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Alles läuft schief, niemandem geht es so schlecht wie Ihnen und sowieso ist das Schicksal Ihnen gegenüber besonders ungerecht - an manchen Tagen möchte man sich nur noch selbst bedauern und in Selbstmitleid versinken. In solchen Momenten scheint die Welt einfach unfair zu sein und schnell kommt noch Neid auf das Glück und die scheinbare Unbeschwertheit der anderen hinzu. Aber ist Selbstmitleid grundsätzlich falsch? Nein, denn eine Phase, in der wir uns selbst Leid tun, kann durchaus positive Auswirkungen auf unser Befinden haben. Warum Selbstmitleid sowohl hilfreich, als auch schädlich ist und was wirklich dagegen hilft, wenn Selbstmitleid zu einem Problem wird...

Selbstmitleid: Hilfreich und doch schädlich

Es gibt Tage, die fangen schwach an und lassen dann stark nach. Klaus hat gerade einen Preis bekommen: Verkäufer des Jahres. Na, bravo! Stefanie freut sich derweil über ihre Beförderung. Schon die zweite in drei Jahren. Und Michael heiratet nächste Woche – ein Model, das er in New York kennengelernt hat. Ihr Vater ist übrigens schwerreicher Unternehmer...

Manche Menschen haben einfach Glück. Und selbst? Seit 15 Jahren derselbe Job, die Freundin frustriert, das Auto in der Werkstatt. Zudem Haarausfall. Das Leben ist ein Haufen Taubenkacke...

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So fühlt sich Selbstmitleid an.

Shit happens, mag mancher denken. Viele denken und fühlen aber auch:

  • Warum ich?
  • Warum ziehe immer ich die Arschkarte?
  • Warum habe ich nur Pech, während alle anderen das Glück küsst?
  • Was habe ich verbrochen, dass mein Leben in Moll spielt, das der anderen dafür in Dur?

Solche Gedanken hat wohl jeder einmal, der gerade mit seinem Schicksal hadert, sich zurückgewiesen und ungerecht behandelt fühlt. Solange der Katzenjammer und das Wunden lecken die Ausnahme bleiben, geht das völlig in Ordnung. Sentimentalitäten gehören zum Leben wie Pickel zur Pubertät.

Besser aber ist, wenn eine subjektiv empfundene, ungerechte Behandlung anschließend konstruktiv verarbeitet wird. In einem solchen Fall kann Selbstmitleid eine gute Lösung sein, negative Emotionen und Erlebnisse zunächst zu analysieren, zumindest etwas zu kompensieren und vielleicht zu akzeptieren.

Kurzfristig, so paradox es klingt, kann Selbstmitleid sogar positive Gefühle erzeugen: Es gibt Studien, wie etwa die von Mark Leary von der Wake Forest Universität, die zeigen, dass Menschen mit starkem Selbstmitleid mehr Verantwortung für eigene Fehler übernehmen als diejenigen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein.

Diese heilende Wirkung kann Selbstmitleid aber nur entfalten, wenn es kurzfristig auftritt und nicht zur Gewohnheit wird.

Auf lange Sicht hilft Selbstmitleid nicht, sondern schadet und vergiftet unsere Gefühle und Beziehungen. Betroffene Menschen fühlen sich hilflos, dauerhaft benachteiligt, verschließen sich vor der Umwelt und begeben sich in eine Opferrolle - inklusive Ohnmacht und Schuldzuweisungen.

Wer glaubt, dass er eigentlich besseres verdient hätte und sich dabei stetig bedauert, macht sich zum Opfer und übersieht zahlreiche gute Dinge und Eigenschaften, die längst vorhanden sind. So jemand kann kein dauerhaftes Selbstvertrauen entwickeln, sondern bleibt gefangen in einer Abwärtsspirale der negativen Gefühle und Schuld. Er versinkt im Sumpf des Selbstmitleids.

Dieses Bemitleiden und Bedauern seiner Selbst kann zu ernsthaften psychischen und physischen Folgen führen:

  • Einsamkeit

    Das ständige Gefühl einer Benachteiligung und der Neid gegenüber den Kollegen oder Freunden führt dazu, dass viele Betroffene sich abkapseln und für sich bleiben. Gleichzeitig macht man sich durch dauerhaftes Selbstmitleid auch nicht gerade beliebt, da viele vom ständigen Meckern und Jammern schnell Abstand suchen.

  • Antriebslosigkeit

    Wer es nicht schafft, aus dem Abwärtstrend des Selbstmitleids zu entkommen, verliert die Hoffnung und damit auch jede Motivation, es weiterhin zu versuchen. Der Gedanke, dass es ohnehin nicht besser werden wird, lähmt und führt zu Stillstand.

  • Depressionen

    Der anhaltende Fokus auf die negativen Aspekte kann zu ernsthaften psychischen Problemen führen. Das empfundene Unrecht, die Zweifel, etwas an der Situation ändern zu können und das Gefühl, alleine zu sein, können dafür sorgen, dass Betroffene in ihrem Leid und in Depressionen versinken. Die negativen Gedanken verstärken sich selbst. Sie können auch zu einem Burnout führen.

Wer seine Larmoyanzen über die Maßen pflegt, zieht sich zurück, isoliert sich von Freunden und Kollegen, leidet deshalb bald unter Wahrnehmungsverzerrung.

"Du hast keine Optik, Ausstrahlung gleich Null, nicht 'mal deine Schultern sind breit ... Dein Badezimmerspiegel schaltet auf blind, dein Anblick ist ihm zu seicht... tu' dir leid, tu' dir leid, tu' dir leid", singt schon Herbert Grönemeyer in seinem Song "Selbstmitleid" ironisch.

Fatal! Wer enttäuscht ist – sei es gar zurecht – und unaufhörlich die Ungerechtigkeit in seinem Leben beklagt, der blickt letztlich immer nur nach hinten und gibt Trübsinn und Selbstzweifeln unnötigen Raum.

Oder wie der Europaabgeordnete André Brie einmal sagte:

Selbstmitleid ist für den Kummer wie Salz für die versalzene Suppe.

Fragen, die man sich bei Selbstmitleid stellt

Extra-Tipp-IconIm Wörterbuch heißt es: Wer unter dauerhaftem Selbstmitleid leidet, hadert mich sich, seinem Umfeld und der gesamten Welt. Oft wird auch das eigene Schicksal als besonders ungerecht empfunden. Aus diesen Zweifeln heraus tauchen einige Fragen auf:

  • Womit habe ich das verdient?
  • Warum tun die mir diese Scheiße an?
  • Warum trifft immer mich die Arschkarte?
  • Wieso geht es den anderen immer besser als mir?
  • Merkt denn keiner, wie schlecht es mir geht?
  • Bin ich die ärmste Sau auf diesem Planeten?

Jeder hat sich wohl schon einmal einige dieser Fragen gestellt (vielleicht nicht ganz so deftig formuliert, sondern lyrischer wie bei Herbert Grönemeyer). Aber auch hierbei müssen Sie sich wiederum fragen: Führen diese Fragen zu einer Lösung, oder bieten sie eher mehr Raum, für neues Selbstmitleid?

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Selbstmitleid: So geht es wieder aufwärts

Natürlich lässt sich sichtbares Selbstmitleid auch als Waffe einsetzen - zum Beispiel um anderen mit der zur Schau gestellten Wehleidigkeit ein schlechtes Gewissen einzubimsen oder deren Hilfe zu erpressen. Die Opferrolle delegiert letztlich Schuld und Verantwortung.

Selbstmitleid kann damit eine passive Form der Manipulation sein. Darin offenbart sich zugleich das andere, das heimliche Gesicht des Trauerspiels um Niederlage, Enttäuschung, Schmach, Scham und Schande: Selbstmitleid ist oft nichts anderes als eine Form der Selbstgerechtigkeit. Die anderen sind schuld, bösartig und gemein. Wie edel dagegen ist da das Opfer?!

Narzissmus pur... Nicht selten verrät derlei Selbstmitleid eine veritable Profilneurose und verletzten Stolz.

Gesichter-des-Selbstmitleids

Wer sich selbst zu lange bedauert und betrauert, schadet sich. "Ich hasse Selbstmitleid. Zu meiner Philosophie gehört, dass ich mein Leben selbst steuern kann", hat die Hollywood-Schauspielerin Charlize Theron einmal im Interview preisgegeben. Recht hat sie.

Ein wirklicher Neubeginn kann ohnehin nur gelingen, indem man beherzt Abschied vom Alten nimmt und den Blick nach vorn richtet. Es ist wie mit Verstorbenen: Erst werden sie betrauert, dann räumt man den Nachlass fort und kehrt zum Leben zurück.

Genau dieser Schritt fällt vielen allerdings nicht leicht. Natürlich ist es bequemer, sich hinter Selbstmitleid zu verstecken. Wem es jedoch gelingt, die berechtigte Zeit des Jammerns (siehe 24-Stunden-Regel) hinter sich zu lassen, bekommt neue Kraft und Energie, um etwas an der Situation zu ändern.

Ein einfaches "Jetzt hör endlich auf zu heulen" von einem guten Freund kann dabei helfen, den Kopf wieder frei zu machen. Doch es gibt auch andere Strategien, um das Jammertal zu verlassen und Ihr Selbstmitleid zu überwinden:

  1. Sprechen Sie über das erlebte Unrecht

    Über Ungerechtigkeit zu sprechen und dabei auch das eigene Selbstmitleid zu thematisieren, kann ein erster wichtiger Schritt sein, um die akute Wehleidigkeit zu überwinden. Beschreiben Sie dafür sowohl die Situation, als auch Ihre Gefühle möglichst genau. Fragen Sie beispielsweise Ihre Familie oder gute Freunde, wie diese die Situation beurteilen oder ob sie zu anderen Schlüssen kommen als Sie selbst. Möglicherweise erhalten Sie so einen neuen Blick auf die Geschehnisse und verändern Ihre Perspektive in Richtung Realität.

  2. Konzentrieren Sie sich auf die positiven Seiten

    Sollte es gerade im beruflichem Umfeld nicht so laufen, wie Sie es sich vorstellen, sollten Sie zwar daran arbeiten, doch sich nicht davon entmutigen lassen. Betrachten Sie stattdessen auch die Dinge, die weiterhin gut funktionieren und Sie glücklich machen. Freuen Sie sich über Ihre Familie, Ihre Freunde oder auch über Hobbys, die Ihnen Spaß machen. Je mehr Sie Ihren Blick vom Selbstmitleid ablenken können, desto schneller werden Sie es überwinden.

  3. Suchen Sie sich Vorbildern

    Ein Jobverlust ist ein einschneidendes Erlebnis und kann schnell zu Selbstmitleid führen. Immerhin hat es ausgerechnet Sie getroffen und nicht einen der Kollegen. Doch suchen Sie nicht nach Gründen, die Ihr Selbstmitleid noch verstärken, sondern schauen Sie nach einem Weg, der Sie weiter führt: Was haben andere in Ihrer Situation getan? Wie haben diese den Weg zurück in den Job geschafft? Vorbilder können dabei helfen, den Weg aus dem Selbstmitleid zu finden, da andere ihn bereits gegangen sind.

  4. Arbeiten Sie an Ihrer Einstellung

    Wer benachteiligt wurde und sich ungerecht behandelt fühlt, ist mit der Situation unzufrieden und möchte am liebsten etwas daran ändern. Doch dafür ist Selbstmitleid ein denkbar schlechter Weg. Weder wird es etwas an der vergangenen Ungerechtigkeit ändern, noch wird es den beteiligten Personen aufzeigen, dass Sie etwas falsch gemacht haben. Nur wenn Sie sich aufraffen und aktiv werden, können Sie etwas bewegen.

  5. Sorgen Sie für bessere Stimmung

    Selbstmitleid wird begleitet durch Frust, Wut oder auch Trauer. Ein effektiver Weg, diese negativen Emotionen zu überwinden, ist es positive Emotionen zu erschaffen. Arbeiten Sie daher bewusst daran, sich in eine bessere Stimmung zu versetzen. Hören Sie Ihre Lieblingsmusik, gönnen Sie sich etwas, das Ihnen gut tut oder setzen Sie beim Sport Glückshormone frei. Die gute Stimmung wird Ihnen dabei helfen, die nötige Energie zu finden, um dem Selbstmitleid den Rücken zu kehren.

  6. Entwickeln Sie ein gesundes Selbstmitgefühl

    Selbstmitgefühl ist ein entscheidender Faktor für den korrekten Umgang mit Gefühlen und Problemen im Leben. Beim Selbstmitleid liegt der Fokus darauf, sich selbst zu bedauern, zu bemitleiden. Selbstmitgefühl hingegen steht für einen verständnisvollen Umgang mit den eigenen Fehlern und Schwächen. Statt sich also zu fragen, womit man eine Ungerechtigkeit verdient hat, wird Verständnis für die eigene Situation aufgebracht und nach einer Lösung gesucht. Man könnte auch sagen: Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst zu trösten zu können, wenn es einem schlecht geht.

Fragen Sie WOZU statt WARUM!

Extra-Tipp-IconWenn etwas schief läuft im Leben, in der Liebe oder im Job, dann sind Menschen schnell bei der Analyse und fragen sich: Warum?

  • Warum ist das passiert?
  • Warum ist es überhaupt so weit gekommen?
  • Warum ist das gescheitert?
  • Warum passiert das immer mir?

Doch die Frage nach dem Warum zielt ausschließlich nach hinten, forscht in der Vergangenheit nach vermeintlichen Ursachen, hadert mit dem Schicksal oder suhlt sich im Selbstmitleid.

Es ist natürlich nicht falsch, nach dem Grund zu fragen, insbesondere um daraus zu lernen. Lernen kann aber auch, wer seinen Blick nach vorne richtet. Wer nicht sich selbst in den Mittelpunkt des Geschehens stellt, sondern den Zweck.

So jemand fragt nicht nach dem Warum, sondern: Wozu?

Es sind womöglich dieselben Fragen, aber sie bekommen ein ganz anderes Gewicht - genauso wie das Problem, die Niederlage, das Scheitern. Die Frage nach dem WOZU verwandelt selbst den Schicksalsschlag in eine wichtige Station auf einem Weg, der ein Ziel verfolgt. Und das wiederum tut sofort besser, gibt Hoffnung und macht Mut.

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