Klappe-halten-Schweigen-Mund
Eine typische Filmszene: Der Polizist steht vor der Absperrung und ruft der Meute zu: Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen... Glauben Sie ihm? Eben. So ziemlich jeder Passant wird dadurch erst recht angelockt: Wo es etwas zu verbergen gibt, lauert womöglich eine abenteuerliche Enthüllung. Das Pendant dazu gibt es aber auch im Alltag: redselige Zeitgenossen etwa, die einen mit Informationen versorgen, die man besser nicht gewusst hätte. Nicht nur, weil sich niemand bei klarem Verstand dafür interessiert, zuweilen beunruhigen solche Informationen geradezu und zerstören, was vorher aufgebaut wurde. Schweigen ist Gold. Oder wie es der Kabarettist Dieter Nuhr einmal knackig auf den Punkt brachte: Es gibt Situationen, da sollte man einfach mal die Fresse halten...

Schweigen können: Dinge, die keiner hören will

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Flugzeug und aus dem Cockpit meldet sich der Kapitän mit folgender Durchsage: "Unsere Landung wird sich leider etwas verzögern. Aber machen Sie sich keine Sorgen, wir haben noch Sprit für etwa eine Stunde." Na, Danke! Spätestens jetzt machen sich alle an Bord Sorgen. Sie können sogar davon ausgehen, dass ab jetzt jeder Passagier auf seine Uhr starren wird und mit jeder verstrichenen Minute der Stresspegel in der Maschine steigt.

Genauso will keiner von einem Assistenzarzt hören: "Gratulation, Sie sind mein erster Patient. Ich operiere Ihren Befund heute zum ersten Mal!"

Und auch vom bisherigen Lieblings-Koch möchte wohl keiner hören, dass er sich diesmal besonders viel Mühe gegeben hat. Ja, und was bitte war mit dem Essen sonst? Hingerotzt???

Im Berufsalltag läuft das nicht viel anders.

Gewiss, Kommunikationsfähigkeit ist heute eine wesentliche Stärke im Beruf und ein wichtiger Karrierefaktor. Tagtäglich müssen wir formulieren, präsentieren, kritisieren, diskutieren. Wir reden viel, vergessen dabei aber gelegentlich, dass man sich auch um Kopf und Kragen reden kann.

Nicht wenige finden, meinen, denken, glauben, nehmen an, behaupten, schlagen vor, vermuten und sagen jetzt mal so. Allem voran stellen sie das Ich, wirbeln Wortkaskaden durch die Luft und verwandeln so jedes Gespräch in Geschnatter.

Dabei ist es so: Wer die Klappe hält, hat mehr Macht.

Den Kniff entdeckte schon der Künstler Andy Warhol. Kurz darauf waren seine Interviews Exerzitien des Orakelns. Auf Fragen antwortete er entweder vage oder mehrdeutig – aber immer kurz. Journalisten, die ihn interviewten, drehten dagegen wortgewaltige Pirouetten, erhöhten die oft bedeutungsleeren Phrasen – nur, weil sie glaubten hinter der Plattitüde müsse etwas Profundes stecken. Dabei war es meist nur Blabla. Allerdings wohldosiertes.

Die menschliche Zunge ist eine Bestie, die nur wenigen gehorcht. Ständig versucht sie, aus ihrem Käfig auszubrechen. Macht kann nicht jenen zuteil werden, die mit ihren Worten zu freigebig sind

Das wusste schon Leonardo da Vinci. Und so ist es bis heute: Quasselstrippen genießen nicht nur wenig Ansehen, sie riskieren ständig, etwas Blödes oder gar Gefährliches zu sagen. Kurz: Sie werden leicht zu Dummschwätzern.

Dinge, die keiner sagen sollte

Ach, hättest du doch geschwiegen... Das Folgende sind Beispiele für gefährlich lose Zungen im Job. Bis auf wenige Ausnahmen (die eher die Regel bestätigen) bliebe alles besser ungesagt:

  • Die vorweg genommene Entschuldigung.

    Sie sitzen im Meeting und werden gebeten, spontan einen Statusbericht zu Ihrem Projekt abzugeben. Bevor Sie loslegen, entschuldigen Sie sich erst einmal, dass Sie jetzt natürlich nicht richtig vorbereitet sind, keine Unterlagen dabei haben, und so weiter. Warum erwähnen Sie das? Sollen die Leute denken: Ja, stimmt. Der Vortrag ist wirklich Mist, aber hey, er war ja auch nicht vorbereitet...? Arme Wurst! Was wirklich passiert, ist: Das Publikum nimmt Sie weit weniger ernst, als wenn Sie nichts gesagt hätten. Schlimmer noch: Sie miniaturisieren bereits im Vorfeld Ihre eigene Position und die Bedeutung Ihres Projekts. Und wer weiß, vielleicht rocken Sie das Meeting ja auch. Gut, wenn das dann auch noch ganz souverän wirkt.

  • Die aufgezählten Bedenken.

    Sie schlagen Ihrem Chef ein neues Projekt vor und sind begeistert davon. Gleichzeitig wollen Sie aber auch dokumentieren, wie gründlich Sie darüber nachgedacht haben und zählen minutiös alle Vor- und Nachteile auf. Besser kann man seine Idee nicht abschießen. Je ausführlicher Sie werden, desto eher bleibt beim Boss hängen, dass es mindestens ebenso viele Einwände gibt, Ihnen nicht zuzustimmen und die Idee lieber gleich ad acta zu legen. Begeisterung beerdigt, danke, nächster Vorschlag...

  • Das Bekräftigen nach erfolgter Entscheidung.

    Ein Klassiker: Der Kunde hat sich schon entschieden, doch der Verkäufer faselt immer weiter und weiter: warum die Entscheidung richtig war, welche Vorzüge sich der Kunde erwirbt, warum er überintelligent war, hier und jetzt zuzuschlagen und überhaupt. Was passiert? Mit jedem Satz mehren sich die Zweifel. Denn jede Verteidigung ist immer auch ein mögliches Indiz für ein schlechtes Gewissen. Und wer sich verteidigt, obwohl er noch gar nicht angegriffen wurde, macht sich nur noch mehr verdächtig. So manche Verhandlung wurde in den letzten drei Minuten verloren - nicht in den Stunden davor.

  • Die Ausnahme-Anmoderation.

    Es gibt Menschen, die beginnen Ihre Stellungnahmen mit Ankündigungen wie: "Seien wir ehrlich..." oder "Jetzt mal im Klartext..." oder "Machen wir uns nichts vor..." Mag sein, dass sich diese Ankündigungen tatsächlich erfüllen; mag sein, dass es aber auch nur leere Versprechen sind. Blabla eben. In jedem Fall aber diskreditieren Sie damit alles Davorgesagte: Es verwandelt sich zur Unwahrheit, zum kryptischen Wortgeschwurbel oder zum dummen Selbstbetrug. Das kann für alle Beteiligten beleidigend sein, ein verbaler Affront. Es wirft aber auch die Frage auf: Warum denn bitte nicht gleich ehrlich? Oder provokanter gefragt: Ist so jemand womöglich nur ehrlich, wenn er es zuvor ankündigt?

  • Der erklärte Witz

    Treffen sich zwei Jäger... beide tot. Sie verstehen schon: Jäger... schießen... treffen... tot. Witzig. Hahaha. Nicht mehr?! Warum bloß?

Vermutlich gibt es noch viel mehr Situationen, in denen es besser ist, die Klappe zu halten. Die obigen sind lediglich nur die Spitze des Eisbergs. Aber in einem Wort: Psst...! Weniger ist manchmal mehr und Schweigen können Gold.

Ohne Worte: Die Kunst zu schweigen

Es ist ein Fehler, Menschen mit vielen Worten beeindrucken zu wollen. Das wusste offenbar schon jener Abbé Joseph Antoine Dinouard, der 1771 ein Booklet über "Die Kunst, den Mund zu halten" verfasste. Je mehr man sagt, desto durchschnittlicher wirkt man.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Aufmerksamkeit Ihres Gegenübers bereits nach zehn Sekunden sinkt.

  • Nach 60 Sekunden beginnen die meisten darüber nachzudenken, was sie darauf antworten wollen.
  • Nach zwei Minuten hört Ihnen eh keiner mehr richtig zu. Ein vermeintlich zustimmendes „Mmh“ ist jedenfalls ein sicheres Indiz dafür.

Genauso wie kurze, einsilbige Antworten beunruhigt es die Menschen und zwingt sie in die Defensive. Wer bewusst mit Worten geizt, macht jedes einzelne davon nur wertvoller, vermehrt die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird und bringt die Leute dazu, lange darüber nachzudenken, was wohl noch zwischen den Zeilen stecken könnte.

Die wenigsten Menschen können lange Pausen in einem Gespräch ertragen. Stattdessen füllen sie die Stille nervös mit allen möglichen Kommentaren und enthüllen so oft ihre eigenen Schwächen und entzaubern sich gar selbst. Die Technik wird durchaus auch bei Bewerbungen angewandt.

Ein befreundeter Headhunter erzählte mir einmal von einem Kandidaten, der während des gesamten Job-Interviews einen tadellosen Eindruck hinterlassen hatte. Am Schluss sagte er: "Ich hätte nicht gedacht, dass mich noch mal ein Headhunter anruft." Alles futsch.

Allerdings ist es beim Schweigen wie mit allen Taktiken: Man sollte sie gelegentlich variieren. Menschen sind Gewohnheitstiere. Sie haben das Bedürfnis, im Verhalten anderer Konstanten zu erkennen. Wer also vorhersehbar handelt, verschafft anderen damit ein gewisses Maß an Kontrolle über sich.

Tiere folgen festen Verhaltensmustern, deswegen können Menschen sie jagen und töten. Der Mensch aber kann sein Verhalten bewusst ändern und improvisieren. Er kann mal wenig sagen und dann wieder sehr viel. Viele Worte können die Zuhörer auch täuschen. Der Redeschwall betäubt die Aufmerksamkeit und lenkt die Leute von dem eigentlichen Problem ab. Diese Strategie ist dann ratsam, wenn man Ihnen eher misstraut. Quasseln senkt Argwohn und Verdacht, weil man dahinter eher eine Luftnummer vermutet.

Wer bewusst unberechenbar bleibt, steigert seinen Einfluss. Denn Verhaltensweisen, hinter denen man weder Sinn noch Zweck erkennen kann, wecken zunächst Interesse. Sie machen die Menschen neugierig, irritieren sie aber auch. Sie werden dann all ihre Kraft dafür einsetzen, sich auf Ihre Schachzüge einen Reim zu machen. Sie werden über die Motive spekulieren, darüber reden, meinen, denken, glauben und versuchen, Muster zu erkennen, die es nicht gibt. Im Extremfall führt diese Strategie zu blankem Terror. In jedem Fall aber sorgt sie für viel Charisma.

So gesehen war es vielleicht ein Fehler, dass dieser Text so lang geworden ist.
Der Rest ist Schweigen.

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