Gibt es überhaupt Fehler? Oder sind es eher Lernchancen, die einem das Leben schenkt? Zugegeben, eine höchst philosophische Frage. Aber so wie man sie beantwortet, so geht man durchs Leben – wie bei der Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.
Trotzdem ändert das nichts daran, dass Lernerfolg meist vom Zustand heftigen Stolperns, Herumeierns und des freien Falls begleitet wird. Da wagt man einmal was, baut etwas auf, erfindet ein Produkt oder startet ein Projekt – und die Reaktion darauf: Die Kunden hassen es, die Familie schüttelt den Kopf und der Chef schmeißt einen raus. Na, Danke! So geht das zuweilen, wenn aus Träumen erst Realitäten werden, bevor sie sich in Schäume und Scham auflösen.
Von Henry Ford (ja, der mit den Autos) stammt das schöne Bonmot: “Fehler sind die wunderbare Gelegenheit neu anzufangen – nur intelligenter.” Vermutlich war sein Glas auch immer halb voll. Aber er bringt es damit auf einen wichtigen Punkt: Er blickt nicht nach hinten, auch nicht in die Gegenwart, sondern nach vorn. Mehr noch: Er schämt sich seiner Fehler nicht, sondern begreift sie als wichtige Etappe, ohne die er nie weiterkommen würde.
Viele können das nicht. Sie blicken nur auf das Schlechte, die Schmach und Schande: Ich habe etwas falsch gemacht, ich bin nicht gut genug. Nichts kann ich richtig… Scham kann Seelen paralysieren, ja sogar zerstören. Die Dichterin Margery Eldredge Howell schrieb dazu einmal: “Es liegt viel Erhabenheit im Leiden und Noblesse im Erdulden von Schmerz, aber zu scheitern ist wie eine gesalzene Wunde, die brennt und brennt.”
Die schlimmsten Fehlermacher sind die Nelsons dieser Welt
Nicht wenige Menschen reagieren völlig panisch, wenn sie beispielsweise einen Fehler im Internet gemacht haben: Oh weh, mein guter Ruf! Millionen blicken jetzt auf mich und sehen meinen Fehler! Alles Quatsch. Manche Fehler sind nicht der Rede wert, und für andere reicht ein simples Entschuldigung. Fertig. Ganz ehrlich: Ich hab auch schon Mist gebaut und einige Leser haben das vielleicht sogar mitbekommen. Na und?! Interessiert das heute noch irgendeinen? Und selbst wenn: Ist mein Leben deshalb anders verlaufen? Mitnichten. Ich habe noch immer dieselben besten Freunde, dieselbe wunderbare Familie, und die Karrierebibel gibt es auch noch.
Tatsache ist nämlich: Alle machen Fehler. Nobody is perfect. Ganz besonders nicht die Nelsons dieser Welt, die dann immer gerne auf die Fehler der anderen zeigen, “Ha-ha!” rufen und sich bei irgendeinem Scheißwettersturm im Web zum Wolkenmacher aufschwingen. Leider haben viele Menschen noch immer nicht mitbekommen, dass nicht Schuld die Welt zu einem besseren Planeten macht, sondern Vergebung.
Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen will: Brechen Sie aus aus dem zerstörerischen Zirkel der Scham-Selbstsabotage. Denn wer nichts wagt, der macht genauso Fehler – womöglich sogar den größten seines Lebens.
Ja, mancher Fehler haben Konsequenzen. Auch solche, die richtig wehtun und noch lange nachhallen. Lernen sie dennoch daraus und seien Sie künftig gnädiger – mit anderen, aber vor allem mit sich selbst.
Fehler sind Lernchancen
Ich selbst habe mal einen Vortrag gehalten, der war richtig grottig. Die Location hat mir schon nicht gefallen: Es gab keine richtige Bühne, nur eine Kiste auf die ich steigen musste. Es war laut, viel zu laut, die Menschen standen weit verzweigt in den Räumen, und sie hatten viel mehr Lust auf Smalltalk als auf mein Gerede über Social Media. Ich eigentlich auch. Man spürt so was sofort: Du steigst auf dein Podest, redest los, aber bekommst null Verbindung zum Publikum. Kein Gag zündet. Kein Feedback hallt zurück. Nur Husten. Dann spult man nur noch ab und versucht zu kürzen, um das Fiasko für beide Seiten möglichst schnell zu beenden. Der Gastgeber bedankt sich hinterher artig – und doch wissen beide: Das war gelogen, das Ding war Scheiße pur. Schöner lässt sich das nicht umschreiben.
Aber: Das kommt vor. Und ich kenne keinen Redner, der von sich ehrlich sagen kann, er habe noch nie einen Vortrag versemmelt. Passiert. Erst wenn es zur Serie wird, ist es ein bedenklicher Trend. Vorher aber war es eine wunderbare Lernchance, die einem das Leben schenkt.
Ich zum Beispiel werde nie wieder in einem überfüllten Edel-Restaurant auf eine Kiste steigen, um vor Bankern über Personal Branding zu reden. Ich kann jedenfalls davon nur abraten…
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