Rezenz-Effekt: Warum wir uns monoton ernähren
Klar, wäre es gesund und aufregend mittags abwechslungsreich zu essen. Die Wahrheit aber ist: Die meisten unserer Essgewohnheiten sind erschreckend langweilig, eintönig und repetitiv. Trotz zahlreicher Optionen wählen wir in der Kantine doch wieder nur Schnitzelpommes oder trotten zur Schnellbraterkette um die Ecke. Wie gestern auch schon. Abends ist das übrigens nicht viel anders: Da heißt die Monotonie nur euphemistisch Lieblingsrestaurant. Wir besuchen es einmal, vielleicht zweimal und dann - zack - sagen wir dazu Stammkneipe, duzen den Wirt und kennen die Speisekarte auswendig. Nur warum machen wir das?

Guten Appetit: Der letzte Bissen entscheidet

Emily Garbinsky, Psychologin an der Stanford Universität, wollte den kognitiven Prozessen hinter der Ernährungseintönigkeit auf die Spur kommen und hat mit ihrem Team dazu einige Experimente initiiert. Ihnen ging es vor allem darum, herauszufinden, warum wir uns immer wieder für denselben (Lieblings-)Burger entscheiden, erneut zum gleichen Sandwich greifen - und das obwohl die bekanntermaßen teuer sind und nicht lange satt machen.

Oder vielleicht gerade deshalb?

Erinnerungen spielen dabei ganz offenbar eine entscheidende Rolle. Aber ist es wirklich die Geschmacksexplosion im Mund, die wir dabei erleben? Die Raffinesse mit der der Koch sein Mahl zubereitet hat? Oder ist es - ganz banal - der Sättigungsgrad hinterher?

Garbinskys These war: Nicht irgendwelche Erinnerungen sind entscheidend, sondern vor allem der letzte Eindruck zählt.

In Fachkreisen ist dieses Phänomen auch als Rezenz-Effekt bekannt. Ohne Sie jetzt mit noch mehr Experimenten zu langweilen: Es gibt eine Reihe von Studien, die darauf hindeuten, dass wir die zuletzt erlangten Informationen am besten erinnern und diese auch am stärksten nachwirken.

Bei Diskussionen etwa setzen die meisten das - bewusst oder unterbewusst - ein: Das stärkste Argument kommt immer zum Schluss. Es hallt am längsten nach und bleibt haften. Bei der sogenannten Sandwich-Kritik ist es dasselbe: Damit sich die negative Rückmeldung leichter schlucken lässt, wird sie watteweich in Lob verpackt. Vor allem das letzte Lob bleibt dann haften und mildert so die eigentliche Schelte.

Auf die Mahlzeit übertragen hieße das: Das Essen mag noch so aufregend, abwechslungsreich und raffiniert sein. Der letzte Bissen entscheidet. Aber das war bis dahin erst einmal nur eine These...

Ein gutes Essen macht nicht satt

Also baten Emily Garbinsky und ihr Team die Probanden ein wenig aufregendes Mahl zu sich zu nehmen: Kekse. Nicht gerade ein kulinarischer Hochgenuss, aber für die Studie genau das richtige, da lenkt nichts ab.

Die einen bekamen jedoch nur fünf Kekse zu essen, während die zweite Gruppe ganze 15 davon verputzen sollte. Sie können sich denken, was passierte: Die erste Gruppe, hatte schnell wieder Hunger; die zweite war danach pappsatt.

Tags darauf wurden die Probanden erneut gefragt, ob sie wieder Kekse essen würden. Das Resultat war mehr als eindeutig: Sie alle erinnerten sich noch gut an den letzten Happen - von dem sie gerne noch mehr gehabt hätten oder den sie gerade eben noch schlucken konnten. Kurzum: Die erste Gruppe hätte gerne auch am zweiten Tag noch Kekse gehabt, die zweite lehnte dankend ab: Bitte nicht schon wieder!

Natürlich gab es noch viele weitere dieser Experimente, mit unterschiedlichen Variationen. An dem Ergebnis änderte das aber nichts: Entscheidend dafür, ob wir eine Mahlzeit genießen und uns gerne daran erinnern, sind nicht der Auftakt, der Aperitif oder das Ambiente, davon erinnern wir kaum etwas. Es ist der letzte Happen, das Finale. Danach entscheiden wir: Da geh ich wieder hin und nehme dasselbe noch mal!

Was das für den Alltag bedeutet?

Aus den Untersuchungen lässt sich allerlei ableiten: Unser Appetit ist längst nicht so spontan, wie wir meinen. Selbst beim Essen sind wir Gewohnheitstiere und manipulierbar bis in den Magen.

Doch das lässt sich auch nutzen:

  • Für Restaurant-Besitzer etwa ließe sich schlussfolgern, dass kleine Portionen besser sind als überdimensionale. Nicht All-You-Can-Eat-Angebote bringen mehr Stammkunden, sondern eher ein vorzügliches Dessert oder ein Amuse-Gueule, das diesmal zum Schluss serviert wird - vielleicht als kostenloser Gruß aus der Küche.
  • Für unsere Ernährung bedeutet das: Mampfen Sie sich mit Burgern mal so richtig voll, bis nichts mehr geht, wenn sie damit für eine ganze Weile Schluss machen wollen. Und überhaupt: Jetzt, wo Sie den Effekt kennen: Gehen Sie raus und probieren Sie mal was Neues - entgegen aller Gewohnheitstriebe!
  • Auch auf Geschäftsessen lassen sich die Erkenntnisse übertragen: Wollen Sie, dass sich Ihre Partner an ein gelungenes Lunch (oder Dinner), perfektes Mahl und perfekten Gastgeber erinnern, wählen Sie ein Restaurant mit kleinen Portionen (Tapas etwa) und sorgen Sie für ein denkwürdiges Finale.

So oder so: Guten Appetit!

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