Man kann es leichtsinnig nennen oder auch tollkühn. Heldenhalft auch. Aber das wurde es eigentlich erst durch das Ergebnis, dadurch, dass Odysseus die Gefahr listenreich überwand und überlebte.

Die Rede ist von Odysseus’ Überfahrt – vorbei an der unter Seeleuten gefürchteten Insel der Sirenen. Die bezaubernen Bewohnerinnen – halb Frau, halb Vogel – waren laut Homers Mythologie in der Lage, durch ihren süßen Gesang vorbeisegelnde Seefahrer anzulocken, zu betören, zu berauschen und am Ende in ihr Verderben und den Tod zu locken.

Der kluge Odysseus wusste das, kannte die Gefahr und sinnliche Kraft ihrer Verführung, wollte aber dennoch die bezaubernden Stimmen hören. So ließ er sich auf den Rat der Zauberin Kirke hin von seinen Gefährten an den Mast seines Schiffes fesseln, damit er die Sirenen zwar hören, sich aber nicht von ihnen becricen lassen konnte. Der Rest seiner Crew verschloss sich indes die Ohren mit geschmolzenem Wachs, um gänzlich gegen den Singsang immun zu sein. Als sich das Schiff schließlich den berüchtigten Sirenen-Klippen näherte, war Odysseus bereits so verhext, dass er mit aller Kraft versuchte, sich von seinen Fesseln zu befreien. Seine Mannschaft aber zog die Seile nur noch strammer, behielt unbeirrt den Kurs bei – und passierte so die Insel unbeschadet. Und Odysseus, Homers Held, wurde der erste Mann, der den Gesang der Sirenen gehört und überlebt hatte.

O Brother, Where Art Thou?


Der Kinofilm der Coen-Brüder aus dem Jahr 2000 ist eine Mississippi-Adaption der Odysseus-Mythologie. Er beginnt mit der Flucht der drei Sträflinge Ulysses Everett McGill, Pete Hogwallop und Delmar O’Donnell. Ihr Ziel ist ein Ort, an dem Everett die Beute seines letzten Raubzuges vergraben haben will. Und auch hier versuchen drei Sirenen mit ihrem lockenden Gesang die drei Helden vom Weg abzubringen und ins Verderben zu locken.

Gewiss, sein kühner Törn war ein Erfolg, deshalb wurde die Geschichte auch zum Mythos. Wäre der Trip anders verlaufen und Odysseus gestrandet, wäre der smarte Grieche zum Depp der Antike geworden – und Homer hätte wohl nie ein Wort darüber verloren.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Das soll jetzt kein Plädoyer für Vollkaskomentalität und Sicherheitsfaschismus werden. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Im Leben gibt es immer wieder Risiken und Herausforderungen. Und wer darum stets einen großen Bogen macht, der verplempert bei der Suche nach Umwegen nicht nur einen Haufen kostbare Lebenszeit und verpasst womöglich viel Spaß, sondern erreicht sein Ziel auch meist wesentlich später – wenn überhaupt.

Die Kunst, der Verführung zu widerstehen

Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist ein anderer Aspekt an dem antiken Märchen: die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung.

Der Marshmallow-Test

Tatsächlich sind Selbstbeherrschung und Disziplin wichtige Schlüssel für den Erfolg. Das haben schon Avshalom Caspi und Terrie Moffit in einer Langzeitstudie (pdf) betont, für die sie die Laufbahn von 1037 Kindern aus Dunedin (Neuseeland) verfolgt haben – von der Geburt bis zum 32. Lebensjahr. Auch mithilfe des sogenannten Marshmallow-Tests (siehe auch Video) fanden Sozialpsychologen in den Sechzigerjahren heraus: Selbstdisziplin – im Umgang mit Süßigkeiten – verrät späteren Lebenserfolg.

Selbst später im Erwachsenenleben können Neugier und Abenteuerlust starke Motive sein, etwas Neues zu wagen, Fortschritt zu leben, sich weiterzuentwickeln. Aber man muss dabei auch seine Grenzen kennen. Es gibt einen Unterschied zwischen Mut und Übermut, zwischen notwendigen Risiken und tollkühnen Manövern. Denn natürlich gibt es einlullende Sirenen auch heute noch. Sie singen vermutlich nicht so schön, sind höchstwahrscheinlich weder Vogelfrau noch Muse, noch muss es sich dabei zwingend um eine sinnlich-erotische Verführung handeln. Zur Sirene kann auch die eigene Euphorie werden, die Verliebtheit in eine fixe (Geschäfts-)Idee oder gar der blinde Ehrgeiz, unbedingt dieses oder jenes geschafft und erlebt zu haben. Einmal in den Bann gezogen, bringen uns solche Zerrbilder leicht vom eigentlichen Kurs ab und lassen uns an ungeahnten Klippen zerschellen.

Gut, wenn man dann einen Mast hat, an dem man sich anbinden lassen kann – und ein Team, das unbeirrt weiter rudert, wenn man selbst noch am liebsten von Bord gehen würde.