pflasterNeulich besuchte ich ein Seminar zum Thema Veranstaltungsmoderation. Das ist ein Wort wie ein Krebsgeschwür: hässlich und über jedes gesunde Maß längst hinausgewuchert. Es ging dabei um Podiumsdiskussionen. Das Wort ist auch nicht viel gesünder, aber man weiß wenigstens, was damit gemeint ist. Das Seminar leitete Martina K. Schneiders. Normalerweise sind mir Menschen suspekt, die ein Mittelnameninitial (noch so ein Wort!) führen. Aber Martina K. Schneiders ist Hörfunkjournalistin und Autorin mit dem Themenschwerpunkt Arbeit und Soziales. Und ich meine, eine Kollegin, die sich mit solchen Dingen beschäftigt, kann so schlecht nicht sein.


Das Seminar habe ich übrigens nur besucht, um meine Vorbehalte abzubauen. Ich hasse Podiumsdiskussionen. Und ich finde, dass jeder Mensch, der klaren Verstandes ist, sofort zu Staub zerfallen müsste, der diesem Panoptikum nicht nur beiwohnt, sondern – man mag sich das gar nicht vorstellen – tatsächlich freiwillig zuhört und sich das ansieht. Womöglich noch im Fernsehen. Ich kann nicht verstehen, warum es Menschrechtsorganisationen (genau!) gibt, die auf der einen Seite gegen Waterboarding zu Felde ziehen, auf der anderen Seite aber noch nie etwas gegen die seelische Grausamkeit von TV-Talkshows unternommen haben. Ich finde, solche Menschenrechtsorganisationen sind nicht glaubwürdig. Talkshows traumatisieren immerhin ganze Nationen. Und ich bin sicher, dass deren Macher perfide genug sind, selbst dieses Thema demnächst in einer Podiumsdiskussion auszuweiden.

Das Besondere an einer Veranstaltungsmoderation ist, dass sie sich von anderen Moderationen erheblich unterscheidet. Das habe ich in dem Seminar gelernt, aber geahnt habe ich das natürlich schon vorher. Man kann Podiumsdiskussionen ganz unterschiedlich beginnen. Man kann zuerst das Plenum begrüßen, danach das Thema vorstellen und dann seine Diskutanten. Man kann aber auch zuerst das Plenum begrüßen, danach das Thema vorstellen und dann seine Diskutanten sich selbst vorstellen lassen. Oder man kann zuerst das Plenum begrüßen, danach das Thema vorstellen und dann seine Diskutanten bitten, sich mit einem Statement vorzustellen. Diese Alternativen bieten jedem Podiumsleiter gegenüber herkömmlichen Moderationen viel Potenzial, um sich kreativ zu verausgaben. Die beiden letzten Varianten sind aber auch die gefährlichsten. Wegen der Vielschwätzer. Das sind Menschen, die mit dem Begriff Veranstaltungsmoderation viel gemeinsam haben. Nur sind es bei ihnen Worte, die über jedes gesunde Maß hinaus wuchern, sobald sie erkannt haben, dass ihnen jemand zuhört.

In dem Seminar haben wir gelernt, wie man solche Leute stoppt. Eine Methode nennt sich Namensruf. Dabei ruft man solange den Namen des Vielschwätzers, bis der- oder diejenige sich angesprochen fühlt. “Frau Schmidt… Frau Schmidt!… Frau Schmidt…!!!” Ich empfehle diese Methode aber nicht bei Diskutanten mit Doppelnamen. Sonst verspielt der Moderator auch die letzten Sympathien, und die Leute schalten ab, noch bevor der Namensträger reagieren kann. Die zweite Methode nennt sich Unterbrechung mit Simultansequenzen. Bei diesem Begriff hilft auch keine Chemotherapie mehr. Gemeint ist damit, die Schwatzbacke einfach tot zu reden. Der Moderator schnappt dazu ein Stichwort aus dem unheiligen Monolog auf, holt tief Luft und redet dann möglichst laut über das Gelaber hinweg. Verloren hat, wer leiser ist. Und wem zuerst die Puste ausgeht. Ich glaube nicht an diese Methode. Ich glaube vielmehr, Podiumsdiskussionen basieren auf dem Konzept der Simultansequenzen. Die dritte Methode ist eine nonverbale. Dabei soll der Vielschwätzer durch Räuspern, verstärkte Gestik und eifriges Mitschreiben verunsichert werden. Voraussetzung ist allerdings, dass der das mitbekommt.

Mich hat heute jemand angerufen, der mich als Moderator für eine Podiumsdiskussion gewinnen wollte. Am Anfang wusste ich das nicht, denn der Mann hat sehr viel und ununterbrochen über das Diskussionsthema gesprochen. Da erinnerte ich mich an das Seminar. Ich dachte, gelernt ist gelernt und habe mich laut geräuspert, ein paar Stichworte mitgeschrieben, und meine Gesten beschreibe ich Ihnen lieber nicht, weil ich möchte, dass Sie mich auch weiterhin sympathisch finden. Aber der Mann hat einfach weitergeredet. Dummerweise habe ich mir seinen Namen nicht gemerkt. Und genau genommen ist “Herr Wiewardochgleichihrname…!!!” gar kein Namensruf. Also entschied ich mich für die Simultansequenz. Ich hatte mehr Luft.

Ich fragte den Mann, was er jetzt genau von mir wolle. Er sagte, dass er mich gerne einladen würde, eine Podiumsdiskussion zu moderieren. Ich antwortete, dass ich Podiumsdiskussionen unerquicklich finde und für reine Zeitverschwendung halte. Der Mann sah das anders und fühlte sich durch mein Statement zu einer Diskussion angespornt.

Die vierte Methode lernt man übrigens in keinem Seminar. Sie macht ganz sicher unsympathisch, funktioniert dafür immer, aber nur am Telefon. Bei der vierten Methode müssen Sie einfach auflegen.