Schlechtes Gewissen
Den Anruf vom Chef verpasst, weil Sie gerade mit der Familie gegessen haben. Das Feierabendbier mit Freunden verpasst, weil Sie länger im Büro geblieben sind, um das Konzept fertig zu schreiben. Eigentlich müssten Sie überall gleichzeitig sein, um Ihrem Job und Ihrer Familie gerecht zu werden. Fast scheint es schade, dass man sich noch nicht klonen kann... Doch solange das nicht möglich ist, ist Ihr schlechtes Gewissen ein ständiger Begleiter. Wie ein Terrier hat sich das schlechte Gewissen in Ihrem Leben festgebissen. Gefüttert von Ihrem Pflichtbewusstsein, denn eigentlich müssten Sie gerade diese oder jene unglaublich wichtige Sache machen. Gibt es ein Entkommen?

Schlechtes Gewissen: Wie frei handeln wir wirklich?

Gerne behaupten wir Menschen, dass wir frei und selbstbestimmt sind. Wir glauben, dass wir das eigene Leben leben, so wie wir uns das wünschen. Doch wann genau ist das wirklich der Fall? Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, jonglieren wir täglich mit zahlreichen Pflichten:

  • Der Pflicht, den Job gut zu machen.
  • Der Pflicht, den Haushalt zu schmeißen.
  • Der Pflicht, sich um die Familie zu kümmern.
  • Der Pflicht, für Freunde da zu sein.
  • Der Pflicht, Kontakte zu pflegen.

Immer nur dreht sich alles um Pflichten. Diese Liste ließe sich schier unendlich weiterführen. An die Pflichten sind die eigenen Erwartungen und die Erwartungen des Umfelds gekoppelt. Die Angst, diesen nicht gerecht zu werden, sitzt drohend im Nacken. Das Gefühl jeden Termin im Blick zu haben, ständig erreichbar und verfügbar sein zu müssen, bestimmt das Leben.

Sitzen Sie sonntags noch gemütlich am Frühstückstisch, befinden Sie sich in Gedanken bereits bei der Vorbereitung einer Kundenpräsentation...

Wie sich ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle äußern

Wie schnell ein schlechtes Gewissen sich bemerkbar macht, hängt stark von der Persönlichkeit eines jeden einzelnen ab. Manch einer wähnt sich immer im Recht, trifft jeder einzelne seiner Entscheidungen voller Überzeugung, bereut keinen Schritt und ist somit auch mit seinem Gewissen im Reinen.

Andere merken ihr schlechtes Gewissen bereits, wenn sie einem Freund oder einem Kollegen eine Bitte ausschlagen müssen, weil sie neben den eigenen Aufgaben und Verpflichtungen nicht genügend Zeit haben, dieser nachzukommen. Wie genau der Körper darauf reagiert, wenn wir uns schuldig fühlen und fürchten, uns falsch verhalten zu haben, kann verschieden sein. Die einen klagen über Kopfschmerzen, anderen schlägt das Gefühl eher auf den Magen.

Neben den körperlichen Anzeichen äußern sich Schuldgefühle aber auch durch andere negative Verhalten:

  • Man macht sich Vorwürfe. Wer ein schlechtes Gewissen hat, verurteilt das eigene Vorgehen - unabhängig davon, ob er etwas dafür kann oder überhaupt eine echte Wahl hatte. Man nimmt sich die Situation sehr zu Herzen und zweifelt an den eigenen Fähigkeiten und Entscheidungen.
  • Man steht unter Druck. Ein schlechtes Gewissen will bereinigt werden - und zwar so schnell wie möglich. Dieser Druck führt dazu, dass man vorschnell handelt, ohne sich die weiteren Konsequenzen zu überlegen.
  • Man möchte es allen recht machen. Ein Wunsch, den viele ohnehin haben, der von Schuldgefühlen und dem Gewissen aber noch einmal verstärkt wird. Wir glauben, dass andere nun schlecht von uns denken und wollen zeigen, dass dies zu Unrecht geschieht.

Schlechtes Gewissen: Der treue Begleiter

 ra2studio/shutterstock.comHaben Sie dann doch vor lauter Arbeit den Geburtstag der Oma vergessen, plagt Sie das schlechte Gewissen. Es meldet sich jedes Mal zu Wort, wenn Sie unterbewusst der Meinung sind, Sie hätten etwas anders machen müssen. Schuldgefühle entstehen dadurch, dass Sie befürchten Ihre Pflichten vernachlässigt zu haben.

Das Gewissen ist der moralische Kompass eines Menschen. Im Laufe des Lebens wird es mit den Regeln und Werten der Kultur, in der wir leben, bestückt. Das Gewissen lässt den Menschen zwischen richtig und falsch unterscheiden und daraus ableiten, welche Handlungen ausgeführt und welche unterlassen werden sollen. Es warnt vor möglichen Fehlern und Dummheiten und erfüllt somit einen gesellschaftlichen Nutzwert.

Doch das schlechte Gewissen ist auch ein Spielverderber. Karsten Polke-Majewski schrieb in einem ZEIT-Artikel: Ich traue mir und meinem eigenen Urteilsvermögen nicht mehr über den Weg. Stattdessen lasse ich mich vom schlechten Gewissen treiben.

Für viele ist es kaum noch möglich, dem eigenen Gewissen zu entkommen. Bei jeder Entscheidung, jeder Tat ist es zur Stelle, um daran zu erinnern, an was man nicht gedacht hat und was man stattdessen besser hätte tun sollen. Eine Art der Selbstbestimmung, doch geleitet durch die Erwartungen von außen. Kurz und zugespitzt: Bestimmt das schlechte Gewissen Ihren Alltag zu sehr, macht es Ihr Leben auch weniger lebenswert.

Schlechtes Gewissen loswerden: Gute Tipps gegen das schlechte Gewissen

pathdoc/shutterstock.comEs ist kaum möglich, das schlechtes Gewissen ein für alle Mal loszuwerden. Früher oder später muss sich jeder einmal mit dem unangenehmen Gefühl auseinandersetzen, dass er etwas verbockt hat, das ihm nun auf der Seele liegt. Manchmal zurecht, oftmals plagt uns das schlechte Gewissen jedoch auch ohne wirklichen Grund - und genau dagegen können Sie etwas tun. Die folgenden fünf Tipps können Ihnen dabei helfen, Ihr schlechtes Gewissen besser zu kontrollieren:

  1. Machen Sie sich klar, dass Sie nicht perfekt sind.

    Immer an alles zu denken. Allen gerecht werden. Verlangen Sie da nicht zu viel von sich? Auch Sie sind nur ein Mensch. Und diese vergessen und machen Fehler. Nach Perfektion zu streben, macht unglücklich und setzt Sie unnötig unter Druck.

  2. Machen Sie sich klar, dass sich die Welt auch ohne Sie dreht.

    Besonders im Job entwickeln viele Arbeitnehmer ein überzogenes Verantwortungsgefühl. Sie fühlen sich allein verantwortlich dafür, dass der Laden läuft. Zum Teil sind Sie das auch, aber eben nur zum Teil. Trauen Sie Ihren Kollegen ruhig zu, dass diese alles im Griff haben. Dann können Sie auch Mal nicht verfügbar sein. Treibt Ihr schlechtes Gewissen Sie dazu, immer und überall erreichbar zu sein, gewöhnen sich Ihr Chef und Ihre Kollegen daran und nutzen das aus.

  3. Machen Sie sich klar, dass Ihr schlechtes Gewissen nur eine Orientierungshilfe ist.

    Lassen Sie sich von Ihrem schlechten Gewissen kritisieren, aber nicht tyrannisieren. Ihr Gewissen ist dafür da, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass etwas schief läuft. Doch Sie entscheiden, wann Sie zuhören. Manchmal müssen Sie einfach auf taub stellen. Treffen Sie Entscheidungen nicht nur aus einem schlechten Gewissen heraus, sondern weil Sie beispielsweise Lust zu etwas haben.

  4. Machen Sie sich klar, was im Hier und Jetzt passiert.

    Sie werden viel verpassen, wenn Sie nie den Augenblick genießen, sondern in Gedanken bereits woanders sind. Wenn Sie Zeit mit Ihrer Familie und Ihren Freunden verbringen, sollten Sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Natürlich ist das schwer, wenn im Job noch Aufgaben auf Sie warten. Allerdings brauchen Sie diese Auszeiten - und haben diese auch verdient.

  5. Machen Sie sich klar, dass es auch um Sie geht.

    Wer immer nur an andere denkt, der vergisst sich selbst. Gönnen Sie sich ein bisschen Egoismus. Fragen Sie sich hin und wieder: Was ist mir wichtig? Womit möchte ich meine Zeit verbringen? Dann erlauben Sie sich, genau das zu tun. Wünschen Sie sich beispielsweise ein gutes Buch zu lesen, schaufeln Sie sich die nötige Zeit dafür frei. In dieser Zeit können einige Ihrer Pflichten warten, ohne dass Sie sich schlecht fühlen müssen.

Schlechtes Gewissen: Schuldgefühle machen die besseren Mitarbeiter

Glaubt man der Studie von Scott S. Wiltermuth von der USC Marshall School of Business und Taya R. Cohen von der Carnegie Mellon Universität, können schlechte Gewissen für Unternehmen nützlich sein. Sie haben herausgefunden, dass Menschen, die Schuldgefühle haben, am Arbeitsplatz zu den verlässlichsten und fleißigsten zählen.

Sie übernehmen oft einen überproportional großen Anteil einer Aufgabe, haben ein größeres Arbeitsvolumen, verhalten sich moralischer und gewissenhafter als der Rest - und bei Gehaltsforderungen sind Personen, die zu einem schlechten Gewissen und Schuldgefühlen neigen zurückhaltender. Sie orientieren sich eher an Durchschnittswerten oder dem, was Sie glauben verdienen zu müssen.

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