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Adam Smith, der Moralphilosoph und Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften, war es, der die Theorie der unsichtbaren Hand ersann: Selbst wenn jeder nur seinem Eigennutz nachgeht, geschieht das am Ende zum Wohle aller. Das ist im Prinzip bis heute richtig. Richtig ist aber auch, dass sich im Wirtschaftsleben Ethik und sogar Selbstlosigkeit in Maßen auszahlen: Allzu offensichtlicher Egoismus führt zu Isolation und ins berufliche Aus. Da hilft auch der Verweis auf unsichtbare Hände nichts: Der rücksichtslose Ellbogentyp erscheint anderen weder vertrauenswürdig noch kooperativ. Beides sind aber wichtige Voraussetzungen für eine dauerhafte Zusammenarbeit. Selbst der Florentiner Machtstratege Niccolò Machiavelli, eher bekannt als Vertreter kaltschnäuziger Machtstrategien, forderte ungewohnt lieblich: Ein Fürst muss milde, rechtschaffen, aufrichtig und gottesfürchtig erscheinen und es auch sein. Wir zeigen, warum Selbstlosigkeit sich auszahlt...

Selbstlosigkeit: Was ist das eigentlich?

Es ist ein starkes Wort: Selbstlosigkeit. Jeder kennt es, doch benutzen es die meisten nur sehr selten. Ein Grund dafür ist, dass wahre Selbstlosigkeit nur selten anzutreffen ist. Viel zu oft sind die Menschen nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, treffen Entscheidungen, von denen sie sich selbst etwas erhoffen und selbst Dinge, die scheinbar zu Gunsten andere gehen, haben oft den ein oder anderen Hintergedanken.

Bei dieser Rarität einer Eigenschaft kommt schnell die Frage auf: Was ist Selbstlosigkeit eigentlich? Die Antwort darauf ist im Grunde recht simpel. Es bedeutet sich selbst zurückzunehmen, seine eigenen Ziele und Wünsche einmal unbeachtet zu lassen und den Nutzen anderer Personen bei eigenen Handlungen in den Vordergrund zu stellen.

Dieser einfachen Definition von Selbstlosigkeit ist in der Praxis alles andere als leicht umzusetzen. Ständige Konkurrenz, Vergleiche mit anderen, Neid und fehlende Dankbarkeit bestimmen das Denken vieler Menschen. Hauptsache man selbst erhält das, was einem zusteht - oder besser noch ein bisschen mehr.

Wie es den anderen dabei geht, ist - wenn überhaupt - nur zweitrangig. Eine schier grenzenlose Ich-Bezogenheit, die sich im Alltag immer wieder offenbart. Niemand gönnt dem anderen irgendetwas, stattdessen fühlt sich jeder gleich ungerecht behandelt. Wenn überhaupt wird Selbstlosigkeit dann nur vorgespielt. Aber was genau zeichnet eine wahrlich selbstlose Handlung aus? Diese drei Kriterien sind essenziell:

  • Es geht nicht um den eigenen Nutzen oder Vorteil.
  • Es gibt keine Hintergedanken.
  • Es wird aus eigenem Antrieb heraus gehandelt.

Ein schönes und herzerweichendes Beispiel von Selbstlosigkeit sorgte vor einiger Zeit in den sozialen Netzwerken für Aufsehen: Ein Vater in komplettem Business Outfit inklusive Aktentasche in der linken Hand läuft mit seinem kleinen Sohn durch den strömenden Regen. Seine Kleidung ist vom Regen vollkommen durchnässt, doch in der rechten Hand hält er einen Regenschirm über sein Kind, das so trocken und scheinbar mit guter Laune neben ihm herspaziert.

Selbstlosigkeit: Niemand ist immer selbstlos

Es ist nicht möglich, dauerhaft ausschließlich altruistisch zu handeln. Zum einen ist Egoismus in Maßen nötig, um auch einmal an sich selbst zu denken und der Gefahr zu entgehen, ständig von seinem Umfeld ausgenutzt zu werden. Auf der anderen Seite würde pausenlose Selbstlosigkeit zu einem Widerspruch führen: So werden selbstlose Handlungen - auch wenn sie anfangs gut gemeint waren - zu einem Problem werden, wenn das gesamte Selbstbild auf der Selbstlosigkeit fußt.

Selbstlosigkeit darf daher nicht den Zweck haben, anderen zu gefallen oder das eigene Selbstwertgefühl aufzupolieren. Dies kann ein Nebeneffekt sein, darf aber nicht im Vordergrund der Handlung stehen, da es das gesamte Konzept der scheinbar selbstlosen Handlung zunichte machen würde.

Zudem hängt es gleich von mehreren Punkten ab, ob wir bereit sind, für das Wohlergehen einer anderen Person unsere eigenen Bedürfnisse ruhen zu lassen.

  • Beziehung. Je näher wir einer Person stehen, desto leichter fällt es, sich selbstlos zu verhalten. So fällt es deutlich leichter, etwas für ein Familienmitglied oder einen guten Freund zu tun, als für jemand völlig fremdes. Diese Hürde wird noch größer, je mehr man selbst opfern muss, um dem anderen zu helfen.
  • Selbstvertrauen. Nur wer sich selbst überhaupt zutraut, einer anderen Person zu helfen, kann auch selbstlos handeln. Soll heißen: Wer nicht glaubt, durch seine Handlung einen Unterschied machen zu können, wird es wahrscheinlich auch gar nicht erst versuchen.
  • Empathie. Empathie ist ein wichtiger Schlüssel zur Selbstlosigkeit. Es ist notwendig, die Wünsche einer anderen Person zu erkennen und diese im Moment wichtiger einzustufen als die eigenen Bedürfnisse.

Auch die Voraussetzungen können beeinflussen, wie selbstlos ein Mensch handelt. Wer viel zu seiner eigenen Verfügung hat, kann anderen leichter etwas davon abgeben. Dabei kann es sich um Geld handeln, das durch Spenden oder Geschenke mit anderen geteilt wird, aber auch um freie Zeit, die genutzt wird, um anderen unter die Arme zu greifen.

Kurz gesagt: Je mehr von der Ressource, die selbstlos geteilt wird, zur Verfügung steht, desto leichter fällt die selbstlose Tat. Das bedeutet nicht, dass ohne diese Voraussetzungen Selbstlosigkeit unmöglich ist. Ganz im Gegenteil sogar. Wer wenig hat und dennoch bereit ist, davon etwas abzugeben, handelt noch viel selbstloser und berührt seine Mitmenschen noch viel mehr.

Die selbstlose Tat zahlt sich aus

Dass sich die selbstlose Tat auszahlt, ist wissenschaftlich verbürgt. Der Fachbegriff dafür ist der reziproke Altruismus - auch bekannt als: Wie du mir, so ich dir.

Der US-Ökonom Vernon Smith löste die Frage in den Sechzigerjahren spieltheoretisch und erhielt dafür 2002 den Wirtschaftsnobelpreis:

Bei seinem Versuch konnten die Probanden Geld in eine Gemeinschaftskasse einzahlen und so vermehren, der Gewinn wurde anschließend an alle zu gleichen Teilen ausgezahlt. Allerdings hatten die Teilnehmer die Wahl zwischen zwei Strategien:

  • kooperieren und einzahlen oder
  • nicht einzahlen und trotzdem profitieren.

Das Experiment zeigte: Spielten alle mit, erzielten sie den höchsten Gewinn. Den höchsten Einzelprofit aber gab’s natürlich für egoistisches Schmarotzen.

Was passierte?

Zu Beginn spielten vier Fünftel fair, der Rest kassierte mit. Die Ehrlichen waren die Dummen und verhielten sich schon bald eigennützig. Effekt: Der Profit schmolz mit jeder Runde und erreichte zum Schluss seinen Tiefststand. Wie die Stimmung.

Erst als die Mitspieler Trittbrettfahrer bestrafen konnten, verbesserte sich das Ergebnis. Die Sanktionen sorgten also für das Gemeinwohl. Der Effekt ist heute vergleichbar mit dem Händler-Feedback im Online-Auktionshaus eBay: Nur wer fair ist und entsprechend beleumundet wird, macht weiterhin gute Geschäfte.

Die Erkenntnisse der beiden Smiths sind ein Plädoyer für Zivilcourage und Opportunität: Der Mensch ist von Natur aus schlecht. Wo er kann, schmarotzt er sich durch. Das ist schlecht für alle.

Sobald man das aber entsprechend sanktioniert, entwickelt er zahllose Tugenden, wird anständig, bisweilen sogar selbstlos.

Die unsichtbare Hand, sie wirkt eben auch wie eine unsichtbare Ohrfeige. Schmerzloser lebt indes, wer die Lektion schon vorher verinnerlicht. Dann zahlt sich die Selbstlosigkeit gleich doppelt aus...

Selbstlosigkeit Zitate: Die besten Sprüche zum Thema

  • Der Selbstlose findet ohne zu suchen, was der Eiferer sucht ohne es zu finden. Kurt Haberstich
  • Bis zu einem gewissen Grade selbstlos sollte man schon aus Selbstsucht sein. Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
  • Der ideale Mensch verspürt Freude, wenn er anderen einen Dienst erweisen kann. Aristoteles
  • Es darf, wer anderen hilft, nicht sich selbst vergessen; es darf nicht fallen, wer andere aufrichtet. Gregor I. der Große
  • Wer etwas für einen anderen tut, darf sich nichts darauf einbilden oder selbstgefällig werden. Nicht um Belohnung soll es ihm gehen, nur eins: das Glück des anderen sei seine ganze Leidenschaft. Dalai Lama
  • Je mehr man für andere tut, desto mehr hat man. Je mehr man anderen gibt, desto mehr besitzt man. Laotse
  • Der Eigennutz spricht alle Sprachen und spielt alle Rollen, sogar die der Selbstlosigkeit. François VI. Herzog de La Rochefoucauld

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