Panik kam auf. Am 21. Mai 1968 verlor die US Navy den Kontakt zu einem ihrer Atom-U-Boote im Nordatlantik, der USS Scorpion. War es aufgelaufen? Leck geschlagen? Explodiert? Vor allem aber: Wo war das Boot? Eine Suchaktion mitten im Atlantik wäre wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen geworden – die Navy hatte einfach zu wenige Informationen über Unglücksursache und letzte Position des Unterseebootes. Also bildete man ein Team aus Technikern, Offizieren, Navigatoren, die allesamt überlegten, was passiert sein könnte: Wie schnell das Boot gefahren ist? In welche Richtung? Wie tief es fuhr? Und so weiter. All diese Einzelmeinungen fasste man anschließend zu einem Mittelwert zusammen – und tatsächlich: Das U-Boot lag nur 200 Meter neben den so errechneten Koordinaten. Bemerkenswert an diesem Ergebnis: Keiner der Experten hatte auf diesen Ort getippt. Es war allein die Summe aller Vermutungen.

Die Methode wurde bei einem Flugzeugunglück vor der spanischen Küste erneut angewandt. Hier ging eine Wasserstoffbombe verloren – und konnte so schnell wiedergefunden werden.

1986 verunglückte die Raumfähre Challenger. Vier große Unternehmen hatten für die Nasa Bauteile geliefert. Nach der Explosion knickten alle vier Aktienkurse an der Börse ein, erholten sich jedoch kurz darauf wieder – bis auf die Aktien von Morton Thiokol, die die Feststoffraketen geliefert hatten. Ihr Kurs fiel ins Bodenlose. Kurze Zeit später stellte sich heraus: Die fehlerhaften Raketen hatten tatsächlich das Unglück verursacht. Interessant daran: Es gab keinen Insiderhandel. Allerdings ahnte jeder ein bisschen was, spekulierte nach seinem Bauchgefühl oder folgte dem Beispiel der anderen. Der Markt behielt Recht.

Was dahinter steckt, nennen Wissenschaftler Schwarmintelligenz: Oft weiß es die Masse besser, spürt die Wahrheit schneller, findet die klügeren Lösungen. Allerdings gibt es Einschränkungen: Das Ganze funktioniert nur, wenn unterschiedliche Meinungen gefördert werden und nicht der Konsens. Die Masse ist nur schlau, wenn alle unabhängig von einander ihre Einzelmeinungen abgeben. Hätte man bei dem Navy-Beispiel noch während des Prozesses einen Mittelwert oder die Mehrheitsmeinung gebildet, wäre das Boot vielleicht nie gefunden worden.

Die Erkenntnis lässt sich hervorragend auf Teams und Meetings übertragen: Sobald sich die Gruppenmitglieder zu ähnlich werden, stockt der Innovationsprozess. Heraus kommen Mittelwerte – oder eben Mittelmaß. Und sobald wenige die Debatte beherrschen, wird die Masse blind und dumm.