Selfie-Sucht-Psychologie
Natürlich hat man das irgendwie geahnt, aber jetzt ist es eben amtlich: Wer häufig Selfies von sich in sozialen Netzwerken postet - und zwar mehr als der Durchschnitt -, ist höchstwahrscheinlich narzisstisch veranlagt. Zumindest gilt dies für Männer. Verglichen mit dem Durchschnitt wiesen viele dieser Selbstdarsteller antisoziale Charakterzüge auf und seien tendenziell psychopathisch veranlagt, sagt Jesse Fox, Dozentin für Kommunikation an der Ohio State Universität und verantwortlich für die Studie...

Selfie Manie entlarvt Narzissten und Psychopathen

An der Studie der Ohio State Universität nahmen rund 800 Männer im Alter von 18 bis 40 Jahren teil. Die Forscher interessiert dabei unter anderem:

  • Welche Bilder sie in sozialen Netzwerken veröffentlichen.
  • Wie oft sie dabei Selfies inszenieren und posten.
  • Und ob sie diese zusätzlich vorher bearbeiten - etwa mit Filtern.

Bemerkenswert daran: Die Wissenschaftler bemerkten zudem einen Unterschied zwischen Narzissmus und Psychopathie: Männer mit psychopathischen Zügen neigten (im Gegensatz zu Narzissten) weniger dazu, ihre Bilder vor dem Absenden zu optimieren. "Impulsivität ist typisch für Psychopathen", sagt Jesse Fox. "Diese Menschen wollen sich selbst sehen, aber sie wollen keine Zeit damit verbringen, die Bilder zu bearbeiten."

Definition: Die Geschichte der Selfies

Laut Wikipedia wurde der Begriff "Selfie" das erste Mal im Jahr 2002 in einem australischen Internet Forum verwendet. Trotz seines recht frühen Auftretens dauerte es dann noch bis zum Jahr 2011, bis Selfies als Kurzbezeichnung für Selbstporträts in den Mainstream gelangten. Die oft geäußerte Annahme, Selfies würden vor allem von jungen Menschen aufgenommen, scheint zu stimmen. Zumindest lassen die von der Webseite Selfiecity erfassten Zahlen diesen Schluss zu.

Risiko Selfie: Die Selbstporträts prägen Wahrnehmung

Selfie ManieSelfies liegen im Trend. Täglich werden sie zu Tausenden geschossen und geteilt. Kaum ein Event, keine Reise, keine Begegnung bei denen heute kein Selbstporträt gemacht wird. Schon im Dezember 2012 erklärte das Time Magazin, den Begriff "Selfie" zu den Top10 Schlagworten des Jahres. Dienste wie Snapchat oder Instagram haben die Verbreitung der Selfies seitdem noch einmal beschleunigt.

Doch diese Selfie Manie ist nicht ungefährlich.

Gemeint sind damit gar nicht mal peinliche und zweideutige Bilder (die ohnehin nichts auf öffentlichen Profilen und Netzwerken zu suchen haben).

Die Gefahren stecken oft dort, wo wir Sie nicht vermuten. Deshalb an der Stelle ein paar unbequeme Wahrheiten über Selfies, die Sie zumindest im Hinterkopf haben sollten...

  1. Sucht nach Bestätigung

    Selfies dienen - im Gegensatz zu Urlaubs- und Erinnerungsfotos - nicht der Dokumentation des Augenblicks. Stattdessen sind sie dazu gedacht, anderen zu zeigen, wo oder mit wem man gerade unterwegs ist - immer verbunden mit der Hoffnung, dafür Likes und Anerkennung einzuheimsen. In einem gewissen Rahmen ist das völlig okay. Nimmt es aber überhand, kann nicht nur eine veritable Sucht nach externer Bestätigung daraus werden. Das eigene Selbstwertgefühl wird auch abhängig von Likes und Kommentaren - oft von Menschen, die einem eigentlich egal sein sollten.

  2. Negatives Gesamtbild

    Was viele nicht im Blick haben: Nicht nur das einzelne Selfie zählt, sondern vor allem die Summe der Selbstporträts - beispielsweise in einem Profil auf Instagram. In Summe ergeben die Bilder einen Gesamteindruck der Selbstdarstellung: Wie ausgeprägt ist dieser Drang? Wie und mit wem lichtet sich die Person ab? Das alles kann sich auch negativ auf den eigenen Ruf auswirken, zum Bespiel wenn so ein Image entsteht, das gar nicht beabsichtigt war. Behalten Sie also nicht nur das einzelne Bild im Auge, sondern vor allem das Porträt aller Fotos zusammen - sie tragen enorm zum Personal Branding bei.

  3. Negatives Selbstbild

    Das Phänomen kennen viele: Beim Blick in den Spiegel sind sie mit sich (einigermaßen) zufrieden, auf Fotos aber finden Sie sich regelmäßig schlecht getroffen oder hässlich. Das Phänomen kann es bei Selfies genauso geben. Zwar werden die Bilder dann selten gepostet, die psychologische Wirkung aber bleibt: Die Betroffenen schießen immer wieder Bilder von sich, sehen sich, sind unzufrieden, löschen die Bilder wieder. In Summe aber entsteht ein selektiv wahrgenommenes negatives Selbstbild. Dabei sollte man sich klarmachen: Gerade die Weitwinkel-Kamera des Smartphones verzerrt die Wirklichkeit, ebenso der Aufnahmewinkel (was auch Selfie-Sticks nicht ändern).

  4. Schlechtere Beziehungen

    Selfies, nicht anders als Urlaubsbilder auf Facebook & Co., laden zum Vergleich ein. Wir sehen das Leben der anderen in unserer Timeline und denken uns: Deren Leben ist viel aufregender als meins! Sie fotografieren sich an Orten, an denen wir nie sein werden; begegnen Menschen, die wir nie treffen werden; und sehen dabei auch noch besser aus... Laut Studien der Humboldt-Universität und der Technischen Universität Darmstadt reicht heute schon vermehrter Facebook-Konsum, um eine Art Neidspirale auszulösen und immer unzufriedener zu werden. Vor allem wer in sozialen Netzwerken selbst kaum aktiv kommunizierte, sondern eher Informationen konsumierte – also beispielsweise viele Posts und Bilder von Freunden ansah, war davon betroffen. Paradoxerweise führen diese Neidgefühle dann zu einer noch ausgeprägteren Selbstpräsentation - eine Art Überkompensation, die aber wiederum nur noch mehr Neidgefühle hervorruft – ein klassischer Teufelskreis entsteht, der auch noch die Beziehung nachhaltig belastet.

Zugegeben, das sind Extreme. Sie können das Resultat extremer Selfie-Manie sein, müssen es aber nicht. Allerdings sollten einem die Folgen bewusst sein und erste Anzeichen dafür zumindest skeptisch machen. Bilder prägen unsere Wahrnehmung - nicht zuletzt auch von uns selbst.

[Bildnachweis: loreanto, gpointstudio by Shutterstock.com]