Wer von Schwarmintelligenz spricht, kann eigentlich nur die Koordination meinen, die einem solchen Massenauflauf innewohnt. Ein Schwarm Wanderheuschrecken zum Beispiel ist nicht nur eine äußerst furchteinflößende Erscheinung (vor allem, wenn man eine Pflanze ist), sondern zweifellos auch eine faszinierende. Zumal wenn man sich fragt, wie diese Ansammlung von Millionen verhältnismäßig dummer Insekten es schafft, sich so zu organisieren, dass es einerseits wenige Crashs und andererseits so was wie eine halbwegs gemeinsame Richtung gibt.

Forscher haben herausgefunden, dass dies im Wesentlichen auf drei Prinzipien beruht:

  1. Abstoßung: Jedes Tier versucht wenigstens einen Zusammenstoß mit anderen zu vermeiden.
  2. Ausrichtung: Jeder versucht sich an der durchschnittlichen Richtung seiner unmittelbaren Nachbarn zu orientieren.
  3. Anziehung: Jeder bewegt sich auf die durchschnittliche Position seiner Nachbarn zu.

Das klingt simpel und ist es auch. Und es funktioniert. Das haben einerseits Computersimulationen mit sogenannten Boids gezeigt. Die drei Prinzipien lassen sich aber auch auf jeder gut gefüllten Einkaufsmeile an einem Samstagvormittag oder im Bauch eines Bahnhofs beobachten. Irgendwie versucht jeder, mit keinem zusammenzustoßen, passt sich in Tempo und Richtung seiner Umgebung mehrheitlich an, sodass am Ende eine Art Einbahnstraßensystem für Fußgänger entsteht. Das ist spannend zu beobachten, aber nicht sehr intelligent.

Denn diese Massen lassen sich leicht verführen. Stanley Milgram, einer der wohl berühmtesten Verhaltensforscher des vergangenen Jahrhunderts, hat das in seinen teils amüsanten, teils beängstigenden Experimenten immer wieder gezeigt. Eines davon stammt aus dem Jahr 1969. Damals schickte Milgram ein paar Assistenten in New Haven, Connecticut, auf eine stark frequentierte Straße und ließ sie ein Fenster weit oben in einem wahllos ausgewählten Gebäude anstarren. Sie werden sich sicher denken, wie das endete: Als nur einer der Mitarbeiter scheinbar interessiert nach oben blickte, hielten etwa 40 Prozent der Passanten an und gafften ebenfalls nach oben. Waren es schon zwei Mitarbeiter, stieg der Anteil der Mitgaffer auf stolze 60 Prozent. Bei fünf Mitarbeitern hielten sogar 90 Prozent der Passanten an und glotzten ebenfalls dorthin, wo es nichts zu sehen gab.

Sie schmunzeln über die lustige Szene, die auch aus „Verstehen Sie Spaß“ stammen könnte. Den Wissenschaftlern aber gab es einen wichtigen Hinweis darauf, dass es in Gruppen so etwas wie einen oder mehrere versteckte Anführer geben kann.

Es ist ja nicht so, dass es in New Haven besonders viele naive Straßenbummler gäbe. Als das Experiment etwa in Sidney wiederholt wurde, fielen auch die Australier in annähernd ähnlichen Verhältnissen auf die Lockvögel herein. Von Lao-Tse stammt das schöne Bonmot: „Ein Führer ist dann am besten, wenn ihn die Menschen kaum bemerken. Wenn die Arbeit getan und sein Ziel erreicht ist, dann sagen sie: Wie haben es selbst vollbracht.“ Stimmt aber eben nicht immer. Schon wenige Menschen, die sich koordiniert in einem Schwarm bewegen, können diesen massiv beeinflussen.

Ich habe das selbst einmal erlebt. Es war erst vor kurzem auf der Internet-Konferenz re:publica. Zwischen zwei Veranstaltungen standen mehrere Gruppen vor dem Hauptsaal im Friedrichstadtpalast und erfrischten sich an der Bar mit Bier und Brezeln. Alle unterhielten sich gut, es wurde viel gelacht, gestikuliert, keiner achtete auf die Uhr. Irgendwann hatte einer ausgetrunken und aufgegessen, nahm seinen Laptop und ging schnurstracks in den Saal. Zwei, drei andere folgten im beherzt und ähnlich zackig. Und ohne, dass einer die Glocke geläutet oder Anweisungen gegeben hätte, schlossen sich immer mehr der Bewegung an, tranken zügig ihr Bier aus, schlangen die Brezel herunter und machten sich ebenfalls sofort auf die Suche nach einem Sitzplatz (obwohl es davon mehr als genug gab). Ich übrigens auch.

Der Witz war: Allesamt waren wir rund zehn Minuten zu früh dran. Wir hätten also ruhig noch stehen bleiben und unser Glas in Ruhe austrinken können. Aber diese vier „Anführer“, die vermutlich nicht einmal welche sein wollten, leiteten einen ganzen Schwarm. Zufällig. Aber effektiv.

Man muss also gar nicht unbedingt ein Alpha-Tier oder eine ausgewiesene Führungskraft sein. Oft reichen schon ein klares Ziel, wenige Unterstützer und eine gute Portion Chuzpe, um Teams zu führen. Der Rest hat dann mit Intelligenz relativ wenig zu tun. Naja, vielleicht nur ein bisschen.