Es gibt Momente, da würde man am liebsten… Genau! Sagen Sie jetzt nichts. Seiner Wut und Aggression freien Lauf zu lassen, wirkt im Job immer recht unprofessionell und unsouverän. Und sympathischer machen einen die vielen Kurzwörter, die wir hier aus Rücksicht auf sensible Lesern nicht notieren, auch nicht wirklich, allenfalls menschlicher. Aber wie sollte man dann mit dem Frust und Ärger umgehen – insbesondere dem der anderen? Was, wenn der Kollege aus der Haut fährt, schimpft und schnaubt und das Fremdschämen schon zur physischen Qual wird?

Ein Team um Deanna Geddes von der Temple Universität und Lisa Stickney von der Universität in Baltimore haben sich der Frage etwas genauer angenommen und dazu eine Studie mit knapp 200 Probanden durchgeführt. Dabei betonen die Autorinnen allerdings zunächst, was wir freilich ohnehin ahnen: Ärger am Arbeitsplatz schadet gleich in zweifacher Weise: den Betroffenen selbst, weil die sich dann nicht mehr auf ihren Job konzentrieren können und eine Weile brauchen, um wieder runterzukommen; der Organisation, weil der Tobsuchtsanfall und Frust früher oder später ansteckend wirken. Und dann arbeiten auch die anderen nicht mehr, sondern regen sich nur noch auf.

Also bat das Forscherduo die Versuchsteilnehmer sich an diverse Momente zu erinnern, wenn Kollegen so richtig ausrasteten – schreien, schimpfen, physische Gewalt (gegen Gegenstände) inklusive. Ebenso baten sie diese, ihre eigenen Gefühle dabei zu reflektieren. Vor allem aber im Zusammenhang mit der eigenen Reaktion darauf. Dabei stehen einem grundsätzlich drei Optionen zur Wahl:

  1. Gar nichts tun und den Wüterich austoben lassen.
  2. Den Kollegen auf sein unangebrachtes Verhalten ansprechen, maßregeln und im Extrem mit Sanktionen drohen.
  3. Verständnis zeigen.

Entspann dich!

Jemandem zu sagen, er solle sich beruhigen oder “entspannen”, verbessert übrigens nichts – im Gegenteil: Es ist eine weitere Provokation. Denn tatsächlich sagen Sie so im Subtext: Du bist unentspannt, also falsch drauf. Eine persönliche Abwertung – die nie deeskalierend wirken kann.

Die meisten neigen zu Reaktion 1 – bloß nicht einmischen, sonst gerät man am Ende noch in die Schussbahn! -, denken aber innerlich an Reaktion 2: “Der soll endlich aufhören, ist ja peinlich!” Doch, wie die Forscherinnen feststellten, am effektivsten wirkt Reaktion Nummer 3. Wenn einer die Contenance verliert, hilft man sich selbst und dem Kollegen am besten, indem man auf denjenigen eingeht, Motto: Du bist nicht alleine. Denn was tatsächlich oft hinter dem Ausraster steckt, ist das kurzfristige Gefühl von Ohnmacht. Zuerst spürt man, dass man die Dinge selbst nicht mehr kontrollieren kann, dann verlieren die Betroffenen auch noch die Selbstbeherrschung. So jemandem hilft es enorm, wieder in die Spur zurückzufinden, wenn er spürt, eben doch nicht so allein zu sein.

Eine Binse, gewiss. Aber eine, die selten umgesetzt wird. Und natürlich gibt es bei solchen Wutanfällen auch Grenzen. Wer dabei seinen Computer zu Klump schlägt oder gar auf Kollegen losgeht, der wird auf verbale Streicheleinheiten kaum noch reagieren. Und tolerabel ist das sowieso nicht mehr. Aber irgendwo dazwischen, in der sehr breiten Grauzone, da helfen Verständnis und Empathie mehr als die beiden Pole schweigende Toleranz und Nulltoleranz.

Davon abgesehen, dass Mitgefühl und miteinander reden auch der eigenen Befindlichkeit besser tun…