212 Tage. So viele Werktage verbringt der deutsche Arbeitnehmer durchschnittlich an seinem Arbeitsplatz. Und für rund 17 Millionen Menschen in Deutschland ist das: ein Büro. Ich bin einer davon – und Sie vermutlich auch. Glaubt man der Statistik, dann bewohnen gut 33 Prozent der Büroarbeiter ein Einzelbüro, 27 Prozent teilen sich die Arbeitswabe mit einem zweiten Kollegen, die Mehrheit von rund 40 Prozent aber sitzt in einem Großraumbüro.
Man sollte meinen, dass es dabei relativ uniform zugeht: Einheitsgrößen, Einheitsmöbel, Einheitsgedanken. Ist aber nicht so. Nahezu 90 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer personalisieren ihre Büros oder Cubicals, haben Forscher der Eastern Kentucky Universität einmal herausgefunden. Für Deutschland liegen zwar keine vergleichbaren Studien vor, aber das Ergebnis dürfte ähnlich ausfallen. Schließlich sind wir die Erfinder der Gemütlichkeit. So dient vielen das Dekor wohl in erster Linie zu zusätzlichem Komfort. Umgeben von vertrauten Dingen fühlen sich Arbeitnehmer automatisch wohler und sind dadurch meist auch produktiver.
So muss es aber nicht sein. Denn tatsächlich spielt bei der Produktivität auch die Ergonomie eine entscheidende Rolle. Der Begriff selbst leitet sich übrigens von den griechischen Wörtern ergon (Arbeit, Werk) und nomos (Gesetz, Regel) ab und beschreibt damit in erster Linie die Gesetzmäßigkeiten menschlicher Arbeit. Ziel der Ergonomie ist, möglichst optimale Arbeitsbedingungen zu identifizieren. Das schließt freilich Möbel, Lichtverhältnisse oder technische Geräte mit ein.
So arbeiten etwa vier von fünf Angestellten an einem Bildschirmarbeitsplatz. Es ist nicht schwer, sich auszurechnen, dass die Gesundheit erheblich gefährdet wird, sollte man die ganze Zeit zu nah, zu fern oder einfach grundsätzlich falsch vor seinem PC hocken. Ich habe etwas recherchiert, was diverse Studien, Ergonomie-Forscher oder Büro-Experten raten. Damit Sie sich nicht durch Berge von Text schmökern müssen, habe ich die Ergebnisse stichwortartig zusammengefasst:
- Der Bildschirm ist groß. Laut einer Untersuchung der Universität von Utah arbeiten Mitarbeiter mit einem 24 Zoll Monitor um 52 Prozent, mit einem 20 Zoll Bildschirm immer noch 44 Prozent schneller als ihre Kollegen mit einem mickrigen 18-Zöller.
- Der Kopf ist 50 bis 70 Zentimeter vom flimmerfreien (!) Monitor entfernt.
- Der Bildschirm steht so, dass keine Reflexionen (etwa vom Fenster) entstehen können.
- Wenn Sie die oberste Zeile auf dem Bildschirm lesen, sollte der Kopf leicht nach vorn geneigt sein – Sie schauen also leicht nach unten.
- Der Schreibtisch ist mindestens 80 Zentimeter tief und 160 Zentimeter breit. Tischtiefen unter 80 Zentimeter gelten nicht als Arbeitsplatz, sondern als Ablagefläche.
- Der Tisch sollte (je nach Körpergröße) 19 bis 28 Zentimeter über der Sitzfläche liegen.
- Bei normaler Sitzhöhe (hängende Schultern) liegen Ihre Arme wagerecht auf dem Schreibtisch.
- Sie können unter dem Tisch die Beine auch mal ausstrecken oder die Haltung variieren ohne sich in Kabeln zu verstricken.
- Der Schreibtisch ist variabel in der Höhe verstellbar.
- Wenn die Hände aufliegen, bleiben Ihnen noch mindestens 10 Zentimeter bis zur Tastatur.
- Der optimale Bürostuhl lässt sich individuell anpassen und ermöglicht wechselnde Arbeitshaltungen.
- Beim Sitzen sind Ihre Beine etwa 90 Grad angewinkelt, die Fußsohlen berühren vollständig den Boden.
- Die Oberschenkel liegen dabei waagrecht oder fallen leicht nach vorne ab.
- Die Rückenlehne sollte stufenlos verstellbar sein und mindestens 20 Zentimeter über den Sitz hinausragen. Besser ist, die Rückenlehne ragt bis zu den Schulterblättern.
- Der sogenannte Lendenbausch, also die Innenwölbung der Lehne befindet sich auf Gürtelhöhe.
- Wenn Sie mit dem Rücken anliegen, sollten die Beine noch mindestens zwei Fingerbreit über die Sitzvorderkante hinausragen.
- Über Ihren Oberschenkeln ist noch eine Handbreit Platz bis zur Tischplatte.
- Die optimale Sitzbreite liegt zwischen 40 und 48 Zentimetern.
- Sie können sich auf Ihrem Stuhl problemlos drehen, bewegen und aufstehen – auch wenn Sie zurückrollen, stoßen Sie nirgendwo an.
- Der Raum hat eine optimale Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent. Was hilft: lüften, Luftbefeuchter, großblättrige Pflanzen.
- Der Raum muss Tageslicht haben.
- Sie sollten den Raum regelmäßig lüften (können) – sogenanntes Stoßlüften: Fenster für 5 Minuten weit auf.
- Achten Sie auf Lärmschutz. Schon geringer Lärm erzeugt Stress und beeinträchtigt die Leistungskraft, so eine Studie der Cornell Universität in Ithaca. Ergebnis: Beschäftigte versuchen in lauten Büros 40 Prozent seltener Probleme zu lösen.
- Der Raum hat hohe Decken. Denn Je höher der Raum, desto besser und sprudelnder die Gedanken, wollen die US-Wissenschaftler Joan Meyers-Levy und Juliet Zhu herausgefunden haben. Allerdings schränkten die Forscher zugleich ein: Vorteile bringen hohe Decken nur bei Freiarbeiten, wie Brainstorming sowie analytischen Fragestellungen. Wenn es dagegen darum geht, die Innovationen konkret auszuarbeiten und umzusetzen, sind niedrige Decken besser.
- Das Büro hat eine Temperatur von 22 bis 23 Grad. Denn Mitarbeiter schaffen in einem warmen Büro deutlich mehr als in einem kalten, hat Alan Hedge von der Cornell Universität herausgefunden. Dazu ließ er die Angestellten einer Versicherung in Florida bei 20 Grad arbeiten. Die Assekuranzler malochten 54 Prozent ihrer Zeit und hatten eine Fehlerquote von 25 Prozent. Dann drehte Hedge die Heizung auf 25 Grad: Die Leute schufteten jetzt nahezu 100 Prozent und machten auch nur noch 10 Prozent Fehler.
- Die Beleuchtung erfolgt indirekt – also keine direkten Spots auf den Tisch, sondern eher Wandstrahler mit warmem Licht. Sonst ermüden die Augen zu schnell.
- Beim Schreiben entstehen auf der Tastatur keine Schatten.
- Achten Sie auf nicht allzu hohe Kontraste (helles Fenster, dunkler Bildschirm) sowie möglichst keine Blendeffekte durch reflektierende Gegenstände im Raum oder an den Wänden.
Bildschirm
Schreibtisch
Bürostuhl
Raum







Tim A. Bohlen
Ausgezeichnete Zusammenfassung! Vielen Dank dafür!
Doc Sarah Schons
sehr guter artikel! werd ich oft und gern zitieren und weiterverlinken, denn das sollte jede/r wissen
Gerhard Zirkel
Der Arbeitsplatz und das Gebäude in dem er sich befindet wurde nach raumpsychologischen Kriterien geplant … – hatte noch gefehlt, obwohl einige dieser Kriterien bereits genannt wurden. Aber eben nicht alle.
Übrigens ist mein Monitor zu klein, das wusste ich aber vorher schon :)
Gerhard Zirkel
Monika Birkner
Sehr intereressant und kommt zur rechten Zeit, da ich mich gerade mit der Ergonomie in meinem Büro befasse. Den Bildschirm anders zu platzieren, macht schon einen deutlichen Unterschied.
Britta Stahl
Guter Beitrag! Dass sich die Temperatur bei einem Unterschied von 5 Grad so eklatant auf das Arbeitsverhalten auswirkt, war mir bisher nicht bewusst.
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