Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dann, ein paar Tage später, schuf er den Menschen und höchst individuell. Das war ein kreativer Kraftakt. Wir versuchen heute das Gegenteil. Unsere Lebensläufe gleichen sich an und heraus kommen Klone: Studium an einer Spitzenuniversität in Rekordzeit, Auslandspraktika, Fremdsprachenkenntnisse, gebleachtes Lächeln, modischer Kurzhaarschnitt (auch die Frauen!), Partner – aber ungebunden.
Solche Nachwuchskräfte wollen hoch hinaus, haben die Laufbahn optimiert, ihren Lebenslauf genauso sorgfältig geplant wie die Radtour durchs australische Outback. Das alles mag strategisch sinnvoll und taktisch klug sein. Doch wird das wichtigste dabei übersehen: die Persönlichkeit.
Fachwissen, strategisches Denken, praktische Erfahrungen – daran mangelt es heute kaum einem Berufseinsteiger. Schon vor Jahren haben sich die Universitäten den Wünschen der Wirtschaft angepasst, haben Fallstudien, Pflichtpraktika und Rhetorikkurse in ihre Studienpläne integriert, weil deren Bedeutung bei der Bewerberauswahl steigt. Beschäftigt und befördert werden so aber nur brillante Analytiker, deren Sozialkompetenz jedoch selten mit ihrem Ego und Intellekt Schritt hält. Es sind Intelligenzbestien im Wortsinn.
Zum Glück gibt es auch die Gegenbewegung: Unternehmen, die nach Charakter statt nach Inselbegabung suchen. Akademische Brillanz beflügelt nicht zwangsläufig Kreativität, mit sozialem Geschick steht sie gelegentlich sogar auf dem Kriegsfuß. Dabei werden diese Fähigkeiten immer wichtiger: Konzepte moderieren, Abläufe modernisieren, Mitarbeiter motivieren. Wer an der Uni reüssiert, kann im Team dennoch scheitern, wenn er Konflikten mit 0815-Methoden begegnet.
Karrieristen denken zu linear. Sie haben gelernt, ihre Ziele geradlinig zu verfolgen, zur Not mit dem Kopf durch die Wand. Gefährlich. Je höher ein Mitarbeiter aufsteigt, desto mehr repräsentiert er das Unternehmen und dessen Werte. So lange alles glatt geht, reicht vielleicht auch eine glatte Führungsfigur. Sobald aber Spannungen auftauchen, zählt Substanz. Und die zeigt sich in der Persönlichkeit: Was Unternehmen erfolgreich macht, sind eben nicht hoch bezahlte Arbeitstiere und Windkanal optimierte Mutanten, sondern Menschen, die nicht nur mit dem Verstand führen, sondern auch mit Empathie, die Vorbild sind, Werte leben, quer denken und visionieren.
Dee Hock, Gründer und langjähriger Chef von VISA, hat sich viele Jahre mit Managementfragen auseinandergesetzt und kam irgendwann zu folgender Überzeugung: Wer den Erfolg sucht, sollte mindestens 50 Prozent (!) seiner Zeit in das Selbstmanagement investieren, um seine Ziele, Prinzipien, Motive und sein Verhalten besser zu verstehen und zu verfolgen. Zu 25 Prozent sollte er versuchen, jene zu beeinflussen, die über ihm stehen sowie 20 Prozent in das Führen von Kollegen, Kunden oder Konkurrenten investieren. Die Zeit, die dann übrig bleibt, gehört denen, für die man verantwortlich ist.
Eine überraschende Gewichtung, nicht wahr? Seinen eigenen Charakter, sein Temperament und seine Worte im Zaum zu halten, ist ein unendlich anstrengender Akt – und der meist ignorierte. Das Gros der Menschen verbringt lieber Zeit damit, anderen den Weg zu weisen oder sie lenken sich ab, um sich bloß nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Fernsehen, Partys, Gesellschaften bieten reizvolle Alternativen. Ein unheiliger Kraftakt. Wie kann einer andere führen, wenn er nicht einmal sich selbst im Griff hat, geschweige denn weiß, was er will?
Weise Menschen nutzen ihre freie Zeit wenigstens ab und an zur Selbstreflexion, sie klären, was gut war, was verbesserungswürdig, was sie gelernt haben, welche Fehler sie abgelegt, welche Fähigkeiten sie weiterentwickelt haben und was der nächste Schritt sein muss. Gute Fragen dazu finden Sie hier. Schreiben Sie sich Ihre Ziele aber auch auf: Während des Schreibens wird vielen erst bewusst, was sie damit verbinden. Seine Zukunftspläne nach wenigen Standards auszurichten wäre ziemlich dämlich. Und unkreativ dazu.
Mit dem Selbstmanagement ist es wie mit dem Zuknöpfen eines Hemdes: Einmal falsch angesetzt, kriegt man den Rest nur schwer auf die Reihe.







KTD
Wie immer, ein sehr schöner Artikel.
Dominic
Ist das nicht ein Artikel aus dem Buch?
Anabelle
Es stimmt ja, dass sich die Lebensläufe immer ähnlicher werden, aber ist das wirklich so schlimm? Hat sich nicht einfach die Gesellschaft so weit verändert, dass bestimmte Voraussetzungen nun mal “Pflicht” sind? In einer globalisierten Welt, die durch Handy, Internet und wie sie alle heißen zum ‘Peanut’ wird sind Fremdsprachen, Auslandsaufenthalte etc. einfach unabdingbar. Ob deshalb wirklich jeder in die USA gehen muss, darüber lässt sich natürlich streiten. Ist der Ruf nach mehr Individualität im Lebenslauf nicht so etwas wie die Trauer um vergangene Zeiten? Und: Haben wir überhaupt die Wahl? Sind die stromlinienförmigen Chefs wirklich scharf auf Leute, die einen Unterschied machen? Das wäre doch viel zu gefährlich für den eigenen Chefsessel, oder nicht?
Jochen Mai
@Anabelle: Waren bestimmte Voraussetzungen nicht schon immer Pflicht? Die ändern sich zwar im Laufe der Zeit. Aber vor allem die Gesellschaft hat sich gewandelt: vom industriellen Zeitalter zur Dienstleistungsgesellschaft und nun zur Wissensgesellschaft. Und das stellt manche Angleichungen infrage. Anders formuliert: Ist es sinnvoll, Lebensläufe zu synchronisieren (oder abgemildert: mindestens so angepasst wie früher zu erhalten), wenn wir in eine Gesellschafts- und Wirtschaftsform streben, die auf Wissensausstausch, fachübergreifende Inspiration, Kreativität, kulturelle Identität bei Diversifikation strebt? Ich denke nicht.
Sicher, vielen Chefs schmeckt es nicht, wenn ihre Mitarbeiter querdenken. Und ja, das kann dann ein Karrierekiller sein. Aber man muss da differenzieren: Karrierekiller sind Extreme immer – totale Anpassung genauso wie völliges Querulantentum.
Wieder anders formuliert: Richtig: Kulturelle Kompetenz ist in einer globalisierten Welt wichtig. Aber lässt sie sich ausschließlich durch einen Auslandsaufenthalt erwerben? Oder: Wo die Bedeutung von Kommunikation steigt, wird auch die Fähigkeit, präsentieren zu können, immer wichtiger. Aber muss das ausschließlich via Powerpoint erfolgen?
Will sagen: Manche Fähigkeit mögen für bestimmte Berufe unabdingbar sein (ein Journalist etwa muss schreiben können). Aber wie man diese Fähigkeiten erwirbt, also der Lebenslauf, das ist doch davon völlig unabhängig. Nur glauben leider viele das genaue Gegenteil: Wenn sie Lebensläufe angleichen, werden sie gleich gut. Und das totaler Quatsch. Heraus kommt nicht individuelle Brillanz, sondern Durchschnitt, Mittelmaß, Einerlei.
Thomas
Ein wunderbarer Artikel, dem ich voll und ganz zustimme.
Die großen Errungenschaften und Veränderungen dieser Welt verdanken wir den Individualisten. Mittelmäßigkeit und diese “Schablonen-Lebensläufe”, bei denen lediglich der Name ausgetauscht werden muss, das kann es doch nicht sein, oder?
Um es mit den Worten Rollo Mays auszudrücken:
“Das Gegenteil von Mut in unserer Gesellschaft ist nicht Feigheit. Es ist Mitläufertum.”
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