Was für ein Gefühl! Man betritt den Raum, eine reale oder virtuelle Bühne, und alles Reden wird stumm. Die Leute merken auf, schauen voller Bewunderung: Ist das nicht…? Sie inhalieren jedes Wort, das man spricht, verinnerlichen jede Zeile, die man schreibt, interpretieren jedes Bild, das man malt. Sie behandeln einen bevorzugt, umschmeicheln einen, bejubeln einen. Wenigstens 15 Minuten lang, wie es Andy Warhol einst so trefflich prophezeite.

Die meisten Menschen wären gerne berühmt. Sie sehnen sich nach Reputation und Popularität, nach Zuwendung und Aufmerksamkeit – oft noch mehr als nach Macht oder Geld. Wir leben in einer Zeit, die zunehmend zwischen den Jemands und den Niemands unterscheidet. All das sind Statusspiele, gewiss. Aber neuerdings solche mit enorm gesellschaftsverändernder Wirkung.

lugenNatürlich haben die Menschen schon immer denkwürdige Dinge getan, um vom Niemand zum Jemand zu mutieren: Sie erzählen von ihren sexuellen Ausschweifungen im Fernsehen, schreiben Befindlichkeitsblogs oder lassen sich in kameraüberwachte Container einsperren. Sie schönen ihre Bilanzen, handeln waghalsig mit zweifelhaften Finanzderivaten oder brüsten sich mit Erfolgen, die es nur auf dem Papier gibt. Prominent zu sein kann ein mächtiger Motor sein. Jedoch einer, der durch das Internet neuerdings unter verbesserter Oktanzahl dreht.

Googlablity und Persoanl Branding haben die Bedeutung von Rang und Namen im Netz erst geschaffen und sorgen nun für einen sich selbst verstärkenden Effekt. Aus dem Bonmot „Es geht nicht darum, was du weißt, sondern wen du kennst“ hat das Web längst eine neue Ableitung geformt. Sie lautet: „Es geht nicht darum, wen du kennst, sondern darum, wer dich kennt.“

managerreputationMan muss dabei ja nicht gleich so weit gehen wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der bereits ein „Zeitalter des Self-Design“ heraufziehen sieht, eine Phase, in der es wichtiger sein wird, sein Selbst zu erschaffen, als sich zu entdecken. Doch genau das ist das Problem: In einer Welt, in der Arbeitnehmer nur so bekannt und erfolgreich sind wie ihr jüngstes Projekt, wird der Aufbau einer digitalen Referenz, einer nachhaltigen Eigenmarke essenziell für das berufliche Fortkommen. „Heute ist jedes Individuum eine Art Ich-AG“, sagt etwa Reid Hoffman, Mitgründer von LinkedIn. „Mit jedem Arbeitgeber und Kunden, für den man arbeitet, baut man sein Geschäft, seine Kontakte und Fähigkeiten aus. Selbst wenn man drei oder vier Jahre für einen Arbeitgeber tätig ist, identifiziert man sich nicht mehr so stark. Es ist wichtiger, die eigene Marke aufzubauen und zu pflegen.“

Raus aus dem Ghetto

Ruhm, wenigstens aber Sichtbarkeit, versprechen künftig nicht nur ein höheres Einkommen, sondern auch ein mögliches Entkommen aus jedweder Art von Ghetto, in dem wir uns befinden – dem realen ebenso wie den virtuellen oder gedanklichen. Prominenz bildet ein wirksames Bollwerk gegen potenzielle Demütigungen, und je mehr Ansehen wir genießen, desto mehr Neider müssen wir zwar fürchten aber auch desto weniger Leute, die es wagen uns und unser Tun infrage zu stellen. Überdies sind Anerkennung und Aufmerksamkeit die besten Gegenmittel gegen all die Zweifler und Lästerer auf unserem Weg aus dem Niemandsland. Schon Frank Sinatra sinnierte einst: „Die beste Rache ist massiver Erfolg.“

Diesen Drang herauszuragen, gibt es überall. Es gibt Studien in Deutschland wie in China, die zeigen, dass etwa 30 Prozent der Erwachsenen regelmäßig davon träumen, berühmt zu sein; 40 Prozent würden sich sogar mit einem kurzweiligen Popularitäts-Intermezzo begnügen. Bei Teenagern liegen die Zahlen wenig überraschend noch höher. Und für eine kleine Gruppe ist es der scheinbar einzige Weg, ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Warum das so ist und welche Menschen danach streben, ist bisher nicht intensiv erforscht. Sicher ist nur: Menschen, die sich wünschen, auf offener Straße erkannt und bewundert zu werden, suchen nach sozialer Sicherheit und Weihe, weil sie selbst unter starken Selbstzweifeln leiden. Wer nach Ruhm strebt – und sei es nur nach postmortalem –, der fürchtet sich meist unterbewusst vor der Vergänglichkeit des Seins und dem damit einher gehenden Verfall des Selbstwerts. Ein wenig Glanz und Glorie verschaffen da zumindest die Illusion von Unsterblichkeit.

Der neue Rassismus

Rolltreppe2Dabei bilden wir gleichzeitig – ob bewusst oder unbewusst – neue Formen von Rangordnungen. Wenn uns etwa Fremde begrüßen und fragen: „Und? Wer sind Sie? Was machen Sie so beruflich? Was haben Sie studiert?“, dann schwingt darin immer auch der Versuch mit, uns sozial einzustufen – unsere Macht, unseren Status, unseren Intellekt.

Aber auch im Netz sind haben sich längst solche Rangstufen gebildet. Sie äußern sich in Trafficzahlen auf der eigenen Webseite, im sogenannten Pagerank, aber auch in der Anzahl unserer Facebook-Freunde oder Follower auf Twitter. Und ich muss gestehen, dass ich inzwischen einige Bekannte habe, die etwa Gespräche damit einleiten, dass sie vergangene Woche die 1000-Follower-Marke übersprungen hätten oder sich nur mit mir unterhalten, weil mein Blog oder mein Twitter-Profil vermeintlich so prominent wären. Aber mal ehrlich: Was sind 3000, 5000, 10.000 Verfolger verglichen mit 80 Millionen Bundesbürgern oder gar mit zehn ebenso realen wie wahren Freunden? Eben.

Die große Gefahr, die darin steckt ist, dass diese Ranglisterei in eine Art modernen Rassismus mündet, eine soziale Dysfunktion, die die Gesellschaften global durchrütteln wird – nicht nur zum Besten. Im Grunde gibt es nur zwei Arten darauf zu reagieren: Wir können der Ranglisterei als sozial unerwünschte Entwicklung die Legitimation entziehen – so wie es etwa die Afro-Amerikaner mit dem Rassismus in den USA oder die Schwulenbewegung weltweit mit dem Sexismus getan haben. Oder aber wir leben damit und versuchen einen Flecken Erde im neuen Jemandsland zu besiedeln.

Mitspielen im Reputations-Lotto

YouWinAllerdings warne ich vor allzu hohen Erwartungen oder übertriebenem Eifer. Nach Ruhm zu streben ist wie Lottospielen: Alle können mitmachen – aber nur wenige gewinnen. Und nicht zuletzt hat Ruhm auch etwas enorm zerstörerisches. Elvis Presley, Marilyn Monroe, Princess Di oder Michael Jackson wurden zuerst vergöttert, dann von dem Wirbel um sie als Zelebrität aufgefressen.

Ruhm macht nicht einmal glücklich. 1996 veröffentlichte Richard M. Ryan von der Universität Rochester eine Umfrage unter rund 100 Erwachsenen, bei der diese unter anderem nach ihren Werten und Zielen gefragt wurden. Diejenigen, sich vor allem darauf konzentrierten von anderen anerkannt zu werden, waren deutlich unglücklicher als jene, die mit sich zufrieden waren und für Freundschaften interessierten. Zahlreiche Folgestudien bestätigen das Ergebnis: Wer sich auf so flüchtige Dinge wie Ruhm konzentriert und damit vom Urteil anderer abhängig macht, wird nicht zufriedener und freier, sondern das genaue Gegenteil. Und selbst diejenigen, die es geschafft haben im Rampenlicht zu stehen, berichten immer wieder vom Erfolg, der seine Kinder frisst. Vom öffentlichen Druck, den die Aufmerksamkeit erzeugt und dem eigenen Anspruch, diesem öffentlichen Idealbild standzuhalten und seine Fans nicht zu enttäuschen.

buhneUnd mal ehrlich: Oft bewundern wir berühmte Menschen nur deshalb, weil sie etwas geschafft haben, was wir glauben, selbst nie schaffen zu können. Deswegen meinen wir dann, dass berühmte Menschen etwas Besonderes wären. Oder besonders interessant. Oder beides. Oft aber sind sie das alles nicht. Sie sind nur bekannter.

Ruhm ist vergänglich, er kommt und geht völlig unberechenbar, und seine positive Wirkung auf Menschen ist mehr als zweifelhaft. Das Anhimmeln von außergewöhnlichen Menschen, die vermeintlich etwas haben, was wir selbst nie haben werden, liegt zwar in der Natur des Menschen. Es aber auch eine seiner dämlichsten Eigenschaften.