Elton John hatte Recht: Sorry scheint wirklich eines der am schwersten auszusprechenden Worte zu sein. Wobei man dazu sagen muss, dass die englische Variante hierzulande den meisten wohl deutlich leichter über die Lippen huscht, als ein wahrhaft zerknirschtes “Entschuldigung”. Damit steht das anglophon rausgerutschte “Sorry!” mit dem lapidaren “Tschulljung!” oder jovialem “Schuldigänse” nahezu auf einer Ebene. Dass einem so tatsächlich vergeben wird, steht indes auf einem ganz anderen Blatt.

Zunächst einmal ist es ja so: Wer einen Fehler macht, ein Versprechen bricht oder sonstwie versagt, lädt moralische Schuld auf sich. Das gilt im Kleinen wie im Großen und kann letztlich jedem von uns passieren. Nobody is perfect und so. Zurück bleibt dennoch in der Regel ein schlechtes Gewissen – und das wollen wir möglichst bald wieder loswerden. Dazu gibt es allerlei Mittel und Wege: Wiedergutmachung leisten etwa. Oder ein trauriges Gesicht aufsetzen und Blumen überreichen. Barfuß nach Canossa gehen kann man natürlich auch. Oder aber man bittet um Pardon, verbal, voller Reue und das möglichst glaubwürdig. Das geht am schnellsten, wirkt am nachhaltigsten und kostet nur zwei Dinge: Überwindung und unseren Stolz.

Scheinkampf um das verlorene Gesicht

Genau darin aber liegt das Problem. Viele Menschen hassen es, mit ihrer eigenen Imperfektion konfrontiert zu werden. Noch schlimmer: sie öffentlich eingestehen zu müssen. Unser Ego mag so etwas gar nicht. Wobei es da ein interessantes Phänomen gibt: Je egaler einem die Leute sind, desto leichter fällt die Entschuldigung. Je wichtiger uns diese Leute (oder die Gunst des Publikums) aber sind, desto verbissener kämpfen wir um unser verlorenes Gesicht – und machen es nur noch schlimmer.

Wie schwer fällt es beispielsweise vielen Menschen gegenüber ihrem Partner zuzugeben, dass sie einen dummen Fehler gemacht haben. Ich denke da etwa an Männer, die sich hoffnungslos verfahren haben, aber dennoch darauf pochen den Weg zu kennen, statt einen Passanten nach selbigem zu fragen. Oder an Frauen, die zwoundtrölfzig Gründe dafür (er)finden, warum sie dieses Paar Schuhe auch noch kaufen mussten, obwohl sie nicht einen Fetzen im Kleiderschrank haben, der dazu passt (oder bereits sieben andere Paar Schuhe, die noch besser passen). Im Job ist es nicht viel anders: Gegenüber dem Chef oder (als Chef) vor dem Team zuzugeben, Mist gebaut zu haben, fällt ungleich schwerer als das einem Kollegen einzugestehen, den wir weder als Konkurrenten noch als ebenbürtig betrachten. Wie dumm!

Wer einen Fehler macht, sollte um Verzeihung bitten. Und zwar ziemlich zügig und unabhängig von der Person. Das beweist nicht nur menschliche Größe (und ein normalgroßes Ego), sondern ist auch Balsam für Beziehungen aller Art. Leugnen wäre absolut verkehrt, das macht es nur noch schlimmer.

Auch hierzu fallen mir einige Beispiele ein. Nicht zuletzt aus diesem Blog. Schon einige Male habe ich erlebt, wie sich Kommentatoren im Verlauf einer Diskussion immer weiter in Widersprüche verstrickt haben. Doch anstatt einfach zuzugeben, dass die erste These vielleicht noch nicht ganz ausgereift oder eher eine gefühlte Meinung als ein belegbares Faktum war, kämpfen sie immer bitterer um ihr Recht, werden persönlich oder gar beleidigend, und wenn man sie darauf aufmerksam macht (zur Not auch, indem man sich ihrer Rhetorik anpasst), mutieren sie zum Wüterich und offenbaren den schlichten Geist eines Troglodyten.

Gewiss, das ist armselig, lehrt aber zweierlei:

  1. Wenn du merkst, es mit einem Profilneurotiker zu tun zu haben, diskutier nicht weiter.
  2. Wenn du merkst, falsch zu liegen, gibt es zu und bedanke dich für den Hinweis.

So entschuldigt man sich richtig

Entsprechend lauten die Grundregeln einer guten Entschuldigen: Bleiben Sie stets sachlich und souverän. Einem theatralischen Ausbruch der Zerknirschung, wie in Japan üblich, möchte keiner beiwohnen. Gut ist auch, kurz (!) zu analysieren, wie der Lapsus passieren konnte und wie man gedenkt, diesen künftig zu verhindern. Schließlich ist das das einzig Positive an Fehlern, dass man aus ihnen lernen kann.

Sorry EverybodyPS. Es gibt eine schon etwas ältere Seite, die Bilder mit diversen Sorrys gesammelt und zu einem Buch verarbeitet hat… Sorry Everybody

Wirklich wichtig daran ist aber, dass die Bitte um Vergebung schnell erfolgt. Der US-Psychologe Thomas Gilovich von der Cornell Universität hat sich dazu ein recht bemerkenswertes Experiment ausgedacht: 130 Studenten wurden in zwei Gruppen eingeteilt, wobei die eine Hälfte jeweils auf „Andrew“ traf, einen Test-Komplizen, während die anderen mit der ebenfalls eingeweihten „Lynn“ ein Zweierteam bildeten. Das Andrew-Gespann sollte ein Puzzle zusammenlegen, während das Lynn-Duo die beiden dabei beobachtete. Für jeden Puzzle-Erfolg bekamen die Probanden 25 Cent zugesprochen. Nach einer gewissen Zeit begann Andrew jedoch das Spiel zu sabotieren: Er telefonierte einfach mit seinem Handy oder gab fehlerhafte Hinweise. Kurz: Er mutierte zum Spielverderber.

Nach dem Versuch wurden die Probanden in drei Gruppen eingeteilt: Beim ersten Drittel entschuldigte sich Andrew spontan; beim zweiten Drittel entschuldigte er sich nur, weil Lynn ihn dazu nötigte; bei der letzten Gruppe entschuldigte er sich gar nicht. Jetzt fragten die Wissenschaftler ihre Probanden, wie hoch denn der monetäre Anteil von Andrew sein sollte.

Was glauben Sie, was passierte?

Tatsächlich sprachen ihm seine Puzzlepartner immer noch 36 Prozent des Gewinns zu, auch wenn sich der Grobian für sein Fehlverhalten gar nicht entschuldigte. 40 Prozent erhielt er, wenn er um Abbitte bat – jedoch völlig unabhängig davon, ob die Vergebung erzwungen oder freiwillig zustande kam. Noch interessanter war die Reaktion der Beobachter: Sie hielten 31 Prozent der Gewinns für gerechtfertigt, auch wenn Andrew keinerlei Reue zeigte; 34 Prozent erhielt er, wenn er sich freiwillig exkulpierte – aber nur 19 Prozent, wenn er erst unter moralischem Druck nachgab.

Die Lektion daraus: Warten Sie mit Ihrer (öffentlichen) Entschuldigung nie zu lange – oder aber verzichten Sie ganz darauf (was ich weniger empfehle). Je länger Sie warten und je größer der soziale Druck, um Vergebung zu bitten, desto geringer die Gnade des Publikums.