Liebe Leser, vor einer Woche habe ich den RSS-Feed dieses Blogs gekürzt. Anlass waren die inzwischen zahlreichen Content-Piraten, die das kostenlose Angebot dieser Seite auch noch dazu nutzen, um sich daran persönlich zu bereichern. Sie republizieren den Feed auf ihrer Seite – was nebenbei bemerkt illegal ist – und platzieren drum herum auch noch Anzeigen. Macht man diese Nassauer auf ihr Treiben aufmerksam, werden diese Menschen oft noch frech:

“Eigentlich müssten Sie mir dankbar sein, ich mache schließlich Werbung für Ihr Blog!” Oder: “Ich weiß gar nicht, was Sie wollen: Die Quelle wird doch genannt!” Oder: “Der RSS-Feed ist doch öffentlich – also was soll der Terz?” All das durfte ich mir schon anhören. Von Unrechtsbewusstsein jedenfalls keine Spur.


Um den Piratensumpf auszutrocknen, entschied ich mich also, den Feed zu kürzen, ihn zum Beklauen unbrauchbar zu machen – zumindest für die Naiven und Piraten-Novizen. Es gab dazu eine teils heftige Diskussion hier im Blog – und auch ein paar Reaktionen, die mich gewundert aber auch einiges gelehrt haben. Zusammengefasst stellt sich die Sache für mich so dar:

  • Sicherlich nicht ganz zu unrecht haben einige darauf hingewiesen, dass es längst Online-Tools gibt, mit denen sich auch verkürzte Feeds vollständig lesen lassen. Die könnten Piraten ebenso nutzen. Wizzardrss ist so ein Tool. Fulltextrssfeed auch. Allerdings ist es auch so, dass diese Tools nur funktionieren, solange die dazugehörigen Seiten laufen. Und die werden auch schon mal wegen Überfüllung geschlossen. Hinzu kommt: Längst nicht alle Piraten sind so versiert – und wer solche Tools nutzt, tut dies mit Vorsatz. Was die Sache bei Entdeckung juristisch definitiv teuer macht.

    Erstaunlicher aber fand ich, dass mancher Abonnent, der diese Tools kennt, dennoch sein Feed-Abo kündigen wollte. Gewiss, das ist sein gutes Recht und jeder soll machen, wie er meint. Es zeigt aber auch, wie im Web teilweise argumentiert wird: mit Drohgebärden auf dramaturgisch hohem Niveau, aber zuweilen auch inkonsequent. Entweder ich bin davon überzeugt, dass diese Tools Kürzungen problemlos umgehen – dann nutze ich sie eben auch – oder ich bin es nicht. Dann aber ist das Argument, Piraten könnten so die Sperre leicht umgehen, nicht logisch.

    So oder so: Man kann es (im Netz) nie allen recht machen. Dafür sind die individuellen Vorlieben und Nutzungsgewohnheiten zu unterschiedlich. Deshalb sollte man sich auch nicht von jeder Kritik beirren lassen – auch wenn die Wellen gerade hoch schlagen.
  • Ebenfalls tauchten Vorwürfe bis Unterstellungen auf, dies alles diene nur einem Zweck: Leser auf die Seite locken, Klicks generieren, mehr Geld verdienen. Mal abgesehen davon, dass ich im Verlauf der Diskussion jedem angeboten habe, obige Tools per Mail zu nennen, sodass der RSS-Feed für rechtschaffende Abonnenten auch weiterhin voll nutzbar ist, scheint mir hier ein generelles Missverständnis vorzuliegen: Ich schreibe dieses Blog in erster Linie, weil es mir Spaß macht und weil ich Social Media faszinierend finde und darin ein großes Veränderungspotenzial für die Gesellschaft sehe. Natürlich blogge ich auch, um besser über Social Media berichten zu können und weil ich lieber vorne mit dabei bin, als hinterher zu trotten. Überdies nutzen dieses Angebot inzwischen rund 8000 Leser am Tag, dazu noch rund 5000 RSS-Abonnenten, 3500 Facebook-Fans und knapp 10.000 Twitter-Follower. Viele haben mir schon geschrieben, dass sie mithilfe der Empfehlungen berufliche Vorteile hatten oder im Bewerbungsprozess bestanden und ihren Wunschjob bekommen haben. Das freut mich sehr und macht mich auch ein wenig stolz.

    Aber – und das ist die Kehrseite: Das Engagement kostet mich auch was. Freizeit vor allem. Geld aber auch: Server müssen gemietet werden, mit zunehmender Leserschaft immer größere, die Software muss regelmäßig gewartet und aktualisiert werden, Gastautoren und Praktikanten betreut, letztere sogar bezahlt werden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich beschwere mich nicht, ich habe mich dazu entschieden, freiwillig. Aber ich verstehe die Anspruchshaltung nicht, die manche daraus ableiten. Und ich kritisiere das, weil ich es für eine andere, gefährliche Art des Schmarotzens halte. Ja, diese Seite finanziert sich durch Werbung, das ist offensichtlich. Aber es kann nicht richtig sein, dass mich jene für meine Wehrhaftigkeit beschimpfen (oder sich mit einem rotzigen “Und tschüss!” verabschieden), die diese Seite seit geraumer Zeit (und mit persönlichem Gewinn) nutzen ohne dafür je einen Cent bezahlen zu müssen, statt dieselbe Energie zu nutzen, um sich gemeinsam gegen Piraten zu wehren, die solche freien Angebote gefährden.

    Ich wundere mich, dass sich so wenige Gedanken über die Kosten solcher Seiten machen. Nur weil ein Autor seine Inhalte verschenkt, sind sie doch nicht kostenlos. Haben Inhalte heute nur noch einen Wert, wenn man sie nebenbei gratis mitnehmen kann? Und ist einem dieses freiwillige und großzügige Angebot nicht mal mehr einen Hauch Dankbarkeit oder ein Miniopfer wert? Ich halte das für eine ungesunde Entwicklung im Internet, fand dies eine unschöne Erfahrung, und gebe offen zu, dass ich den Verlust solcher Leser nicht bedauere. Ich selbst unterstütze gute Blogs wo und wie ich kann – etwa, indem ich sie flattere oder zumindest ab und an auf deren Werbebanner klicke. Und wenn ich sehe, dass jemand deren Inhalte klaut, maile ich das dem Betreiber. Dank persönlichem Engagement und Werbung gibt es heute viele gute Seiten im Netz. Das bereichert auch mich. Um das zu erhalten, unterstütze ich die Macher gerne. Alles andere, finde ich, ist eher ausnutzen als nutzen.
  • Ich kenne natürlich all die vergangenen Diskussionen um verkürzte oder Vollfeeds. Die Argumente pro und contra liegen in der Waage, eher sprechen sie allgemein sogar für eine Verkürzung, zumindest bei jenen Seiten, die sich allein aus Bordmitteln tragen müssen. Einem geschenkten Gaul und so… Zudem möchte ich das alles noch einmal in Relation setzen: Ich entschied mich, den RSS-Feed zu verkürzen, nicht abzuschaffen. Noch immer gab und gibt es die Überschrift und den Vorlauftext, um zu entscheiden, ob man den ganzen Artikel lesen will oder eben nicht. Es geht also letztlich um einen Klick mehr oder weniger. Ein Klick, eine Entscheidung mehr. Im Verhältnis zu anderen Seiten, die schon aus fünf Bulletpoints eine klickbare Bildergalerie machen und Artikel von mehr als 5000 Zeichen in mindestens drei Teile zerhacken, ist das eigentlich wenig verlangt.

    Umso erstaunlicher war, dass die Abonenntenzahlen anfangs gestiegen sind. Trotz der Kürzung nahmen die Abos zu, binnen drei Tagen um 300 Leser. Ich weiß nicht, ob es Schaulust war, Neugier oder eine charmante Art zu sagen Ich unterstütze dich. Ich kann es mir jedenfalls nicht erklären. Inzwischen sind sie wieder gesunken, jedoch nur minimal. Damit hatte ich gerechnet. Ich bewerte es aber auch als wertvolle Konzentration auf jene Leser, die mich auch dann noch lesen wollen, wenn es sie einen Klick mehr kostet. Ihnen allen sage ich: Danke!

Die vergangene Woche fand ich daher in vielerlei Hinsicht aufschluss- und lehrreich. Trotzdem ist noch einiges hinter den Kulissen passiert. So haben mich einige treue und mir persönlich bekannte Leser sowie enge Freunde angemailt und angerufen, die die Karrierebibel schon lange lesen, auch und vor allem mobil. Sie sagten, sie verstehen meine Entscheidung, sie unterstützen das, bleiben mir treu, so oder so. Aber sie haben mich auch darauf aufmerksam gemacht, dass das Tool zum Kürzen offenbar nur unzuverlässig funktioniert ($#*%§§@!!!). Und sie haben mir aktive Unterstützung gegen RSS-Diebe zugesagt (darunter sind auch Juristen). Weil ich daran glaube, dass genau dieser Gedanke das “Netz” ausmacht und trägt, weil ich mich habe überzeugen lassen, dass vor allem Android-Nutzer auf einen ungekürzten Feed angewiesen sind (für die Apple-Nutzer gibt es demnächst sowieso eine Überraschung), habe ich meine Entscheidung der vergangenen Woche noch einmal überdacht und mich überzeugen lassen. Der langen Rede kurzer Sinn:

Der RSS-Feed ist wieder im vollen Umfang abonnierbar.

PS: Bevor jetzt einige unterstellen, das sei nur Gefasel und letztlich eine monetäre Entscheidung… Denkste! Die Leserzahlen hier steigen kontinuierlich – auch in der vergangenen Woche. Und selbst wenn nicht: Es wäre mir egal. Geld hat dabei noch nie eine Rolle gespielt, allenfalls für jene, denen selbst geschenkt noch zu teuer ist.