… Oder spielen Sie dort nur eine Rolle? Feilen an einem Image? Erschaffen eine Kunstfigur?

Sicher, die Erwartungen, die andere im Job an uns stellen, prägen uns und drängen uns zum Teil in eine Rolle, die wir uns nicht ausgesucht haben. Hinzu kommen manche Sachzwänge wie Uniformen, strenge Dresscodes, Sprachcodes die unseren individuellen Stil in den Hintergrund drängen. Aber auch wir selbst driften, mit den Tätigkeiten und Anforderungen des Jobs in Sachen Härte, Taktieren oder Paktieren in Verhaltensweisen und Rituale, die mit der Zeit zu einem neuen Selbst mutieren können – so, als würde man an der Firmenpforte eine zweite Haut über- beziehungsweise abends wieder abstreifen.

Erfolg hat nun mal seinen Preis: Er kostet Kompromisse. Doch opfern viele dabei auch Ihre Werte. Wozu schweigt man sehenden Auges? Wozu sagt man noch ja, wenn das Gewissen bereits nein schreit? Oft ist das ein schleichender Prozess. Konzessionen beginnen mit Sprache, dann werden Verhaltsweisen angeglichen, zum Schluss folgt die moralische Rechtfertigung über den Brauch: Das machen hier alle so! Wer solche Kompromisse zu oft schließt, wird sich selbst immer fremder, bis er nur noch eine Hülle ist – so dickfellig, dass sie auch ohne Rückgrat aufrecht stehen kann. In der Fachliteratur spricht man von der Deformation Professionell, der deformierten Persönlichkeit. So weit haben es diese Menschen gebracht: Sie bilden eine bedauernswerte Gattung.

Auch Verantwortung zu übernehmen, verändert den Charakter. Es ist schwer zwischen Effizienz und Menschlichkeit zu oszillieren, ohne dabei innerlich zu zerreißen. Der permanente Leistungsdruck und die offenen wie versteckten Anfeindungen bleiben nicht folgenlos. Viele Führungskräfte schotten sich irgendwann ab, meiden Kritik und entwickeln ein aufgeblähtes Ego. Ein Selbstschutz zwar, aber deshalb nicht weniger gefährlich. Die eigene Austauschbarkeit zu ignorieren und nicht mehr zwischen Rolle und Mensch zu unterscheiden, entkoppelt von der Realität. So jemand hebt irgendwann ab. Und das ist die Vorstufe zum Fall.

Vergangene Woche erst hat die Jobbörse Monster eine Umfrage unter 3660 Nutzern gemacht und gefragt: Sind Sie Sie selbst auf der Arbeit? Die Antworten waren mehr als erstaunlich:

  • 27 Prozent sagten: Ich bin im Job derselbe wie zuhause.
  • 26 Prozent sagten: Ich bin es meistens, wechsle mein Verhalten nur gering.
  • 18 Prozent sagten: Zum Teil. Immerhin ist mein Büro-Ich noch als mein Privat-Ich erkennbar.
  • 12 Prozent sagten: Nicht so ganz. Mein wahres Ich gebe ich nur manchmal zu erkennen.
  • 17 Prozent sagten: Nein. Im Job bin ich jemand völlig anderes.

Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist nichts Verwerfliches, wenn Sie im Büro eine andere Person darstellen – solange Sie dies bewusst und mit Überzeugung tun. Wir alle versuchen letztlich immer wieder eine Balance herzustellen zwischen unserem privaten und professionellen Ich. Mal gelingt das besser, mal schlechter. Die Frage, die alles entscheidet, ist nur: Wann sind wir dabei noch authentisch und wann sollten wir zumindest für den Oscar nominiert werden?

Erfolg ist und bleibt eine Frage der Balance eigener Ziele und Werte. Also müssen Prioritäten gesetzt werden. Für eine Woche genauso wie für einen Monat oder ein Jahr. Entscheidungen zu reflektieren, Kritik zuzulassen, eine gesunde Distanz zum eigenen Status zu bewahren, Bodenhaftung zu behalten – das sind wirksame Gegenmittel. Vor allem aber: den Preis, den man gerade noch bereit ist zu zahlen, im Auge zu behalten.

Oder wie sehen Sie das?