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Die Liebe zu sich selbst ist eine Herausforderung. Die eigenen Fehler, die Leistungen der anderen und die hohen Erwartungen machen es vielen Menschen schwer, ein positives Bild von sich selbst zu entwickeln und sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind. Dabei ist Selbstliebe eine wesentliche Voraussetzung für Glück und Erfolg: Wer sich selbst nicht mag, wird weder an sich glauben, noch gute Beziehungen pflegen können. Die gute Nachricht: Selbstliebe lässt sich lernen...

Selbstliebe: Eine kurze Definition

Selbstliebe - ein großes Wort mit wichtiger Bedeutung. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Nicht selten wird der Fehler gemacht Selbstliebe mit Selbstverliebtheit (in Form von Arroganz oder Narzismus) zu verwechseln. Mit Eigensinnigkeit oder Egoismus hat Selbstliebe jedoch nichts zu tun.

Im Mittelpunkt steht kein egozentrisches Weltbild, sondern die bedingungslose Annahme, Akzeptanz und Liebe der eigenen Person - mit den dazugehörigen Stärken und Schwächen. Es bedeutet in den Spiegel sehen zu können und mit dem, was man sieht, zufrieden und glücklich zu sein.

Man könnte es auch umgekehrt formulieren: Ohne Selbstliebe werden wir süchtig nach und abhängig von der Liebe anderer.

Selbstliebe ist daher kein Streben nach äußerlicher Zuneigung, sondern in erster Linie auf die inneren Werte, Einstellungen und Fähigkeiten bezogen. Selbstliebe kämpft nicht, sie nimmt an. Schon Arthur Schopenhauer erkannte:

Da unser größtes Vergnügen darin besteht, bewundert zu werden, die Bewunderer aber, selbst wo alle Ursache wäre, sich ungern dazu herbeilassen, so ist der Glücklichste der, welcher, gleichviel wie, es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundern. Nur müssen die andern ihn nicht irre machen.

Warum fällt vielen Selbstliebe so schwer?

PathDoc/shutterstock.comDer Wunsch, von Freunden, Familie, Kollegen und Bekannten gemocht zu werden, ist die eine Seite der Medaille. Soziale Anerkennung ist für die meisten Menschen ein wichtiger Faktor und Gradmesser für ihr Selbstwertgefühl, weshalb sie viel dafür tun, einer Gruppe zuzugehören, anderen zu gefallen und deren Erwartungen gerecht zu werden.

Wir fordern Liebe, Respekt und Zuspruch von außen ein - schaffen es jedoch meist nicht, uns selbst diese Forderungen zu erfüllen.

Entweder, weil wir zu sehr auf die eigenen Fehler fokussiert sind - niemand kennt diese schließlich besser als man selbst -, sodass es all diese Macken und Kanten einem schwer machen, ein positives Bild von sich zu formen.

Oder aber es kommen die zahlreiche Selbstzweifel dazu, wie andere es überhaupt mit einem aushalten können, wo die Fehler doch alles andere überschatten. Die viel zu hohen Erwartungen an die eigene Person und die eigenen Leistungen entfernen einen immer weiter von der Selbstannahme. Eher driften die Betroffenen mehr und mehr in Richtung Selbstablehnung.

Auch die falsche Wahrnehmung von Selbstliebe steht dieser oft im Weg. Niemand möchte als arrogant, egoistisch oder selbstverliebt wahrgenommen werden. Die Folge: Das eigene Selbstbild wird verzerrt und am Ende reden sich Betroffene ein: Ich bin schlecht...

5 Symptome für fehlende Selbstliebe

  1. Erfüllung

    Diagnose: Sie fühlen sich schlecht, weil sie noch immer nicht die große Erfüllung im Beruf gefunden haben.

    Beschreibung: Arbeit soll heute mehr sinnstiftend, weniger reiner Broterwerb sein. Umfragen zeigen, dass speziell für die jüngere Generation der Faktor Sinn wichtig ist. Zuletzt will die Deloitte Millenial Suvery 2016 herausgefunden haben, dass 56 Prozent der befragten 24- bis 34-Jährigen aus der ganzen Welt ausschließen würden, für ein Unternehmen zu arbeiten, dessen Philosophie sie nicht teilen. Einerseits ist diese gigantische Erwartungshaltung zweifelhaft, denn so hängen viele zeitlebens einem Trugbild von Job nach, das unrealistisch ist und gar nicht in Erfüllung gehen kann. Andererseits muss man als junger Arbeitnehmer erst einmal herausfinden, welche Interessen, welche Fähigkeiten, welchen Antrieb man eigentlich hat. Wer das herausgefunden habe, könne damit speziell in der zweiten Lebenshälfte arbeiten, darauf weist Professor Carlo Strenger von der Universität Tel Aviv hin. "Wenn Sie das, was Sie in der ersten Lebenshälfte über sich gelernt haben, richtig einsetzen, dann kann die zweite besonders erfüllend sein", so der Psychologe in einem Beitrag für das Journal Psychoanalytic Psychology. Und dann könne in der Tat auch ein Jobwechsel zu mehr Erfülung beitragen.

    Rezept: Keinen Traumschlössern nachhängen, aber eigenen Interessen und innerem Antrieb folgen.

  2. Naturell

    Diagnose: Sie glauben, Ihr Naturell halte Sie davon ab, erfolgreich zu sein.

    Beschreibung: Analysefähigkeit, Empathie und Flexibilität gehören zu den Eigenschaften, die Arbeitnehmer nach Ansicht von Zukunftsforschern im Jahr 2020 dringend benötigen werden. Führungskräfte wiederum müssen in jedem Fall kritik-, entscheidungs- und kommunikationsfähig sein. Und in Stellenanzeigen lesen wir weiterhin sehr viel von Teamfähigkeit und Kommunikationsstärke als unabdingbaren Charaktereigenschaften. Die Wahrheit ist: Für jede Eigenschaft gibt es Bedarf, für jeden Charakter den richtigen Job, für jeden Topf einen dazugehörigen Deckel. Für Nerds, Dampflauderer, Einzelgänger, Laute, Leise, Unsportliche, Redner, Denker, Witzige, Spröde, Affige. Die Arbeits- und Berufswelt von heute ist dermaßen ausdifferenziert, Vielfalt und Spezialisierung so groß, dass man eine durchaus große Auswahl an Berufsbildern und Jobs hat, die der eigenen Persönlichkeit entgegenkommen.

    Rezept: An gewisse Spielregeln halten und Rücksicht nehmen, aber ansonsten authentisch bleiben - und vor allem: den Job suchen, der zu einem passt.

  3. Feedback

    Diagnose: Sie fühlen sich wertlos, weil Sie so gut wie nie Lob oder positive Rückmeldung erhalten.

    Beschreibung: 41 Prozent aller Arbeitnehmer vermissen laut Umfragen ein Lob ihres Vorgesetzten, 37 Prozent erwarten generell mehr Feedback zu ihren Leistungen. Noch mal 41 Prozent haben das Gefühl, dass ihre guten Leistungen niemandem auffallen. Feedback ist also Mangelware, in Unternehmen nicht Usus. Dabei kann regelmäßiges Feedback die Leistung steigern, nach Ansicht von Motivationsguru Richard Conniff sogar um zehn Prozent. Dem Volksmund nach ist Eigenlob keine Alternative, da es angeblich stinkt. Und in der Tat kam eine Studie der Universität Pennsylvania vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass Menschen sogar depressiv werden, wenn sie sich selbst einreden wollen, wie gut sie eine Aufgabe doch gemacht hätten. Ungerechtfertigtes Selbstlob schwächt demnach das Selbstwertgefühl. Auf der anderen Seite, so die Forscher, trübt eine realistische Sicht auf sich die Stimmung selbst dann nicht ein, wenn man zuvor nur Mittelmaß abgeliefert hat. Realismus dient quasi als festigender Anker - übrigens auch dann, wenn man seine eigene Leistung realistischerweise als sehr gut einordnet.

    Rezept: Sich selbst ruhig mal loben, aber nicht künstlich aufwerten, sondern vor allem realistisch bleiben.

  4. Müßiggang

    Diagnose: Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn Sie nichts tun.

    Beschreibung: Produktivität ist nicht gleichbedeutend mit einem vollen Terminkalender und möglichst wenigen Unterbrechungen, ein schlechtes Gewissen daher völlig unangebracht. Schon ein einfacher Spaziergang, bei dem man die Gedanken schweifen lässt, regt die Hirnaktivität an. In einer Untersuchung verbesserten sich die kognitiven Leistungen der Spaziermüßiggänger sogar um 23 Prozent. In der Leere gedeiht also schöpferische Kraft. Und mindestens genauso wichtig: Müßiggang ist erholsam.

    Rezept: Im Alltag genügend Raum für Auszeiten lassen und das schlechte Gewissen bewusst gar nicht erst zulassen.

  5. Stolz

    Diagnose: Sie sind nicht stolz auf sich und Ihr Erreichtes.

    Beschreibung: Stolz ist in der katholischen Kirche eine Todsünde. Ganz so drastisch sieht die Wissenschaft es nicht, für Forscher der Universität Cincinnati ist Stolz ein zweischneidiges Schwert. Es kann Selbstdisziplin fördern, aber auch zu Hochmut verleiten. Die Wissenschaftler fanden in mehreren Experimenten, in denen sie die Selbstbeherrschung ihrer Probanden testeten, heraus: Ist jemand stolz auf eine Leistung - seine Gewichtsreduktion, regelmäßiges Workout oder eine angesparte Geldsumme zum Beispiel - und führt sie darauf zurück, diszipliniert und verantwortlich gehandelt zu haben, bestärkt es ihn in seinem Stolz - und er bleibt weiterhin diszipliniert. Stellt man diese Verbindung aber nicht aktiv her, dann kann eine Leistung auch in Anspruchsdenken und Anmaßung münden. Man will sich selbst für eine Leistung belohnen, mit einem Griff in die Keksdose etwa, der Stolz wird kontraproduktiv. "Die Haupterkenntnis ist, dass wenn man Menschen an ihren Stolz erinnert, sie meist Selbstbeherrschung üben, zum Beispiel den Salat nehmen oder weiterhin mehr Geld sparen als ausgeben wollen", so Anthony Salerno von der Uni Cincinnati. "Aber wenn Menschen zuerst an gesundes Essen oder ihr Erspartes denken und erst danach Stolz darauf entwickeln, wird ihr Verhalten hedonistischer. Es hängt also im Wesentlichen davon ab, auf was wir unseren Stolz fokussieren."

    Rezept: Stolz auf sich und eigene Leistungen kann nicht nur gerechtfertigt, sondern ein Ansporn sein - so lange man nicht übermütig wird.

Selbstliebe lernen: Den eigenen Wert erkennen

Trennen Sie sich von diesen unrealistischen oder überhöhten Vorstellungen und erkennen Sie Ihren eigenen Wert: Sie sind gut, so wie Sie sind!

Tatsächlich lässt sich Selbstliebe lernen - zwar nicht über Nacht, aber in langsamen, jedoch entschiedenen Schritten:

  1. Legen Sie einen realistischen Maßstab an

    Jeder Mensch hat Erwartungen an sich selbst, die er gerne erfüllen möchte, Ziele, die er sich setzt und Träume, die er vielleicht verwirklichen möchte. Falsch ist es aber, einen vollkommen unrealistischen Maßstab für die eigene Bewertung anzulegen. Bleiben Sie sich selbst gegenüber fair und es wird Ihnen leichter fallen, sich selbst zu lieben. Erwarten Sie nicht nur Perfektion von sich, das tut auch niemand anderes.

  2. Akzeptieren Sie Ihre Fehler

    Ein schwerer, aber notwendiger Schritt auf dem Weg zur Selbstliebe: Erkennen Sie Ihre Fehler und lernen Sie, diese zu akzeptieren. Unzulänglichkeiten sind nicht schlimm, sondern einfach nur menschlich. Sie müssen nicht alles können, wissen oder erreichen. Das ist kein Grund, sich zu grämen oder Abneigung gegen die eigene Person zu empfinden. Machen Sie sich lieber Ihre Stärken bewusst.

  3. Sehen Sie Ihre Erfolge als diese an

    Alles geht schief, man sieht nur das Negative und nichts will funktionieren. Es ist leicht, die Welt mit solchen Augen zu sehen - aber es ist auch eindimensional und blendet die eigenen Erfolge und Errungenschaften aus. Führen Sie sich bewusst vor Augen, was Sie erreicht haben und loben Sie sich dafür. Das mag im ersten Moment komisch anmuten, bringt Sie sich selbst aber ein Stück näher.

  4. Geben Sie sich selbst Zeit

    Selbstliebe kommt nicht von einem Moment auf den anderen. Es erfordert ein Umdenken, dass einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Wichtig ist, dass Sie sich diese Zeit geben und weiterhin daran arbeiten, sich selbst zu akzeptieren. Versuchen Sie alte Denkmuster nach und nach abzubauen und durch ein besseres Bild von sich selbst zu ersetzen.

  5. Reden Sie sich nicht klein

    Oft geht man mit sich selbst viel zu hart ins Gericht. Ich kann das nicht, Ich werde das nie lernen oder Das hat doch alles keinen Sinn... Wer sich schlecht redet, steht sich in den meisten Fällen selbst im Weg - und schafft sich einen großen Feind in der eigenen Person. Entwickeln Sie eine positive Einstellung zu sich selbst und trauen Sie sich zu, Dinge zu schaffen.

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Selbstliebe lernen: Warum wir uns selbst mehr lieben sollten

Selbstliebe lohnt sich aus mehreren Gründen, denn sie...

  • stärkt das Selbstvertrauen. Wer sich selbst liebt, muss weniger in seinem Umfeld nach Aufmerksamkeit und Bestätigung suchen. Das Selbstbewusstsein steigt, da besser mit Ablehnung umgegangen werden kann. Auch Neid verschwindet, wenn man auf sich selbst achtet und nicht ständig den Vergleich mit anderen sucht.
  • strahlt nach außen hin. Die Menschen um uns herum haben ein gutes Gespür, ob wir mit uns selbst im Reinen sind. Selbstliebe und Authentizität sind eng miteinander verbunden. Wer sich nicht verstellt, um anderen krampfhaft zu gefallen, wird von anderen als deutlich positiver wahrgenommen.
  • macht langfristig erfolgreicher. Fehler, Probleme, Rückschläge, Kritik - alles Dinge, die zum Leben und gerade zum beruflichen Werdegang dazugehören. Selbstliebe hilft dabei, auf die richtige Weise mit diesen umzugehen, daraus zu lernen und daran zu wachsen, ohne die Schuld bei uns selbst zu suchen oder frühzeitig aufzugeben.

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[Bildnachweis: Dean Drobot by Shutterstock.com]