingenieurwesen und im Bereich Healthcare grassiert. Im nächsten halben Jahr würde gerne ein Drittel der von E&Y befragten Unternehmen Personal aufbauen: 62 Prozent von ihnen können aber schon jetzt ihre Vakanzen mangels Bewerber nicht mehr besetzen.

Schätzungen zufolge fehlen derzeit allein im Mittelstand 360.000 Fachkräfte.

Reverse Recruiting: Post-Pray-Recruiting war gestern

Die altgediente Vorgehensweise im Recruiting geht unter diesen Vorzeichen nicht mehr auf. Stellenanzeige schalten und abwarten bis wäschekörbeweise Bewerbungen ins Haus flattern, das reicht nicht mehr. Experten bezeichnen das als Post-Pray-Recruiting, dessen Ära ein für alle Mal zu Ende ist. So passabel kommen Recruiter nicht mehr an den richtigen Mann oder die richtige Frau.

Personalern bleibt daher nichts anderes übrig, als den Spieß umzudrehen: Aus Recruiting wird Reverse Recruiting. Letztlich ist der Begriff Reverse Recruiting aber eigentlich nur eine Umschreibung für "Arbeitgeberbewerbung". Klingt halt schöner.

Reverse Recruiting geht über das, was landläufig als Active Sourcing bekannt ist - das ist die Direktansprache von Kandidaten - hinaus. Bei dieser Methode sprechen Recruiter potenzielle Kandidaten auf Messen oder auf Karriereplattformen wie Xing oder LinkedIn an und unterbreiten ihnen ein Angebot.

Gut, wir wollen jetzt nicht in den Krümeln suchen. Aber bei einem solchen Vorgehen ist die Hierarchieverteilung immer noch die alte: Der Arbeitgeber steht über dem Bewerber, er bietet ihm etwas an...

Reverse Recruiting: Der Kandidat behält die Oberhand

Reverse-Recruiting-Arbeitgeber-MarktplatzBeim Reverse Recruiting verhält sich das genau umgekehrt: Der Arbeitgeber bewirbt sich explizit beim Kandidaten - und der schlüpft in die Rolle des Entscheidungsträgers.

Es gibt sogar schon waschechte Reverse Recruiting Portale, die Arbeitgebern bei der Bewerbung beim Kandidaten helfen. 4scotty ist zum Beispiel eines von ihnen.

Grob gesprochen funktioniert der Prozess wie folgt:

Statt einer klassischen Stellenanzeige schreibt der Arbeitgeber zunächst eine Formular-Bewerbung. Die gesuchten Skills werden mit den vorhandenen Skills wechselwilliger Kandidaten abgeglichen. Letzte müssen sich in der Datenbank dafür explizit als "jobsuchend" gekennzeichnet haben, um berücksichtigt zu werden.

Wer also nicht angesprochen werden will, der wird es auch nicht.

Im Falle einer Übereinstimmung wird zunächst der Kandidat informiert und nur bei Interesse darf der Bewerber – also der Arbeitgeber – ihm Informationen bezüglich des Jobangebotes zukommen lassen.

Übrigens gehen auch einige Headhunting Firmen inzwischen nach dem Reverse Recruiting Prinzip vor: Der Kandidat hat jederzeit die Entscheidungsgewalt, was mit seinen Daten passiert und ob der Kontakt zum suchenden Arbeitgeber hergestellt werden soll oder nicht.

Online gibt es für Talente auch Sicherheitseinstellungen, die bestimmte Arbeitgeber von vornherein ausschließen. Wer will schon gerne vom eigenen Arbeitgeber gefunden und als wechselwillig ertappt werden?

Lebenslauf-gestalten-Karrieresprung-de

Reverse Recruiting: Ein Anschreiben muss schon sein

Haben sich Kandidat und Unternehmen gefunden, geht der Reverse Recruiting Prozess für den Bewerber – also den Arbeitgeber - eigentlich erst richtig los: Jetzt gilt es, sich und das Unternehmen ins beste Licht zu rücken. Für den ersten Eindruck gibt es bekanntlich keine zweite Chance.

Für eine zufriedenstellende Kontaktaufnahme reicht eine kurze Mitteilung daher nicht aus. Wichtig sind stattdessen umfassende und gut aufbereitete Inhalte, am besten mit emotional ansprechenden Bildern oder im besten Fall sogar einem Recruiting-Video.

Arbeitgeber können all diese Informationen in entsprechend aufbereiteten Employer Branding Stellenanzeigen unterbringen. Doch allein den Link dazu zu übermitteln, greift zu kurz.

Ja, ein Anschreiben muss schon sein. Dabei ist Folgendes zu beachten:

  • Keine Massenmails: Es lässt sich leicht aus einer Nachricht herauslesen, ob hier auf standardisierte Textbausteine zurückgegriffen wurde.
  • Flüchtigkeitsfehler vermeiden: Sonst bekommt der Kandidat den Eindruck, man habe sich keine Mühe bei der Erstellung der Bewerbung gegeben und diese zwischen Tür und Angel verfasst. Die Frage liegt dann nahe: Meint es der Arbeitgeber überhaupt ernst genug?

Stattdessen ist Individualität ein Muss. Das Anschreiben sollte Bezug auf die individuellen Skills des Kandidaten nehmen und diese in Beziehung mit der ausgeschriebenen Stelle setzen. Das zeigt: "Ich habe mich mit Ihrem Werdegang auseinandergesetzt und Sie als das beste Talent identifiziert. Wir wollen ausdrücklich Sie."

Klar, dass Recruiter im Prozess hier und da unsicher werden können. Dann hilft eine kurze Rückschau: Was hätte ich einem Kandidaten vor ein paar Jahren noch in der Situation geraten?

Über den Autor

Mark-RüdesheimMark Rüdesheim ist Geschäftsführer von Stellenpakete.de - einem Portal das kleinen- und mittelständischen Unternehmen dabei hilft, per Multiposting in diversen Jobbörsen schnell den passenden Mitarbeiter zu finden.

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