Selbstfindung
Wer bin ich? Und was will ich wirklich? Diese Fragen beschäftigen Menschen seit jeher. Selbstfindung ist das Balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Individualität und Konformität, zwischen Abgrenzung und Anpassung und damit alles andere als einfach. Denn wer authentisch und autonom (also unangepasst er selbst) bleibt, läuft zugleich Gefahr, anders zu sein als alle anderen. Ein Dilemma - aber ein lösbares: Wie Sie zu sich selbst finden und zugleich an mentaler Stärke gewinnen...

Selbstfindung ist kein Ziel, sondern ein Prozess

Beim Blick in Zeitgeist-Ratgeber und Psycho-Blogs kann schnell der Eindruck entstehen, Selbstfindung sei ein junges Phänomen der modernen (Arbeits-)Welt - die Normalität für alle, die nach Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Selbstentfaltung suchen und streben. Weit gefehlt! Ursprünglich stammt der Begriff aus der Entwicklungspsychologie. Wikipedia sagt dazu beispielsweise:

Selbstfindung beschreibt einen in der Pubertät beginnenden Prozess, durch den ein Mensch versucht, sich in seinen Eigenheiten und Zielen zu definieren, vor allem in Abgrenzung von der Gesellschaft und ihren Einflüssen.

Für den Einzelnen bedeutet das: Selbstfindung ist kein Ziel oder Zustand, sondern vielmehr ein Prozess, den jeder für sich aktiv betreibt und voranbringt.

Der Selbstfindungsprozess führt überdies zu drei bemerkenswerten Effekten:

  1. Wer sich kennt, weiß um individuelle Stärken.

    Die Suche nach der eigenen Identität und den individuellen Zielen führt zu den eigenen Stärken. Wer sich bewusst mit dem Prozess der Selbstfindung befasst, wird sich daher der eigenen Talente und Fähigkeiten bewusster - kann daher auch selbstbewusster auftreten.

  2. Wer sich kennt, entwickelt eine Haltung.

    Der Prozess der Selbstfindung ist zugleich eine Auseinandersetzung mit den eigenen Werten. Diese führen zu einer klaren Haltung und damit zu einem individuellen Profil, einer Persönlichkeit. Selbstfindung hilft also auch dabei, sich von der Masse abzuheben - nicht nur im Job.

  3. Wer sich kennt, kann glücklich sein.

    Glücksempfinden ist immer individuell und von dutzenden persönlicher Faktoren abhängig. Wer sich hingegen selbst nicht kennt, kann nicht glücklich sein, weil er oder sie nicht weiß, was Glück für ihn ausmacht. Durch den Prozess der Selbstfindung lernen Sie Ihre Bedürfnisse kennen und können die Voraussetzungen für Ihr ganz persönliches Glück schaffen.

Selbstfindung trotz gesellschaftlicher Erwartungen

Wer sich auf den Prozess der Selbstfindung einlässt, macht sich damit auch auf die Suche nach dem eigenen Weg. Die damit verbundenen Eigenschaften wie selbstständiges Denken, Offenheit für ungewöhnliche Wege und unabhängiges Handeln sind zwar gesellschaftlich von Vorteil, denn sie sind der Humus auf dem Innovation und Fortschritt gedeihen. Wer sich allerdings fernab der ausgetrampelten Pfade auf Entdeckungsreise begibt, stößt schnell auf Grenzen und Vorbehalte: Ganz man selbst sein? Gerne - aber bitte nur im Rahmen der gesellschaftlich akzeptieren Normen!

Bloß nicht widersprechen, nicht rebellieren, nicht aufbegehren, immer kuschen - Selbstfindung kann so nicht funktionieren. Sonst ergeht es Ihnen am Ende wie in diesem Bonmot:

Auf der Suche nach mir selbst bin ich oft an mir vorbeigelaufen, ohne mich zu bemerken.

Die Suche nach der eigenen Identität und den individuellen Bedürfnissen kann nur erfolgreich sein, wenn Sie externe Erwartungen und Einflüsse bewusst filtern und einordnen. Die folgenden Fragen helfen dabei:

  • Wie wichtig ist Ihnen die Person, die Ihren Weg in Frage stellt?
  • Welche Intention verfolgt der Ratgeber?
  • Sind dessen Ziele für Sie relevant?
  • Deckt sich dessen Weg mit Ihren Werten?
  • Wollen Sie so sein - oder: Wollen Sie so werden?
  • Haben Sie ein gutes Gefühl dabei?
  • Macht Sie das glücklich?

Selbstfindung in 6 Schritten

Angesichts der zahlreichen gesellschaftlichen Einflüsse und der wachsenden Informationsflut ist aktive Selbstfindung kein leichtes Unterfangen. Die folgenden sechs Tipps können Ihnen als Orientierung dienen:

  1. Sie sind Ihr alleiniger Maßstab.

    Wir alle vergleichen uns nur zu gern mit anderen und messen uns an ihnen. Für die Selbstfindung ist das eher kontraproduktiv. Was andere über uns denken, wie sie unser Verhalten bewerten, ist nur ein Echo, eine Art Feedback zu uns selbst. Wer sich und seine eigene Identität festigen und sich selbst besser kennenlernen will, sollte das nicht in Relation zu anderen tun. Das Ergebnis wäre ein Zerrbild. Selbstfindung benötige deshalb ein Loslassen von (angeblichen) Standards und dem Mainstream. Fokussieren Sie ganz auf sich: Sie, Ihre Werte und Bedürfnisse sind bei der Selbstfindung der entscheidende Maßstab.

  2. Stellen Sie sich Ihren Ängsten.

    Um sich selbst kennenzulernen, müssen manche zunächst die Angst vor möglichen Konsequenzen überwinden. Dabei kann es sich um die Angst vor Gesichtsverlust, vor finanziellem Absturz oder anderen schwerwiegenden Ereignissen handeln. Der Bestseller-Autor Tim Ferriss rät sogar: "Stellen Sie sich den Worst-Case nicht nur vor, sondern erzeugen Sie ihn kontrolliert. Die meisten stellen dabei fest, dass er so schlimm gar nicht ist."

  3. Probieren Sie Neues aus.

    Die sogenannte Komfortzone ist zwar bequem, kann der Selbstfindung jedoch im Wege stehen. Schließlich bewegen Sie sich dort nur innerhalb selbstgesteckter Grenzen. Was alles in ihnen steckt, was sie wirklich wollen, erfahren die wenigsten in diesem gemütlichen Gefängnis. Um Ihre Grenzen austesten, müssen Sie nicht gleich in den australischen Dschungel ziehen und in ähnliche Abenteuer stürzen. Auch im Alltag lassen sich Komfortzonen verlassen. An den neuen Erfahrungen werden Sie nicht nur wachsen, sondern auch ganz neue Facetten an sich erkennen.

  4. Bauen Sie Beziehungen.

    Durch Gespräche und neue Beziehungen können Sie viel über sich selbst lernen. Nicht, indem Sie sich anpassen oder versuchen anderen sympathisch zu sein. Die Lebensentwürfe, Prioritäten und Ziele anderer dienen Ihnen dabei vielmehr als Reflexionsanlass - positiv wie negativ. Sie können daran die eigenen Maßstäbe messen, hinterfragen oder abgrenzen. In jedem Fall helfen die Beziehungen die Selbstfindung zu festigen.

  5. Lernen Sie gelassener zu sein.

    Gelassenheit bändigt die Ohnmacht, in die uns Rage versetzt und bringt uns die Handlungsfähigkeit zurück, die uns blinde Wut und explodierende Emotionen nehmen. Immer dann, wenn wir uns ungerecht behandelt, ausgenutzt, betrogen fühlen, drohen wir die Kontrolle über uns zu verlieren. Gelassenheit bringt sie zurück - und uns uns selbst wieder näher. Sie ist daher auch ein Schritt zur Selbstfindung - und zu besseren Entscheidungen: Egal, wie dick es auch kommt, ihr Verstand bleibt Herr der Lage – und nicht ihre Gefühle.

  6. Setzen Sie alle Masken ab.

    Gewiss, der letzte Schritt ist der schwerste und fordert Überwindung. Nachdem der Selbstfindungsprozess dieses Stadium erreicht hat und Sie wissen, wer Sie sind und was Sie wollen, wäre es sinnlos, weiterhin eine Rolle zu spielen, um anderen zu gefallen. Das sind Sie nicht! Deswegen müssen Sie andere nicht gleich vor den Kopf stoßen, um jedes Mal Ihre Individualität zu beweisen. Die Welt mag eine Bühne und jeder Mensch Darsteller seiner selbst sein - nur Masken tragen müssen wir dabei nicht. Also stehen Sie bewusst zu sich selbst - selbstbewusst eben.

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