In der Kult-Trilogie Matrix gibt es eine schöne Squenz, in der ein kleiner Junge scheinbar nur durch Gedankenkraft einen Löffel verbiegt. Neo, alias Keanu Reeves, beobachtet die Szene fasziniert. Dann sagt der Mentalist und Mini-Uri-Geller etwas sehr Denkwürdiges: “Versuche nicht den Löffel zu verbiegen. Das ist unmöglich. Versuche lediglich die Wahrheit zu begreifen… Es gibt keinen Löffel!”
Tatsächlich gibt es diesen Löffel in der Matrix nicht – sie ist eine künstliche Cyberwelt. Und der Löffel ist pure Einbildung, allerdings eine sehr realistische. Ich finde, die Szene bildet eine wunderbare Parabel für klassische Denkblockaden. Die funktionieren nämlich ganz genauso.
Wir alle kennen die Appelle, uns beim Kreativsein von eingefahrenen Denkmustern zu lösen und aus den Hamwerschonimmersogemacht-Schubladen herauszusteigen. Womöglich ist das aber ein ganz falscher Weg an die Sache heranzugehen – erst recht, wenn der nächste Geistesblitz gerade ein paar Ladehemmungen hat. Oder anders formuliert: Womöglich ist es hilfreicher, die Sache aus der Perspektive Neos zu betrachten: Es gibt gar keine Denkschubladen!
Klingt noch zu kryptisch?
Gut, dann versuche ich es einmal anders: Die Warnung vor Schubladendenken kann genauso eine Denkschublade sein – und damit ein mentaler Kreativitätsblocker. Etwas partout nicht machen zu wollen, wirkt am Ende so hemmend, als wenn man krampfhaft versucht, sich ein paar zündende Ideen aus den Synapsen zu schrauben. Der Weg zum lichten Moment führt eben ganz oft nicht über ein geistiges Martyrium – wie rum auch immer. Vielmehr entsteht Innovation in der Regel durch eine Art Gärungsprozess: Man nehme ein paar Anregungen, lenke sich ab, spreche mit Kollegen oder Freunden und lasse die (gemeinsamen) Gedanken köcheln, blubbern und sich entfalten. Bon Apetit!
Überdies ist Kreativität selten das Ergebnis eines einzigen Moments. Wir sprechen zwar gern vom Geistesblitz, aber der tritt genauso flüchtig in Erscheinung wie sein Namensgeber. Genau genommen waren die großen innovativen Durchbrüche der Geschichte oft die Folgen anhaltender Gedankenkaskaden. Mag sein, dass Qualität vom Quälen kommt, Eingebungen aber lassen sich nicht erpressen.
Aber auch andere potenzielle Denkblockaden fallen unter die Kategorie “Den Löffel gibt es nicht”. Es sind vielmehr falsche Annahmen, Vorurteile und damit Selbstbeschränkungen, die uns daran hindern, das volle Potenzial unserer Kreativität auszuschöpfen. Insbesondere diese vier:
Der Versuch, logisch zu denken
Das Leben ist nicht logisch. Analysen müssen logisch sein, Argumente ebenso. Aber wenn es darum geht, etwas Neues zu kreiieren, führt der Weg über kausale Ableitungen meist in die Irre. Oder in eine Sackgasse. Abkürzungen zum Ziel sind dagegen freie Assoziationen oder eine eher metaphorische Herangehensweise – indem Sie beispielsweise nicht nach der logischen Wahrheit und, sagen wir, dem Sinn des Lebens suchen, sondern vielleicht nur nach einer Art 42.
Der Versuch, seriös zu sein
Das habe ich – leider – schon oft selber erlebt: Sobald man sich von typischen und von Lesern gewohnten Stilformen löst, holen manche sofort die große Seriositäts-Keule raus: “Das ist unseriöser Journalismus”, heißt es dann etwa. Oder: “Das ist schlecht recherchiert.” Oder: “Ich kündige mein Abo.” Wegen einer neuen Stilform??? Wohl kaum. Und wenn, wäre es ein Schuss ins eigene Knie. Die Form ist letztlich nur ein Vehikel, dem Leser die Information schmackhaft zu machen. Also eine reine Geschmackssache. Darüber lässt sich bekanntlich streiten – aber ein Fakt, ist ein Fakt, ist ein Fakt. Egal in welcher Verpackung.
Genauso ist das in Sachen Kreativität: Wer immer nur seriös bleiben will, muss Konformität und Konstanz beweisen. Kurzum: Er versucht so zu denken, wie es alle tun und erwarten. Doch das ist alles andere als kreativ. Geben Sie sich und anderen lieber die Chance, ein bisschen herumzuspinnen und zu spielen. Das ist vielleicht nicht immer seriös, aber einer der effektivsten Wege, Kreativität zu stimulieren.
Der Versuch, die richtige Antwort zu finden
In der Mathematik gibt es eine eindeutig richtige Lösung – bei Ideen nicht. Die Kategorien richtig und falsch sind viel zu eng gefasst und für Innovationen letztlich völlig ungeeignet. Schwarz-Weiß-Malerei führt nur selten zu bunten Bildern. Die Realität ist in Farbe und 3D. Und so gibt es auch für jedes Problem in der Regel mehr als nur eine korrekte Lösung. Welche davon die perfekte ist, zeigt sich ohnehin meist erst hinterher – wenn überhaupt. Zermürben Sie sich also nicht bei der Suche nach der allein seligmachenden Lösung. Bemühen Sie sich lieber um unterschiedliche Blickwinkel und entsprechend alternative Lösungen.
Der Versuch, sofort Klarheit zu schaffen
Gerade wenn man versucht, kreativ zu sein, bleibt Vieles zunächst schwammig, unkonkret und vage. Erst recht bei einem Brainstorming. Die meisten finden das unangenehm und unkomfortabel, weshalb sie versuchen, ihre Idee so schnell wie möglich in eine klare Form zu pressen. Zu früh womöglich. Klarheit ist zwar später wichtig, wenn es in die Umsetzung geht. Aber soweit sind Sie zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht.
Und nicht vergessen…







Tanja Handl
Ich kann ja das löffelverbiegende Kind in Matrix nicht ausstehen – ansonsten gebe ich dir aber völlig recht. :) Kreativität ist lebendig, wächst, wenn sie genug Licht und Luft bekommt. Und deswegen kommen die besten Ideen auch dann, wenn man sie gar nicht erwartet und den Gedanken einfach freien Lauf lässt.
Michaela [Mobile]
Ich stimme dir zu!