Es gibt Geschichten von Menschen, die beeindrucken nachhaltig. Mir geht das so mit ebenso leidenschaftlichen wie charismatischen Führungskräften. Also Menschen, die andere Menschen wirklich führen – und nicht nur so tun als ob. Einer dieser veritablen Manager ist der inzwischen 85-jährige (und twitternde!) ehemalige Baseball-Spieler und Trainer der Los Angeles Dodgers: Tommy Lasorda. Von ihm stammt dieses wunderschöne Zitat:
Management muss man sich so vorstellen, dass man eine Taube in der Hand hält. Wenn man sie zu fest hält, bringt man sie um, aber wenn man sie zu locker hält, verliert man sie.
Auf den ersten Blick eine typische Management-Metapher, wie man sie zuhauf in drittklassigen Fachbüchern findet. Doch Lasorda füllt sie wunderbar mit Leben und einer sehr authentischen Geschichte. Er selbst beschreibt damit die schwierige Balance, die ein Chef im Alltag finden muss – zwischen zu viel und zu wenig Führung, zwischen einem zu energischen Fordern und einem zu laxen Fördern. Oder anders formuliert: Manchmal muss man die Leute lieber machen lassen, und manchmal brauchen sie einen Tritt in den Hintern.
Dabei das richtige Maß zu finden, ist die eigentliche Kunst – und in der Praxis ungeheuer schwer, weil die meisten Mitarbeiter sofort verstimmt reagieren, wenn sie sich nicht geführt, sondern gegängelt fühlen. Oder aber sie können mit dem zu viel an Freiheit nicht gut umgehen.
Lasorda fand hierzu jedoch eine ebenso ermutigende wie inspirierende Lösung:
Die richtige Balance zwischen fordern und fördern
Es ist die Geschichte von Orel Hershiser, einem bis dato noch jungen, dürren Werfer in der B-Mannschaft der Dodgers. Hershiser ist ein echtes Talent, das erkennt Lasorda sofort. Der junge Spieler verfügt über einen außergewöhnlich kraftvollen und präzisen Wurf. Aber er hat ein Problem: Er ist zu schüchtern, ihm fehlt der nötige Biss, um sich in der Konkurrenz mit den anderen Werfern durchzusetzen.
Was macht Lasorda?
Er verpasst ihm seinem Nachwuchstalent einen Spitznamen, mit dem er ihn fortan immer anspricht. Der Name ist allerdings das genaue Gegenteil dessen, was das Wesen des Spielers beschreibt. Lasorda nennt ihn: Bulldogge.
Ein solche Spitzname ließe sich leicht als Hohn missverstehen. Doch Lasorda macht klar: Er meint es ernst, er sieht in dem Spieler diesen Kampfgeist. Und genau das spornt Orel Hershiser an. Mit den Jahren wird er tatsächlich einer der zähesten und gefürchtetsten Gegner auf dem Spielfeld der ersten Liga.
Es war der Spitzname, der ihn ständig daran erinnerte und mahnte, das zu sein, was er sein könnte.
Natürlich war es anfangs nicht leicht, Bulldogge genannt zu werden – erst recht, wenn man sich selbst anders sieht und die Mitspieler einen auch anders wahrnehmen. Aber mit der richtigen Mischung aus fordern und fördern, arbeitete Lasorda das Maximum aus diesem Talent heraus. Und zwar ohne die Taube zu zerquetschen.
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