Irgendwann, es war gerade so zwischen 1882 und 1887, ließ der französische Agraringenieur Maximilian Ringelmann acht Männer vor einen Karren spannen und kräftig ziehen. Das war nicht etwa ein später Versuch in die Sklaverei zurückzukehren, sondern vielmehr ein Experiment, um die Effektivität landwirtschaftlicher Maschinen und Arbeiten zu testen. Allerdings ging dessen Ergebnis später als erstes sozialpsychologisches Experiment überhaupt in die Geschichte ein – heute auch bekannt als Ringelmann-Effekt.
Was Ringelmann seinerzeit praktisch zufällig entdeckte, war das Phänomen des sozialen Faulenzens. Die amerikanischen Psychologen Stephen Harkins, Bibb Lantané und Kipling Williams prägten hierfür 1979 auch den Begriff des Social Loafing – das Ausruhen auf Kosten anderer. Oder anders formuliert: Mit zunehmender Zahl der Gruppenmitglieder sinkt die Leistung des Einzelnen. Ein klassischer Fall von Drückebergertum.
Damals ließ der französische Forscher ein paar Studenten zunächst einzeln, dann als Duo, als Trio und schließlich zu acht an einem Gespann ziehen. In sämtlichen Fällen maß er, wie kräftig seine Probanden am Seil zogen. Effekt: Die Zugkraft stieg nicht, sondern nahm relativ ab. Während ein einzelner Student noch mit durchschnittlich 63 Kilogramm zog, schafften zwei Studenten nur noch 94 Prozent (118 Kilo statt 126), das Trio erreichte nur noch 85 Prozent der Soll-Leistung und alle Acht gar nur noch 49 Prozent. Im Achtergespann zog also jedes Teammitglied nur noch mit annähernd halber Kraft.
Diese lineare Kausalität von der abnehmenden Leistung wie sie Ringelmann formulierte gilt heute zwar als widerlegt. Danach müsste ein Unternehmen mit, sagen wir, 50.000 Mitarbeitern lediglich so produktiv arbeiten wie mit 3000. Zudem gibt es einige Studien, die zeigen, dass Teams durchaus zu größeren Taten fähig sind als die Summe der Einzelleistungen ihrer Mitglieder. Dennoch lässt sich das Phänomen des sozialen Trittbrettfahrens nicht verleugnen.
Fakt ist: Mit Arbeitsunwilligkeit hat der Ringelmann-Effekt nicht immer zu tun. So haben sich zahlreiche Wissenschaftler gefragt, was wohl die Ursachen für das Gruppenfaulenzen sein könnten und sind gleich zu mehreren Schlüssen gelangt: Allein das Gefühl, dass die eigene Leistung wenig zur Gesamtleistung beiträgt oder auch gar nicht ermittelt werden kann, sorgt bei einigen Kollegen schon dafür, dass sie sich weniger anstrengen. Das trifft natürlich besonders auf große Gruppen zu, da hier der Konformitätsdruck kaum noch spürbar ist und der Einzelne leichter abtauchen kann. Wird das jedoch von Mitarbeitern (im Wortsinn) erkannt und bleibt es dennoch ohne Folgen, so verstärkt das empfundene Unrechtsgefühl den Effekt noch weiter und auch diese Kollegen reduzieren ihrerseits das Engagement, um nicht ausgenutzt zu werden (Gimpel-Effekt).
Auch häufige Heimarbeit einzelner Teammitglieder kann den Ringelmann-Effekt fördern, da hierbei die direkte Kontrolle, wer wann wie viel und wie lange arbeitet wesentlich schwieriger ist als bei Teams, die räumlich verbunden in einem Büro malochen.
Wieder andere Wissenschaftler wie etwa Alan G. Ingham von der Universität Washington machten für den Ringelmann-Effekt vor allem mangelhafte Motivation verantwortlich, während Dietrich von der Oelsnitz und Michael W. Busch von der TU Ilmenau wiederum meinten, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Drückerbergertum schon erhöht, wenn die Aufgabe zu anspruchslos ist (siehe auch Stephen J. Zaccaro) oder sich die Gruppe aus zu vielen Individualisten zusammensetzt. Insgesamt haben Oelsnitz und Busch gleich acht Faulenzer-Typen ausgemacht:
Gleichwohl räumen die Autoren ein, dass die beiden letzten Typen Ausnahmen und seltene Extreme darstellen. Gefährlich für den gesunden Teamgeist sind aber alle acht.
Was aber lässt sich gegen den Ringelmann-Effekt unternehmen? Der einfachste Weg ist, die genannten Ursachen zu vermeiden, also zum Beispiel klare, anspruchsvolle Aufgaben zu verteilen, auf die Zusammensetzung der Gruppe zu achten und Projektteams nicht allzu groß werden zu lassen. Darüber hinaus gibt es aber noch weitere Empfehlungen. Die wichtigsten:
Trackbacks
Sagen Sie ihre Meinung!
Folgendes HTML ist in den Kommentaren verwendbar: <a> <em> <strong>