Versuchen Sie doch mal gerade Folgendes: Falten Sie Ihre Hände wie zum Gebet, die Finger ineinander verschränkt, die Daumen übereinander. Und jetzt wechseln Sie bitte nur mal die Position Ihrer Daumen, sodass der üblicherweise untere zuoberst liegt. Wie fühlt sich das an: ungewohnt? Unangenehm? Unerträglich?
Die US-Psychologin Dawna Markova hat herausgefunden, dass Menschen rund zwei Wochen brauchen, um sich nur an eine solch simple Haltung neu zu gewöhnen. Bis dahin feuert das Gehirn unablässig Alarmsignale ans Bewusstsein: „Hier stimmt was nicht!“ Und das nur, weil zwei Daumen nicht wie sonst übereinander liegen. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn wir uns deutlich gewichtigere Routinen abgewöhnen wollen…
Elliot Aronson ist Professor der Psychologie und lehrte unter anderem schon an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz. Als er damals erfuhr, dass seine Studenten ein, nunja, laxes Sexualleben pflegten, machte er sich Sorgen, einige könnten sich dabei mit AIDS infizieren. Wie auf jedem Campus wurde auch in Santa Cruz viel geflirtet, es gab viele wechselnde Paare – und die hatten auch viel wilden Sex. Und auch viel ungeschützten, ohne Kondom. Also fragte sich Aronson, wie er es wohl anstellen könnte, dass seine Studenten – trotz aller Leidenschaft – mehr auf ihre Gesundheit achten würden. Im Grunde gab es ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Studierenden würden weniger Sex haben – oder aber sie würden mehr Kondome benutzen.
Nun muss man zu der Geschichte dazu sagen, dass sich Elliot Aronson ungefähr schon sein ganzes Leben lang damit beschäftigt hat, wie man Menschen dazu bringt, ihre Gewohnheiten grundlegend zu ändern. Die Erkenntnisse, die er und seine Kollegen dabei gewonnen haben, fließen regelmäßig in Empfehlungen ein, wie man etwa bessere (und auch wirksame) Neujahrsvorsätze trifft, dauerhaft abnimmt oder ein besserer Mensch wird. Den effektivsten Weg, um seine Gewohnheiten zu verändern, aber sieht Aronson in einer Art auferlegter Scheinheiligkeit. Klingt komisch, lässt sich aber erklären: Es scheint nämlich so zu sein, dass Menschen, die das Gefühl haben, nicht nur eigenen Vorsätzen untreu zu werden, sondern dies auch öffentlich bemerkt wird, sich viel mehr einer Sache verschreiben und diese dann auch wirklich durchhalten.
Wie aber löste Aronson sein AIDS-Problem?
Um es vorweg zu sagen: Der Psychologe machte zunächst zwei Fehler und dann seine Sache richtig gut. Aber der Reihe nach. Nahezu reflexartig entschied sich Aronson als erstes für die Variante Abschreckung. Wie bei Anti-Raucher-Kampagnen dachte er, es sei eine gute Idee, seine Studenten mit möglichst schockierenden Bildern von AIDS-Kranken und Fakten über diese Krankheit aufrütteln. Er verteilte Flugblätter, hielt Vorträge über die Risiken von ungeschütztem Sex. Die Studenten waren anfangs auch tatsächlich geschockt. Dennoch stieg der Anteil derjenigen, die hernach beim Beischlaf ein Kondom benutzten wollten, nur von 17 Prozent auf 19 – also praktisch gar nicht.
Nun kam Aronson’s Plan B zum Einsatz: positive Konditionierung. Der Einsatz von Kondomen galt auf dem Campus als klassischer Liebestöter, eine unwillkommene Unterbrechung der ungezügelten Annäherung. Also dachte er sich: Wenn die Studenten Pornofilme sehen würden, in denen die Darsteller vorher mit Lust und Wonne Kondome überstreifen, ändert sich das. Also verlegte Aronson seinen Forschungsfokus in die Rotlichtszene, besuchte zwielichtige Videoverleiher, lieh sich zig Filme aus und blieb auf der Suche nach ein paar brauchbaren Kondom-Szenen. Er selbst sagt, dass das die härteste Forschungsarbeit seit langem gewesen sei: „Einen Pornofilm anzusehen, ist anregend; 50 davon schauen zu müssen, ist die Hölle.“ Aus lauter Frust entschied sich Aronson schließlich selbst zur Kamera zu greifen und einen solchen Streifen zu drehen. Forscher können im Dienste der Wissenschaft manchmal sehr opferbereit sein.
Er fragte ein Paar aus einem Schauspielspielkurs der Uni und drehte mit ihnen eine verhuschte 6-Minuten-Szene unter Milchglas, er wollte damit ja nicht wirklich Kasse machen. Wie abgesprochen fragte die Hauptdarstellerin mitten im Vorpsiel: „Und? Hast du es dabei?“ Der Hauptdarsteller holte daraufhin ein Kondom aus der Tasche, sie öffnete die Verpackung lasziv mit ihren Zähnen und stülpte ihm das Gummi über. Der Rest war so wie immer: Bang-Bang-Uh-Uh-Ah-Ah. Ein paar Stellungswechsel. Höhepunkt. Alles recht sexy, wie Aronson fand.
Aber umsonst. Der Streifen fiel beim Publikum durch. Die Zuschauer verstanden zwar die Botschaft, hatten danach aber allenfalls einmal geschützten Sex. Nachhaltig wirkte der Film nicht. Kondome galten auch weiterhin als kompliziert und abtörnend.
Erst jetzt wählte Aronson schließlich die dritte und erfolgreiche Variante: Er machte die Studenten zu Botschaftern. Genauer gesagt, warb er Studenten an, damit diese Videos drehten, die zum Beispiel Schüler über die Gefahren von AIDS aufklären sollten. Oder er ließ sie Vorträge halten, mit der Begründung, damit womöglich Leben zu retten. Kurzum: Er entwickelte eine Kampagne, bei der die Studenten eine Botschaft verkünden mussten, die sie selber so bisher gar nicht gelebt hatten. Wissenschaftlich ausgedrückt könnte man auch sagen: Er erzeugte bei seinen Probanden kognitive Dissonanzen. Zu Deutsch: ein schlechtes Gewissen. Und tatsächlich, es wirkte. Wer öffentlich für Kondome warb und gleichzeitig ungeschützt weitervögelte, kam sich heuchlerisch vor – und nutzte nun ebenfalls Kondome. Auch sechs Monate später, als Aronson seine Probanden noch einmal interviewen ließ, stellte sich heraus, dass bis zu 70 Prozent der Studenten, die etwa Aufklärungsvideos gedreht hatten, bei jedem Geschlechtsverkehr Kondome benutzten. Ein voller Erfolg.
Auch andere Studien bestätigen diese Ergebnisse. So konnte etwa der Psychologe Jeff Stone von der Universität von Arizona in Tucson nachweisen, dass Leute, die den Nutzen von Sonnencremes zum Schutz vor Hautkrebs öffentlich priesen, diese auch selber gewissenhaft einsetzten. Damit dieser psychologische Trick jedoch funktioniert, sind zwei Dinge essenziell: Die Menschen müssen glauben, dass ihre Botschaft (ihr Vorsatz, ihr Zweck) wirklich wichtig und richtig ist – und sie müssen spüren, dass ihre Heuchelei negative soziale Auswirkungen haben könnte. Andernfalls ist es ihnen ziemlich schnuppe.
Unterstützt werden diese Thesen übrigens auch von der Hirnforschung. Neurowissenschaftler verorten unsere Gewohnheiten heute im Kern unseres Gehirns, dem limbischen System. Wenn wir zum Besipiel neue Fähigkeiten und Verhaltensmuster erlernen, wird zunächst die Großhirnrinde aktiv. Dort sitzt die Zentrale für unser bewusstes Tun, was man auch am Computertomografen wunderbar beobachten kann. Je mehr wir diese aber üben und dabei erfolgreich sind, desto mehr verselbstständigt sich dieser Prozess und die Hirnsignale wandern immer tiefer ins Hirninnere – bis sie sich schließlich als Routine im limbischen System festsetzt haben. 95 Prozent unserer täglichen Entscheidungen erreichen unser Bewusstsein gar nicht, hat der Harvard-Professor Gerald Zaltman herausgefunden. Wir schalten dann praktisch um auf Autopilot.
Meine Kollegin Jenny Niederstadt, die sich mit den Vor- und Nachteilen von Gewohnheiten gerade in der aktuellen WirtschaftsWoche beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass es deshalb auch nichts bringt, im Job mit Appellen und Aufklärung Routinen zu Leibe zu rücken. Sparpläne und Modernisierungsprogramme können noch so überzeugend sein, unser gewohntes Verhalten erreichen Argumente nicht – es entzieht sich schlicht unserem Verstand.
„Unsere Persönlichkeit setzt uns enge Grenzen“, sagt etwa auch der Neurowissenschaftler Gerhard Roth. „Veränderungen sind nur im Zentimetermaßstab möglich.“ Für den Alltag heißt das: Der Wandel gelingt nur in kleinen Schritten, aus denen neue Gewohnheiten werden müssen. Mit Routinen ist es ein bisschen so wie mit Suchmaschinen-Einträgen: Die schlechten kriegt man aus dem Google-Cache so schnell nicht raus, man kann sie nur durch andere, bessere verdrängen. Ist der erste Schritt aber erst gemacht, folgen weitere meist von ganz allein. Das hat der US-Psychologe Roy Baumeister herausgefunden.
In seinem Experiment wollte er, dass seine Studenten künftig gesünder lebten. Doch statt lange Vorträge über gesunde Ernährung zu halten, ließ er sie lediglich zwei Monate lang Hanteln stemmen. Effekt: Die Teilnehmer waren danach nicht nur fitter, sondern aßen auch gesünder, tranken weniger Alkohol, studierten gewissenhafter und räumten zu Hause sogar häufiger auf. Baumeister’s Fazit: Wer einmal angefangen hat, bewusst auf nur eine Gewohnheit zu achten, achtet auch auf sein restliches Verhalten.
Deshalb: Vergessen Sie Schockbilder, drehen Sie keine Pornos! Werden Sie lieber Prediger für Ihre gute Sache – und benutzen Sie Kondome!
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1. Kommentar
Christopher
11.08.09 um 01:29 Uhr
Kaum zu glauben dass man mit kognitiven Dissonanz das verhalten und die Gewohnheiten verändern lassen. Bis jetzt habe ich nur gelesen, dass kognitive Dissonanz dazu dient die eigene Meinung bzw. Gewohnheit zubehalten und andere davon zu überzeugen, dass das gut so ist. Wie beispielsweise beim Rauchen. “ich rauche doch nur 4 Stuck am Tag” oder ähnliches .
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